11.04.2019 - 17:12 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

"Gott in Flossenbürg gelassen"

Jack Terry ist das Gesicht der Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg. Viele Jahre hat er sich bemüht, Licht ins Dunkel der Geschichte zu bringen. Vor drei Jahren wollte er damit aufhören. Nun hat der 89-Jährige eine Ausnahme gemacht.

Jack Terry (links) und US-Botschafter Richard Grenell.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Bis heute fällt es Jack Terry schwer, vergammeltes Brot wegzuwerfen. Das ist etwas, das ihm aus seiner Zeit im Konzentrationslager geblieben ist. Damals hat er die Hände zu einer Schale geformt und das Brot daraus gegessen, aus Angst, ein Brösel könnte zu Boden fallen. Und: Er ist auf die Seite gegangen, damit ihm keiner das Brot wegnehmen kann.

Jack Terry war 15 Jahre alt, als am 23. April 1945 das Konzentrationslager Flossenbürg (Kreis Neustadt/WN) von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Die Geschichte über das Brot erzählt er, um den Hunger von damals zu illustrieren. Heute ist er 89 Jahre alt und steht vor einer Fotografie des Lagertors aus dieser Zeit in der amerikanischen Botschaft in Berlin. Darauf sind zwei US-Soldaten zu sehen, sowie ein Junge: Jack Terry.

"Nation ist schuldig"

Dieser Donnerstagnachmittag mit dem Holocaustüberlebenden und Autor ist überschrieben mit dem Titel: "Die Gefahren des Vergessens - Wachsender Antisemitismus". Die Zuhörer sind Schüler, unter anderem aus Berlin-Neukölln und aus Berlin-Lichterfelde. Zum Teil haben sie Eltern, die nicht hier geboren wurden.

Das 75-minütige Zeitzeugengespräch beginnt mit einem Sendungsauftrag. Er kommt nicht von Jack Terry, er kommt von US-Botschafter Richard Grenell. Für ihn ist Terry "ein Held", wie er sichtlich bewegt betont. Er fordert die Zuhörer auf, das, was sie an diesem Nachmittag aus erster Hand hören, weiterzutragen. Es soll nicht vergessen werden. "Sie sind beauftragt, dies ihren Kinder zu erzählen." Grenell und Terry kennen sich aus New York, wo der 89-jährige Mediziner und Psychiater lebt und Jahrzehnte gearbeitet hat. "Die Nation ist schuldig, aber nicht Sie", antwortet Terry auf die Frage einer Lehrerin und wiederholt eine Aussage des vor drei Jahren verstorbenen Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer. Die heutige Generation sei nicht verantwortlich für das, was in der Vergangenheit war, aber dafür, dass sich so etwas nicht wiederhole.

"Sie können von heute bis zum jüngsten Gericht sagen ,Nie wieder', und nichts wird passieren", sagt Terry und fordert zum Handeln auf. "Seid keine Zuschauer." Es komme auf jede Stimme an. Es gelte, dafür zu sorgen, dass jene, die Rassismus und Antisemitismus verbreiten, nicht gewählt werden. "Macht etwas, bevor es zu spät ist. Denn wenn es zu spät ist, ist es zu spät. Wir haben erlebt, was geschehen kann."

Die Jugend nachgeholt

"Ich habe Gott in Flossenbürg gelassen", sagt Terry. "Ich fühlte mich aber auch von ihm verlassen." Zugleich lässt er erkennen, dass die Menschlichkeit, die er bei den amerikanischen Soldaten beobachtet und erfahren hat, ihm den Glauben an die Menschen zurückgeben hat. Er erzählt vom Unwillen eines US-Soldaten, ein Pferd zu erschießen, damit die befreiten Häftlinge erstmals wieder Fleisch essen können. Dieser habe weggesehen, als er schoss. Welch ein Widerspruch zum SS-Mann, der Terrys Schwester vor den Augen seiner Mutter und dann sie selbst erschossen hat - aus Sadismus und Mordlust. Die durchdringende Kälte, das stundenlange Stehen in eisigem Wind auf dem Appellplatz, die harte Arbeit und der Hunger haben äußerlich keine Narben hinterlassen.

"Ich hatte keine Jugend, diese hole ich nach", antwortet Terry auf die Frage, was er mache, damit er wie ein 70-Jähriger aussehe. Dazu gehöre viel Sport, früher Tennis und Marathonläufe, darunter der Boston-Marathon, heute Rudern. Entscheidend dürfte aber die Freiheit sein, das zu tun und zu erreichen, was man will. In den USA habe er die Möglichkeit, das zu tun, was ihm wichtig sei, wenn er sich anstrenge, betont Terry. Er spricht davon, dass die Narben immer noch da seien, davon, dass er von den Erlebnissen verfolgt werde. Trotzdem: "Ich schätze das Leben."

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.