23.01.2020 - 11:47 Uhr
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Skulpturen und Schicksale: Neue Ausstellungen in KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Vielleicht ist der Ausdruck hochgegriffen, doch das 75. Jahr nach der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg ist für die Gedenkstätte eine Art Zeitenwende. Der will sie nicht nur wissenschaftlich gerecht werden, sondern auch mit künstlerischen Mitteln.

Shelomo Selinger in seinem Pariser Atelier im Jahr 1970. Eine Auswahl seiner vielseitigen Skulpturen und Reliefs wird ab Mitte Februar in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg zu sehen sein.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Mit gleich drei Wanderausstellungen wollen Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit und sein Team Zeichen setzen, dass ihre Arbeit auf eine Zäsur vorbereitet ist - das Aussterben der letzten Zeitzeugen.

Einer der noch lebt, ist Shelomo Selinger. Der 1928 geborene, israelisch-französische Bildhauer zeigt vom 13. Februar bis 17. Mai seine Werke. Als einziger seiner Familie überlebte er Todesmärsche und Lager, unter anderem das in Flossenbürg. Schwer traumatisiert von der Lagerhaft leidet er unter Amnesie, die über sieben Jahre dauern wird.

Ein Jahr nach dem Krieg wandert er nach Palästina aus. Die Begegnung mit seiner zukünftigen Frau 1951 bringt ihn zur Bildhauerei. Zu dieser Zeit gewinnt Selinger auch sein Gedächtnis wieder.

Steinerne Lebenslust

Das Paar geht 1955 nach Paris, wo Shelomo Selinger ein Kunststudium beginnt. Bis heute hat er über 800 Skulpturen aus Granit, Sandstein, Bronze und Holz geschaffen. Nur die wenigsten befassen sich explizit mit dem Holocaust. Dennoch gehören gerade diese Werke zu seinen eindrucksvollsten. Die für Flossenbürg ausgewählten Exponate lassen die zentralen Motive erkennen, aus denen Selinger seine Kraft schöpft: Liebe, Familie und die Lust am Leben als Symbole des Überlebthabens. Ergänzt wird die Ausstellung um Modelle der von ihm geschaffenen Shoah-Mahnmale. Die Ausstellung ist zusammen mit dem Institut für Romanistik an der Universität Regensburg sowie dem Skulpturenmuseum im Hofberg in Landshut konzipiert.

Zeitzeugeninterviews

"Ende der Zeitzeugenschaft?" heißt es von 17. Juni bis 13. Dezember. Das Fragezeichen im Titel ist nicht von ungefähr gesetzt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Museen, Archive und Gedenkstätten 75 Jahre nach Kriegsende mit den unzähligen Dokumenten und Zeugnissen von Zeitzeugen umgehen sollen.

Die Ausstellung hinterfragt die Entstehung der Überlebenden-Interviews und beleuchtet die Bedingungen, unter denen die Betroffenen erzählten. Besucher erhalten auch Einblicke in die stattliche Sammlung videografierter Zeitzeugeninterviews der Gedenkstätte. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt mit dem Jüdischen Museum Hohenems in Vorarlberg.

Um Einzelschicksale dreht sich auch eine dritte Schau, bei der die KZ-Gedenkstätte federführend war. Sie richtet den Blick über die tschechische Grenze und ist überschrieben mit "Heute ein Heiliger, morgen ein Schweinehund". Es handelt sich um ein Bonmot des Satirikers Karel Havlícek Borovský.

Zitiert hat ihn der Landwirt Radomir Faltynek 2012 in Prag, als er einen hohen militärischen Orden erhält. In dem Zitat des 86-Jährigen ist Spott und Distanz zu den Zeitläufen in Europa und der Tschechoslowakei von den 1940er Jahren bis heute zu spüren. Faltynek ist einer von 15 Protagonisten der Ausstellung. Die anderen sind unter anderem eine jüdische Malerin aus Prag, ein sudetendeutscher Kommunist und ein Diplomat im Dienst von Staatspräsident Edvard Benes. Ihnen gemeinsam ist neben der tschechoslowakischen Herkunft die Lagerhaft in Flossenbürg oder einem seiner Außenlager.

Symbolträchtiger Saal

In ihren Biografien verbergen sich neben persönlichen Schicksalen geschichtliche Zäsuren wie der Anschluss an Hitlerdeutschland, die Machtergreifung der Kommunisten, der Prager Frühling oder die Samtene Revolution. Die Gedenkstätte recherchiert seit Jahren die Lebenswege der 4500 ehemaligen tschechoslowakischen Häftlinge. Doch bevor die Ausstellung in Flossenbürg zu sehen sein wird, wird sie am 6. Mai in Prag eröffnet - nicht irgendwo, sondern im Saal des Nationaldenkmals auf dem Veitsberg.

Das allein zeigt, welche Bedeutung die Tschechen der Arbeit beimessen. Danach soll die Ausstellung durch Bayern, Sachsen und Tschechien wandern. Wohin genau, wird noch festgelegt. Fest steht nur, dass eine Etappe Flossenbürg sein wird.

Neue Konzepte für die KZ-Gedenkstätte

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