21.01.2020 - 13:09 Uhr
FlossenbürgDeutschland & Welt

Steinbruch wird Teil der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Mit jedem Jahr, in dem Zeitzeugen wegsterben und die Geschichte neue Kapitel schreibt, verblasst die Erinnerung an die Vergangenheit. Damit dies in Flossenbürg nicht geschieht, haben die bayerische Staatsregierung und die KZ-Gedenkstätte große Pläne.

Jörg Skriebeleit vor der früheren Schlosserei des KZ-Steinbruchs. Die bayerische Staatsregierung heißt Pläne gut, darin eine Übernachtungsstätte mit 30 bis 50 Betten einzurichten, sobald der Gedenkstättenleiter und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten das Areal für ihre Arbeit entwickeln dürfen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

2020 jährt sich die Befreiung vom Nazi-Regime zum 75. Mal. Die Staatsregierung nimmt dies unter Federführung des Kultusministeriums zum Anlass, ein Gesamtkonzept zur Zukunft der Erinnerungskultur vorzulegen. Es betrifft das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg ebenso wie den Obersalzberg. Eine Schlüsselrolle kommt der Gedenkstätte Flossenbürg zu.

Nach dem Willen des Ministerrats, der am Dienstag in München zusammenkam, erhält die Gedenkstätte 2024 Zugriff auf den Steinbruch am Wurmstein. Er wird zurzeit noch von einem privaten Granitwerk genutzt. Sobald der Pachtvertrag ausläuft, soll das rund 20 Hektar große Gelände in die Gedenkstätte mit einbezogen werden.

Für Leiter Jörg Skriebeleit geht damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung. Der Steinbruch ist die Blaupause für die von der SS praktizierte Vernichtung durch Arbeit. In den Nachkriegs- und Wiederaufbaujahren steht er exemplarisch für Verdrängung. Der Freistaat verpachtete das Gelände immer wieder für kommerzielle Zwecke. "Es ist ein zentrales Anliegen unserer vielen internationalen Delegationen, dass das Areal Teil der Gedenkstätte wird", beschreibt Skriebeleit Erwartungen an die Zukunft der Gedenkstättenarbeit.

Quartier mit bis zu 50 Betten

Die wollen der Freistaat und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten nun erfüllen. "Es sind Mischnutzungen denkbar, die der historischen Bedeutung des Geländes gerecht werden", sagt Skriebeleit. Dabei ist von einem "mittleren zweistelligen Millionenbetrag" die Rede.

Einiges davon soll in ein Übernachtungshaus mit bis zu 50 Betten in der ehemaligen Schmiede und Schlosserei des Steinbruchs fließen. Skriebeleit: "Ich könnte mir auch mal Belegungen mit einer Pfadfindergruppe oder der Jugendnationalmannschaft der Biathleten vorstellen." Nach dem Vorbild des Museumscafés, das als Teil der Gedenkstätte viel Öffentlichkeit herstellt, könnte sich das Nachtquartier in das Ortsgeschehen von Flossenbürg einfügen und so weiteres Interesse auf die Erinnerungsarbeit lenken. In erster Linie soll es aber Gruppen zur Verfügung stehen, die sich zu Gedenk-, Weiterbildungs- oder Forschungszwecken auf dem Gelände aufhalten.

Häftlingstreppe erhalten

Ob parallel dazu noch Granitabbau möglich ist? "Ich sehe das nicht, aber dazu läuft die Diskussion auf politischer Ebene", erklärt Skriebeleit. In der Tat: Dass dort, wo heute Schilder vor Lebensgefahr warnen, weiter mit Sprengstoff Gestein vom Fels gelöst wird, während daneben Jugendliche übernachten, ist schwer vorstellbar. Der Gedenkstättenleiter will die 20 Hektar samt sechs Gebäuden als "Großdenkmal wahrnehmbar machen". Das gilt auch für die berühmte Häftlingstreppe. Wie kein anderes Objekt im Steinbruch ist sie das Symbol für die Torturen der Zwangsarbeiter. Über diese Stufen mussten sie Steine schleppen, ihren Dienst und den Rückmarsch ins Lager antreten. Durch die Folgenutzung ist dieses historisch wertvolle Relikt arg verschlissen. In Zukunft soll die Treppe nicht mehr begehbar sein. Schilder oder Tafeln sollen ihre Bedeutung veranschaulichen.

Das ist noch längst nicht alles: Neben Räumen für Veranstaltungen und Ausstellungen sollen im Zuge einer Kooperation mit der Universität Regensburg (siehe Infokasten) Plätze für Studienzwecke entstehen, etwa für Stipendiaten.

Dafür ist das Hauptverwaltungsgebäude der früheren SS-Firma Deutsche Erd- und Steinwerke (DESt) im Gespräch. Dieses spätere "Wirtshaus am Wurmstein" ist ebenfalls marode. Die Gedenkstätte darf es aber bereits nutzen, zuletzt 2019 für eine vielbeachtete Ausstellung des Münchner Fotografen Rainer Viertelböck. Er präsentierte Aufnahmen, die zeigen, was aus ehemaligen KZ-Außenlagern in ganz Europa geworden ist. Die Schau brachte Skriebeleit auf eine Idee: "Vielleicht genügt es, das DESt-Gebäude nur zu ertüchtigen. Es wäre ein neuer Weg, Formen des Verfalls zu erhalten als weitere Thematisierung vom Umgang mit Relikten von Gewaltherrschaft auf wissenschaftlicher, kultureller und künstlerischer Ebene."

"Erinnerungslabor"

Der Gedenkstättenleiter verwendet dazu gern den Begriff "Memory Lab", Erinnerungslabor. Darin darf und soll eben mal experimentiert werden. "Ein Ort, der nicht nur ritualisiert moralische Haltungen vermittelt, sondern Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz beweist."

So einen Aspekt zeigt die Bewerbung Nürnbergs für den Titel einer Kulturhauptstadt Europas. Gerade wegen des Steinbruchs ist die Gedenkstätte weiter Teil der zweiten Phase für die deutsche Vorauswahl. "Die mörderische Granitgewinnung in Flossenbürg, auch für das Reichsparteitagsgelände, ist die Antithese zur Schauseite des Regimes in Nürnberg", nennt es Skriebeleit.

Das schafft Raum für neue Impulse. Zum Beispiel für ein "artists in residence"-Programm, wobei sich Nürnberger Künstler in Flossenbürg an kreativen Formen des Gedenkens versuchen könnten. "Es gibt deutschlandweit beispielsweise kein Museum für Kunst und Gewalt", wagt sich Skriebeleit an eine Vision.

Bei allen Gedankenspielen holt ihn aber schnell die Pflicht ein - die Pflege eines immensen Friedhofs: "Es bleibt unsere Hauptaufgabe, den Opfern und Gräbern Gesichter und Geschichten zu geben."

Flossenbürg als Lehr- und Lernort der Universität Regensburg:

Ob es schon zum Wintersemester losgeht, wagt Jörg Skriebeleit noch nicht zu sagen. Er freut sich jedoch schon sehr darauf. Der Gedenkstättenleiter soll Chef eines neuen „Zentrums vergleichender und angewandter Erinnerungskultur“ an der Uni Regensburg werden. Das ist verbunden mit dem Titel eines Honorarprofessors.

Etwas Vergleichbares gibt es an keiner weiteren deutschen Hochschule. Es bedeutet nicht, dass Skriebeleit nun nach Regensburg wechselt, allerdings wird er dort regelmäßig mit einem Direktorium, Doktoranden und Assistenten die Einrichtung aufbauen. Die Aussicht darauf hat für den Vohenstraußer mit den Ausschlag gegeben, Angebote in Thüringen oder Berlin auszuschlagen. „Was mich hier hält, ist, dass sich die Gedenkstätte den Ruf erworben hat, immer kritisch und innovativ das Thema Erinnerungskultur zu bespielen.“

Diese Innovationen sind in einer Phase gefragt, in der die letzten Zeitzeugen verschwinden. Der Freistaat will dem mit der Neugründung in Regensburg Rechnung tragen. Das Zentrum für Erinnerungskultur soll interdisziplinär agieren und Berührungen mit technischen wie geisteswissenschaftlichen Fakultäten haben.

Das alles war vor 25 Jahren kaum vorstellbar. Zwar wurde Flossenbürg auf Initiative polnischer Überlebender 1949 zur allerersten KZ-Gedenkstätte der Republik, doch danach geriet das Lager, in dem 30 000 von 100 000 Häftlingen ihr Leben verloren, zusehends in Vergessenheit. Erst in den 1990er Jahren änderte sich dies. Skriebeleit fing 1995 als Ein-Mann-Instanz an. Heute hat er einen Stab von rund 25 festen und über einem Dutzend freier Mitarbeiter um sich. Deren Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Europäischen Museumspreis. Dieses Team hat die Schicksale Tausender Gefangener rekonstruiert und ist international gut vernetzt. Zu den jährlich 90 000 Gedenkstätten-Besuchern gehören auch Staats- und Regierungschefs. (phs)

Kommentar:

Wahrhaft denkwürdig

Auch wenn der Vergleich hinkt: Das Gesamtkonzept für Erinnerungskultur, das der bayerische Ministerrat zum 75. Jahr der Befreiung vom Nationalsozialismus vorlegt, ist für Wissenschaftler und Bürger ein ähnlich wuchtiger Aufschlag wie die Behördenverlagerung für ländliche Regionen in der vergangenen Woche. Obwohl sich das Wort „profitieren“ im Zusammenhang mit KZ-Gedenkstätten eigentlich verbietet, wertet es die Oberpfalz gleich doppelt auf.
Die Universität Regensburg bekommt mit dem Erinnerungskultur-Zentrum ein Alleinstellungsmerkmal, um das sie viele beneiden dürften. Ein Zeichen, dass in Zeiten von Hightech-Agendas nicht nur millionenteure Labore für Künstliche Intelligenz das Renommee einer Hochschule veredeln.
Daneben hat sich die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, allen voran Leiter Jörg Skriebeleit, den Zugriff auf den Steinbruch redlich verdient. Das zeigen seine Ideen, die richtungsweisend für Erinnerungskultur in ganz Europa sind.
Kaum vorstellbar, dass das „vergessene KZ“ noch vor 25 Jahren ein skandalöses Schattendasein im kollektiven Gedächtnis an die NS-Verbrechen fristete. Dann kam Skriebeleit und kurz darauf der erste Gedenkakt der bayerischen Staatsregierung in Flossenbürg überhaupt. Dass der Gedenkstättenleiter vor Kurzem Angeboten aus Berlin oder Thüringen widerstehen konnte, macht das gerade vorgestellte Gesamtkonzept umso wertvoller.

Friedrich Peterhans

Im Blickpunkt:

Neue Konzepte für Nürnberg und Dachau

Außer für Flossenbürg stellte der Ministerrat für etliche andere Gedenkorte an die nationalsozialistische Herrschaft Weichen. So soll die Dokumentation am Obersalzberg neu gestaltet werden. Ähnliches gilt für die Ausstellungen im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und zum Memorium Nürnberger Prozesse. Daneben sind erhaltende Maßnahmen an der Tribüne des Zeppelinfelds in Nürnberg geplant. Instandsetzungen und Sanierungen sind ferner an der KZ-Gedenkstätte Dachau vorgesehen, die jedes Jahr rund eine Million Menschen besuchen. Auch räumliche Erweiterungen sind in Dachau in der Diskussion. Sämtliche Schritte muss allerdings der Landtag absegnen. (phs)

Mehr zu den Plänen der KZ-Gedenkstätte 75 Jahre nach der Befreiung

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