08.10.2019 - 10:11 Uhr
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Heimatgefühl und Feierlaune: München fest in Oberpfälzer Hand

Viele Oberpfälzer schlossen sich in München zu Landsmannschaften zusammen, um die Bräuche der Heimat in der Ferne weiter zu pflegen. Doch heute kämpfen die Gruppen um Nachwuchs – mit unterschiedlichem Erfolg.

Eine rauschende Ballnacht feiern die Oberpfälzer Landsmannschaften 1987 in München mit ihrem damaligen Vorsitzenden Karl Hartinger (vorne, Dritter von links).
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Arbeitslosigkeit auf dem Land führte viele Oberpfälzer nach München. Das war auch schon Ende des 19. Jahrhunderts so. Um in der fernen Landeshauptstadt dennoch Oberpfälzer Dialekt und Traditionen zu pflegen, gründeten sie Landsmannschaften und Heimatvereine. Viele Mitglieder treffen sich noch immer regelmäßig in ihren Vereinslokalen. Doch die Oberpfälzer in München haben Nachwuchssorgen. Die Mitglieder sind heute "alles ältere Leute", sagt Dieter Ganzenmüller. Sie treffen sich nicht mehr so oft wie früher. Zum Beispiel der Oberpfälzer Verein München hat heute noch 119 Mitglieder - und damit gehört er zu den größeren. "Je weniger wir sind, desto weniger große Veranstaltungen können wir durchführen", erläutert der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Oberpfälzer Heimatvereine (Arge).

Faschingsbälle bei den Oberpfälzern beliebt

Vor Jahrzehnten war das noch ganz anders. Gerne erinnert sich Ganzenmüller an die Faschingsbälle der Landsmannschaft Rötz in den 70er Jahren. Die Rötzer seien damals mit drei vollen Bussen nach München gefahren, um im Hofbräuhaus mitzufeiern, so Ganzenmüller. Mit 600 Besuchern war der Saal voll. "Es gab früher auch Schwarz-Weiß-Bälle, ein großes Ereignis", schwärmt Gerhard Hermann, Beisitzer im Oberpfälzer Verein München. Und die Arge hat 1987 in den Pschorrbräu-Keller zum Oberpfälzer Ball mit Blumenpolonaise geladen. Davon hat Karl Hartinger noch die Einladungskarte.

Es gab einmal 28 Landsmannschaften, weiß Dieter Ganzenmüller. Derzeit sind es noch 13, davon haben sich 12 Gruppen in der Arbeitsgemeinschaft der Arge, einer Art Dachverband, zusammengeschlossen. Viele Orte haben eigene Vereine, etwa Nittenau oder Schmidmühlen, ergänzt Hermann. Amberg zum Beispiel hat keinen. Wer wie Hermann von dort stammt, tritt einfach dem Oberpfälzer Verein München bei.

Seit 1891 besteht die Landsmannschaft "Chalemunzia" Kallmünz. Sie ist die älteste, ihr Stammlokal "Zirbelstuben" befindet sich am Münchener Ostbahnhof. Am jüngsten ist der Heimatverein Neukirchen beim Heiligen Blut und Umgebung, gegründet 1973. Er trifft sich im "Zum Brünnstein" am Ostbahnhof. Beliebt scheint das "Wirtshaus in Sendling" zu sein, es ist das Stammlokal der Eslarner, Falkensteiner, Gleißenberger und Rodinger.

Umzüge nach München statistisch nicht erfasst

Wie viele Oberpfälzer im Laufe der Zeit nach München gezogen sind, ist nicht bekannt, weil Kommunen sogenannte Wanderungen erst ab etwa 1960 erfasst haben. Beim Statistischen Landesamt gibt es Daten zum Wachstum der Städte. Demnach ist die Zahl der Einwohner der Landeshauptstadt zwischen 1871 und 1900 besonders stark angestiegen – von 190.000 auf 520.000. 1927 haben sich die Oberpfälzer Gruppen zu einer größeren Gemeinschaft zusammengeschlossen: dem "Bund heimattreuer Ostmärker", aus dem in den 1950er Jahren laut Karl Hartinger die Arge entstanden ist. Das Ziel des Bundes wird in der Gründungsschrift festgehalten: "Den Heimatgedanken in noch breitere Kreise der in München lebenden Landsleute zu tragen sowie die wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Oberpfälzer und der bayerischen Ostmark zu fördern, wobei die Eigenart und Selbständigkeit der angeschlossenen Heimatvereine unberührt bleiben sollte", schrieb Hartinger in einem Aufsatz.

Hartinger, 1934 in Kötschdorf bei Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf) geboren, hat in Weiden die Oberrealschule (heute Kepler-Gymnasium) besucht und war im März 1968 zur Bundeswehr nach München beordert worden. Im selben Jahr holte der Diplomverwaltungswirt seine junge Familie von Roding zu sich. Eines seiner ersten Erlebnisse mit den Heimatvereinen sei der Ball mit der Rodinger Faschingsgesellschaft im Bürgerbräukeller Anfang der 70er Jahre. Ab 1981 war Hartinger für mehr als 30 Jahre Arge-Vorsitzender. Ziele der Vereine waren "in den Gründungsjahren, den Landsleuten eine gewisse Geborgenheit in der für sie unpersönlichen Fremde zu vermitteln, rat- und hilfesuchend zusammenzukommen und die vertrauten Bräuche von daheim nicht zu vergessen", schreibt Hartinger weiter. Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz: Hartinger organisierte als Vorsitzender viele Reisen quer durch West- und Ostdeutschland und nach Südtirol.

Karl Hartinger (auf dem Fass) bei einem Faschingsball der Oberpfälzer Landsmannschaften in München.

Sitzweil im Hofbräuhaus letztes großes Fest

Seit 1981 feiern die Landsmannschaften immer im November einen Gottesdienst im Alten Peter. "Dieses Fest ist der Höhepunkt in unserem Vereinsleben und deshalb auch immer mit zirka 600 Personen gut besucht", so Ganzenmüller. Die Gruppen treffen sich in der Kirche mit ihren Besuchern, die dazu aus der Oberpfalz anreisen. Danach findet eine Sitzweil im Hofbräuhaus statt.

Dieses Fest ist die einzig verbliebene große Veranstaltung der Landsmannschaften. Die Mitgliederzahlen schwinden, ältere Vereinszugehörige sterben, Nachwuchs kommt nicht nach. "Die jungen Leute haben kein Interesse mehr", sagt Ganzenmüller. Seiner Einschätzung nach ziehen heutzutage nicht mehr so viele Oberpfälzer nach München wie früher. Das Leben in der Heimat sei günstiger als in der Landeshauptstadt, der Lebensstandard aber genauso hoch.

Anderer Meinung ist Gerhard Hermann. Der 55-Jährige hat 2003 seinen Lebensmittelpunkt von Amberg nach München verlegt und ist Beisitzer im Vorstand des Oberpfälzer Vereins. "Grundsätzlich wird es immer junge Leute geben, die Interesse haben." Hermann verweist auf die vielen jungen Besucher beim Sudetendeutschen Tag in Regensburg. Aber: "Die jungen Leute erreicht man nur über die neuen Medien." Bei den Landsmannschaften kenne sich aber kaum einer gut damit aus. "Das sind alles ältere Herrschaften." Hermann hat deswegen einen Auftritt des Vereins auf Facebook eingerichtet - und wurde zurückgepfiffen: "enttäuschend". Lange Zeit hatten die Menschen aber kaum eine andere Wahl als nach München zu gehen. Die Leute, die kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, absolvierten oft die Lehre in ihrer Heimat. Weil sie danach meist keine Anstellung erhielten, zogen sie nach München, um dort einen Arbeitsplatz zu finden, erläutert Ganzenmüller.

So sah die Einladungskarte für den Oberpfälzer Faschingsball 1987 aus.

Kein Nachwuchs: Vereine lösen sich auf

Dem 83-Jährigen selbst sei es ähnlich ergangen. Seine Mutter stammt aus Rötz. Ganzenmüller wuchs ein paar Jahre in der Oberpfalz auf. Mit seinen Eltern zog er nach München. "Die Oberpfälzer sind sehr heimatliebend", sagt er. Das Erste, was seine Mutter in der Großstadt unternommen habe, sei der Eintritt in die Landsmannschaft Rötz gewesen, "weil dort ihre Schulfreunde waren". Bei den Treffen erzählen sich die Mitglieder Neuigkeiten aus der Heimat, bei der Rötzer Landsmannschaft ging es kürzlich um den 100. Geburtstag des Fußballvereins, und um das neue Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg, sagt Ganzenmüller.

Wegen des Nachwuchsmangels hat sich so manche Gruppe schon aufgelöst, etwa 2017 Schönsee. Jüngere Mitglieder gab es im Verein fast keine mehr, Kinder und Enkel von Vereinsangehörigen hätten sich in München bestens integriert und Freunde gefunden, hieß es in einem Artikel über der Auflösung. Und: Der Weg in die alte Heimat erscheine dank Autobahn und Zugverbindung viel kürzer als noch Anfang des 20. Jahrhunderts – Besuche könnten öfter stattfinden, erklärt Ganzenmüller. Doch ganz am Ende sind die Schönseer noch nicht: Immerhin in Nürnberg haben sie nach Angaben des Rathauses Schönsee noch eine Landsmannschaft.

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