Hirschau
21.03.2022 - 15:21 Uhr
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Seit 70 Jahren Hirschaus kulturelles Aushängeschild – der Musikzug

Ohne ihn ist das kulturelle Leben der Kaolinmetropole schlichtweg nicht denkbar - die Rede ist vom „Musikzug der Stadt Hirschau”. Heuer kann der sein 70-jähriges Bestehen feiern

Die Musiker*innen in ihren Heroldstrachten, die seit 1975 oft von batonschwingenden Majoretten begleitet werden, sind zweifellos ein Top-Aushängeschild für Hirschau. Der Bekanntheitsgrad des Orchesters reicht weit über die Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus.

Aus der Taufe gehoben wurde er als „Fanfarenzug der Kolpingfamilie”! Kooperator Jakob Wolfsteiner hatte Anfang der 1950er Jahre den damals 20-jährigen Josef (Sepp) Uschold animiert, einen Fanfarenzug aufzubauen. Uschold, 35 Jahre lang engagierter „Boss“ des Musikzugs, ging mit Feuereifer ans Werk. Zwölf Burschen der Kolpingjugend griffen mit ihm die Idee begeistert auf. Sie trafen sich zum Üben in Hinterhöfen, Kellerräumen oder Waschhäusern. Am 1. Mai 1952 war die große Stunde gekommen: Der Fanfarenzug trat auf dem Marktplatz erstmals öffentlich auf – die Burschen in schwarzer Hose und weißem Hemd, der Uniform der Kolpingjugend. Kooperator Josef Schedl war es dann, der den Umbau vom Fanfaren- zum Spielmannszug auf den Weg brachte. Im Mai 1967 präsentierte sich dieser erstmals in der blauen Heroldstracht. Mit der Kleidung änderte sich die musikalische Ausrichtung. Besonders verdient um die Ausbildung machten sich Georg Häusler, Rolf Mader und Georg Meier. Um die musikalische Entwicklung zu fördern, wurden ab 1973 auch Mädchen aufgenommen. Das Interesse der weiblichen Jugend war und ist groß. Ohne sie ist das heutige Orchester schlichtweg nicht denkbar.

Von der Französin Viviane Flaus inspiriert, beschloss Uschold 1975 den Aufbau einer Majorettengruppe. Unterstützt wurde er von Victoria Böller und Gerlinde Königseder. Am 10. August 1975 präsentierten sich die Majoretten erstmals öffentlich beim Drachenstich in Furth im Wald. In Hirschau feierten sie drei Wochen später beim Marktplatzfest eine umjubelte Premiere. Heute wird die insgesamt 16-köpfige Gruppe von Lilli Pfab und Marie Giehrl geleitet. Ab 1977 wurde der Spielmannszug unter Leitung von Musiklehrer Peter Feldmeier zum Musikzug weiterentwickelt. 1987 brachte einen Einschnitt in die Vereinsgeschichte. Sepp Uschold zog sich zurück, Peter Feldmeier verabschiedete sich. Werner Stein übernahm den Vorsitz. Die Verpflichtung des 20-jährigen Anton Lottner als musikalischer Leiter erwies sich als Glücksgriff.

1988 erfüllte sich der Traum vom eigenen Probenraum. Helmut Birner stellte ihn im Keller des Josefshauses zur Verfügung. Da der Musikzug seinem Nachfolger nicht ins Konzept passte, richtete man 2010 Probenräume im Schulhaus ein. Diese musste man im April 2019 wegen der geplanten Schulhaussanierung wieder räumen. Seither probt man wieder im Josefshaus.

2003 übergab Lottner den Dirigentenstab an den kroatischen Musiker Zlatko Stricic. Er kehrte 2004 in seine Heimat zurück. Seine Nachfolgerin, das damals 21-jährige Dirigenten-Eigengewächs Annette Pruy-Semsch meisterte die Aufgabe mit Bravour. 2016 erhielt das Orchester beim Oberstufen-Wertungsspiel die Höchstwertung „mit ausgezeichnetem Erfolg“. Nach ihrem beruflich bedingten Wegzug wurde der 20-jährige Wolfgang Vögele 2017 mit der Orchesterleitung betraut. Er hat seit Oktober 2018 auch das Jugendorchester unter seinen Fittichen. Dieses wurde Anfang 2022 aufgelöst, die Musiker*innen wurden in das große Orchester übernommen. Ins Leben gerufen hatte man das Jugendorchester 2004. Zehn Jahre lang wurde es vom Eigengewächs Andrea Enderer geleitet, von 2014 bis 2018 von Sophia Hoffmann, gleichfalls einem Eigengewächs. Sie intensivierte die Jugendarbeit 2014 durch die Gründung einer Bläserklasse. Eine solche konnte unter ihrer Leitung auch 2017 eingerichtet werden. Unter der Leitung von Wolfgang Vögele gelang heuer zum dritten Mal die Bildung einer Bläserklasse. Aus ihr soll in zwei Jahren ein neues Jugendorchester hervorgehen.

2013 brachte nach 26 Jahren einen Generationswechsel im Vorsitz. Maximilian Stein, bis dahin Jugendvorstand, trat die Nachfolge seines Vaters Werner an. Ein Jahr später bekam der Musikzug Zuwachs in Form von Regina Merkls Kinder- und Jugendgarde. Ihr ist maßgeblich die Wiederbelebung des Hirschauer Faschings zu verdanken. Nach sieben erfolgreichen Jahren unter dem Dach des Musikzugs machte sich die Garde 2020 als Narrhalla Hirschau selbständig.

Das Thema Fasching bzw. Karneval genießt beim Musikzug einen besonderen Stellenwert. Seit 52 Jahren ist man bei Rosenmontagsumzügen im Rheinland dabei - zur Premiere 1970 in Mainz, ab 1978 alljährlich in Düsseldorf. Seit Mitte der 1980er Jahre gehört man sogar zur Leibgarde ihrer Lieblichkeit Prinzessin Venetia. Heuer fiel die Reise an den Rhein der Corona-Pandemie zum Opfer. Ein Top-Highlight des Hirschauer Faschings war jahrzehntelang der Landsknechtsball des Musikzugs im ausverkauften Josefshaus. Er fand letztmals am 17. Februar 1990 statt.

In seiner 70-jährigen Geschichte gastierte der Musikzug in der Schweiz, in Schottland, in Frankreich und Spanien, in Tschechien und Norwegen. Am 20. September 1975 führte man sogar die „Steuben-Parade” vorbei an hunderttausenden von Schaulustigen in New York an. Zu den unvergesslichen Auslandsauftritten gehört auch der 1975 auf dem Petersplatz in Rom bei der Illumination des Hirschauer Papst-Christbaums. Andererseits war der Musikzug mehrmals Gastgeber ausländischer Musik- und Tanzgruppen, 2015 z.B. aus China.

In Hirschau gibt es kein größeres Ereignis, das nicht vom Musikzug musikalisch begleitet wird. Mit dem Marktplatzfest lockt man seit 1975 Jahr für Jahr Einheimische wie Touristen in Scharen ins Zentrum der Stadt. Das Osterkonzert ist längst ein absolutes Highlight im Kulturleben. Beide Veranstaltungen fielen in den letzten beiden Jahren Covid 19 zum Opfer und müssen auch heuer im Jubiläumsjahr abgesagt werden. Als Ersatz plant man eine Sommerserenade und ein kleines Gartenfest am traditionellen Stadtfestwochenende. Nachgefeiert werden soll auch noch das 40-Jährige der Majoretten. Ein Aktivposten im Vereinsleben ist die Jugendvorstandschaft. Sie hat z.B. trotz hoher Corona-Auflagen sowohl 2020 als auch 2021 ein Zeltlager für die Jugendlichen durchgeführt. Aktuell spielen 52 Musiker*innen unter Leitung von Wolfgang Vögele im großen Orchester, weitere 18 sind in Ausbildung. Während der Corona-Zeit hat der Dirigent alles nur Denkbare unternommen, um die Musiker*innen trotz fehlender Präsenzproben fit zu halten. Mit Andrea Fleischmann absolviert derzeit wieder ein Eigengewächs die Dirigentenausbildung.

Die finanzielle Situation des Musikzugs hat verständlicher Weise unter dem Wegfall der jeweils beiden Osterkonzerte und Marktplatzfest stark gelitten. Nicht nur deshalb würde man sich im Jubiläumsjahr über Spenden oder neue fördernde Mitglieder sehr freuen. Anträge findet man auf der Musikzug-Homepage unter www.musikzug-hirschau.de.

 
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