Nach 100 Tagen im Amt als neuer CSU-Chef marschiert Markus Söder mit Volldampf zurück in die Zukunft. Auf der Suche nach dem Weg zur alten Stärke hat Söder tief unten im Archiv der Parteizentrale den alten Slogan "CSU - Näher am Menschen" wiederentdeckt. Das heißt, er ist von Mitgliedern darauf gestoßen worden, denen die CSU zuletzt etwas zu abgehoben von den wahren Sorgen und Wünschen der Bürger agiert und damit viel Zuspruch bei den Wählern verloren hatte. Der Ministerpräsident teilt deren Einschätzung offenbar.
Mit dem Motto aus der längst verblichenen Zeit des heutigen Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber, das dieser einst mit seiner technokratischen Effizienzpolitik selbst verraten hatte, will Söder das "Mia san mir"-Gefühl der Bayern wiederbeleben. Nur mit Retro allein funktioniert das allerdings nicht.
Die CSU, sagt Söder, müsse das veränderte Lebensgefühl der Bayern aufnehmen. Gerade in den Städten mit den vielen von außerhalb des Freistaats zugezogenen Neubürgern habe es da eine gewisse Entfremdung gegeben. Die CSU müsse wieder "stärker in der Bevölkerung verankert" werden.
Durch die Zentrale gefegt
Dazu fegt Söder wie ein neuer Besen durch die CSU-Zentrale. Blickt man auf den Umfang der Maßnahmen, die er ankündigt, scheint sich in den zehn Jahren unter seinem Vorgänger Horst Seehofer allenthalben eine dicke Staubschicht angesammelt zu haben. Die Organisation wird gestrafft, die interne und externe Kommunikation auf neue Beine gestellt. Nicht weniger als die "modernste Parteizentrale Deutschlands" soll da am Münchener Mittleren Ring entstehen, kündigt Generalsekretär Markus Blume an - durchdigitalisiert von vorne bis hinten. Auf allen Kanälen werde man präsent sein. "Wir wollen nicht nur die Meinungshoheit an den Stammtischen zurückerobern, sondern auch in den sozialen Medien des Internets prägen", erklärt Blume.
Aus allen Rohren
Koordiniert aus der Parteizentrale will Blume ein Unterstützer-Team aus Mitgliedern rekrutieren, die Facebook und Co. in Echtzeit mit CSU-Positionen befeuern und Aussagen der Konkurrenz kommentieren. "Ich bin nicht bereit, das AfD-Monopol auf digitale Kommunikation zu erhalten", gibt Söder die Stoßrichtung vor. Denn auf diesem Gebiet waren die Rechtspopulisten mit ihrer gerne auf Fake-News basierenden Propaganda zuletzt führend. Damit soll es nun vorbei sein. Versteht man Söder richtig, wird die CSU künftig digital zurückschießen - und zwar aus allen Rohren.
Bedenkt man, dass Söder eigentlich gar nicht CSU-Chef werden wollte, hat er das neue Amt inzwischen mit Verve angenommen. "Das waren spannende 100 Tage", sagt er, "Tage, die Lust auf mehr machen." Früher, erklärt er und meint die letzte Zeit unter Seehofer, habe sich jeder in der CSU misstrauisch beäugt, jetzt herrsche "tolle Teamarbeit". Das mache richtig Freude. Optimismus und Selbstbewusstsein müsse die CSU wieder ausstrahlen, gibt Söder vor und ruft das "Ende der Selbstbeschäftigung" aus. Seit seinem Amtsantritt sei der Trend positiv. Die Mitgliederzahl steige leicht, die Umfragewerte würden sich stabilisieren. "Es geht voran, wenn auch nicht so schnell, wie man sich das wünscht", bilanziert Söder.
Geduld war noch nie eine seiner hervorstechenden Tugenden. Das werden sie wohl bald auch in Berlin merken. Zwar fühle sich das neue Miteinander mit der CDU gut an, doch brauche die Große Koalition "neuen Schwung". Und der soll aus München kommen. Verteidigung, Außenpolitik, Steuern, Energie und Klima - überall will er mit der CSU "inhaltlich in die Offensive gehen".
"Eine deutsche Regierung muss jetzt die Kraft entwickeln, auf internationale Herausforderungen zu reagieren", betont Söder. Man wird sehen, wie die zumeist tiefenentspannte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dem Drängler aus München gegenübertritt.













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