München
20.10.2022 - 17:02 Uhr

"Massives strukturelles Problem": Lehrermangel an bayerischen Schulen

Der Lehrermangel an Bayerns Schulen wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Jährlich würden rund 6000 neue Lehrkräfte gebraucht, die Zahl der Absolventen liegt aber gut ein Drittel darunter.

Stühle stehen in einem leeren Klassenzimmer. In der Oberpfalz fehlen mindestens 510 Lehrer - über alle Schularten verteilt. Bild: Peter Kneffel/dpa
Stühle stehen in einem leeren Klassenzimmer. In der Oberpfalz fehlen mindestens 510 Lehrer - über alle Schularten verteilt.

In Bayern müssten künftig jedes Jahr mindestens 6000 neue Lehrkräfte eingestellt werden, um die gewünschte Unterrichtsversorgung zu gewährleisten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Berliner Bildungsforschers Mark Rackles im Auftrag der SPD-Landtagsfraktion auf Grundlage offiziell verfügbarer Daten des Kultusministeriums. "Der Lehrermangel in Bayern ist ein massives strukturelles Problem, kein zeitlich oder regional begrenztes", fasste Rackles seine Studie bei einer Pressekonferenz im Landtag zusammen. Bayern könne schon seit einigen Jahren seinen Lehrerbedarf nicht mehr aus eigener Kraft decken, die Lücke werde sich zukünftig sogar noch vergrößern.

Nach den Berechnungen Rackles' würden bis 2032 jährlich mindestens 6000 neue Lehrkräfte gebraucht, um ausscheidende Pensionäre zu ersetzen, die steigenden Schülerzahlen zu bewältigen und wachsende Anforderungen zu stemmen. In der Oberpfalz wären es über alle Schularten verteilt mindestens 510, nur um den aktuellen Versorgungsgrad zu halten. Schon jetzt aber liege die Zahl der Referendare an den Schulen bayernweit um knapp 30 Prozent unter dem Bedarf, berichtete Rackles. Etwa jeder fünfte Anwärter trete außerdem nach der Ausbildung nicht in den staatlichen Schuldienst ein. Vor diesem Hintergrund empfahl er, die Ausbildungskapazitäten für das Lehramtsstudium um bis zu 40 Prozent zu erhöhen.

Piazolo: "Die Hütte brennt"

Die SPD-Bildungspolitikerin Simone Strohmayr bezeichnete den Befund der Studie "erschreckend". "Bayern steht vor einem dauerhaften, strukturell bedingten Lehrerdefizit", sagte sie. Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) warf sie vor, "die Lage zu beschönigen, obwohl die Hütte brennt". Mit seiner Aussage von der "soliden Unterrichtsversorgung" übertünche er das "massive Versagen" der Staatsregierung in dieser Frage. Bis 2032 summiere sich der Bedarf an Lehrkräften auf 70 000. "Es ist völlig unrealistisch, diese Lücke mit der aktuellen Absolventenzahl zu schließen", urteilte Strohmayr. Es brauche endlich wirksame Maßnahme zur Bekämpfung des Lehrermangels.

Mehr Geld, mehr Lehrer, mehr Werbung

In erster Linie muss nach Ansicht Strohmayrs die Attraktivität des Lehrerberufs erhöht werden. Dazu gehöre die gerechte Bezahlung aller Lehrkräfte. Deshalb müsse auch das Einstiegsgehalt für Grund- und Mittelschullehrer auf die Stufe A13 angehoben werden. Als unerlässlich bezeichnete Strohmayr die Entlastung der Lehrkräfte im Schulalltag. Es brauche mehr pädagogische Unterstützungskräfte, IT-Spezialisten und Verwaltungskräfte. Dagegen sei es kontraproduktiv, den zusätzlichen Bedarf durch "Zwangsmaßnahmen" wie Mehrarbeit oder Einschränkung der Teilzeitmöglichkeiten decken zu wollen. Dies führe nur zu zusätzlichen krankheitsbedingten Ausfällen.

Als weitere Maßnahmen forderte Strohmayr eine Werbekampagne für den Lehrerberuf, die Erhöhung der Ausbildungskapazitäten und eine Reform des Lehramtsstudiums. Dieses müsse moderner und flexibler gestaltet werden, damit Lehrkräfte später an verschiedenen Schularten eingesetzt werden könnten. Zudem müsse darauf reagiert werden, dass viele angehende Lehrkräfte ihr Studium frühzeitig abbrächen. Die Zahl der Absolventen eines Lehramtsstudiums sei von 2016 bis 2021 um 28 Prozent zurückgegangen.

 
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