24.04.2021 - 20:01 Uhr
NeukirchenDeutschland & Welt

Aus Neukirchen in die Welt: Und immer lockt das Abenteuer

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Ob Kambodscha oder Bergkarabach, Siegfried Melchner kennt viele Krisenregionen der Welt hautnah. Ihn lockte schon immer das Abenteuer, sagt der Neukirchener, der bislang 58 Länder bereist hat.

Siegfried Melchner aus Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg zieht es immer wieder in Krisengebiete wie die "Republik Arzach" im Kaukasus, von der er einen Aufnäher an der Jacke trägt. Mitunter vertraut er bei seinen Touren auf den internationalen Presseausweis, den er sich vor Langem in London ausstellen ließ.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Siegfried Melchner öffnet eine silberfarbene Metallbox und packt aus: Insgesamt vier Reisepässe hat der 64-Jährige bislang gesammelt, alle voller Visa und Stempel. Denn den ehemaligen Fahrdienstleiter der Bahn reizen vor allem exotische Ziele. "Meine erste Fernreise habe ich 1981 auf die Philippinen gemacht", erzählt Melchner. Seine berufliche Tätigkeit ermöglichte es ihm, übers Jahr hinweg Urlaub und freie Tage anzusammeln, um dann mehrere Wochen am Stück die entlegensten Winkel der Welt zu erkunden. "Ich war eigentlich immer acht bis zwölf Wochen unterwegs." Oft besuchte er Krisenregionen oder Länder, in denen Diktaturen herrschten. "Mir ist es vor allem ums Abenteuer gegangen, mich interessieren Land und Leute", betont der Neukirchener. Dass seine Englisch- und Spanischkenntnisse "nur fürs Touristische langen", sei nie ein Hindernis gewesen, im Gegenteil: "Gerade weil ich in der einschlägigen Travelerszene nicht viel verstanden habe, wenn dort Englisch geredet wurde, war ich viel mit Einheimischen unterwegs und bin ganz anders ins Land eingetaucht."

Kambodscha

Die Reise in das südostasiatische Kambodscha, in dem von 1975 bis 1979 die "Roten Khmer" eine Schreckensherrschaft mit Hunderttausenden Todesopfern errichtet hatten, nennt Siegfried Melchner seine spannendste überhaupt. "1990 war ich allein in Vietnam unterwegs und habe dort ein bisschen was über Kambodscha erfahren. Bei uns in Deutschland hat man damals nicht viel dazu gehört und gelesen. Die Roten Khmer waren aber immer noch sehr aktiv." Melchners Versuch, im Mekongdelta nach Kambodscha zu gelangen, scheiterte allerdings. Dann habe er einen Franzosen getroffen, der für "Ärzte ohne Grenzen" arbeitete und ihm einen Tipp gab: Brillen könnten die Eintrittskarte in das abgeschottete Land sein, das damals über keinerlei touristische Infrastruktur verfügte und nicht einmal Journalisten einreisen ließ. "In Kambodscha hatte nämlich niemand eine Brille", erklärt Siegfried Melchner: "Die Roten Khmer haben Brillenträger als Angehörige der sogenannten Intelligenz ermordet, danach traute sich niemand mehr, eine aufzusetzen."

Ihm sei klar gewesen: "Die nächste Reise geht nach Kambodscha." Zurück in der Oberpfalz wandte der Globetrotter sich an einen Freund, den Neukirchener Pfarrer Siegwart Berendes. "Und der hat dann wirklich ein ganzes Jahr im Gottesdienst um Brillenspenden gebeten." Der Plan ging auf: Mit über 130 gebrauchten Sehhilfen im Gepäck flog Siegfried Melchner 1991 nach Vietnam und sprach in Saigon bei der kambodschanischen Botschaft als "Helper" vor. Es dauerte einige Zeit, doch nach "viel Bitten und Betteln" durfte er schließlich mit dem Bus ins Nachbarland einreisen, wo er in der Hauptstadt Phnom Penh in einem buddhistischen Kloster unterkam. "Damals gab es noch keine Uno-Friedenstruppen und das ganze Land war vermint", erzählt Melchner. Er besuchte eines der berüchtigten "Killing Fields" nahe der Hauptstadt, wo schätzungsweise 17000 Menschen ermordet wurden. "Man ist damals noch über Wege voller ausgeschlagener Zähne gegangen, es hat bei jedem Schritt geknirscht, als ob man auf Ziegeln läuft. Man hat Knochen, Kleidung und noch das Blut auf dem Fußboden gesehen, es war, als ob das Grauen erst gestern vorbei gewesen wäre."

Die gebrauchten Brillen brachte Siegfried Melchner einem französischen Pfarrer in Phnom Penh, dessen Adresse er im Jahr zuvor von seinem Tippgeber erhalten hatte. Auf diese Weise konnte er sicher sein, dass die Spenden nicht in dunklen Kanälen versickerten, sondern direkt bei den Bedürftigen ankamen. "Es war herzzerreißend", erinnert Melchner sich an den Gottesdienst, in dem die Sehhilfen verteilt wurden. "Alle haben sich die Brillen aufgesetzt, und wer damit irgendwie besser sehen konnte, der hat sie einfach behalten. Es war wirklich sehr bewegend."

"Irgendwer kümmert sich, und es geht immer irgendwie weiter."

Siegfried Melchner aus Neukirchen

Sri Lanka

Nach Sri Lanka führte Siegfried Melchner Anfang 1993 eine Reise zusammen mit seiner Frau. In dem Land hatte schon lange ein blutiger Bürgerkrieg zwischen hinduistischen Tamilen und buddhistischen Singalesen getobt. Melchner erzählt: "Der Westen war touristisch, der Osten Kriegsgebiet. Dort war Tamilenland und die Tamil Tigers waren aktiv." Genau dahin reisten die beiden Oberpfälzer. Im Hotel seien sie die einzigen Gäste gewesen, erinnert sich Siegfried Melchner. "Wir haben damals für Amnesty International Fälle von verschwundenen Fischern bearbeitet." Als Siegfried Melchner einen Soldaten kennenlernte, leistete ihm sein in London ausgestellter Presseausweis gute Dienste: Als vermeintlicher "Freelancer", also freier Journalist, durfte er nachts mit dem Militär auf Streife gehen. Weniger Erfolg hatte er mit seiner Mission für Amnesty: "Wir sind leider nicht bis zu den Familienangehörigen der Verschwundenen vorgedrungen."

Bergkarabach

Seine bislang letzte Tour unternahm Siegfried Melchner im September 2019 gemeinsam mit seiner Frau in den Kaukasus. Den Abenteurer reizte ein Besuch im zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Bergkarabach, doch einfach dort hinfahren, das ging nicht. "Es gab nicht mal einen Reiseführer, und das Auswärtige Amt riet dringend von der Einreise ab." Die Region sei in Folge der vom Ende der Sowjetunion bis 1994 andauernden bewaffneten Konflikte noch immer stark vermint. Zudem gebe es weder im armenischen Eriwan noch im aserbaidschanischen Baku eine Botschaft der international nicht anerkannten "Republik Arzach".

Siegfried Melchner ließ sich davon nicht abschrecken. "Wir haben in Eriwan ein Taxi genommen, das hat uns an den Stadtrand gebracht." Dort befand sich entgegen der Information aus dem Auswärtigen Amt nämlich doch eine Botschaft. "Wir haben vormittags die Anträge ausgefüllt und nachmittags schon die Visa bekommen." Die Botschaftsangehörige sei "total freundlich und hilfsbereit" gewesen, sagt Siegfried Melchner. "Sie hat uns noch eine ganze Liste aufgeschrieben, wo wir überall hin dürfen, zu alten Klöstern, den steilsten, tiefsten Schluchten, dem ältesten Baum." Auch einen Fahrer bekamen die Melchners gleich vermittelt: "Der war wahrscheinlich auch unser Aufpasser, aber ein feiner Kerl."

Nach der Einreise - "wir sind illegalerweise durch armenisch besetztes Staatsgebiet von Aserbaidschan gefahren" - ging es zu einem Hotel in der nur rund 50000 Einwohner zählenden Hauptstadt Stepanakert. Auf Touristen ist Bergkarabach nicht vorbereitet, stellten Siegfried Melchner und seine Frau bald fest: "Es gibt ein einziges Restaurant in der ganzen Stadt, keine Eisenbahnverbindungen, und alles ist nur in armenischer Schrift beschildert." Für abenteuerlustige Reisende allerdings war viel geboten. "Unser Fahrer hat uns die ehemalige Front mit den Schützengräben gezeigt. Die ehemals zweitgrößte Stadt ist nur noch eine Ruine, es sah aus wie nach einem Angriff des IS." Vieles sei nach den Unabhängigkeitskämpfen in den 90er Jahren nicht mehr aufgebaut worden, überall sollen Sprengfallen verblieben sein. Doch die Oberpfälzer erlebten auch eine beeindruckende Landschaft und uralte christliche Kultur. Die Menschen in Bergkarabach seien zwar arm, sagt Siegfried Melchner. "Aber wirklich schlimme Armut wie in vielen anderen Regionen der Welt habe ich dort nicht gesehen." Das Wiederaufflammen des Konflikts im Jahr 2020 macht ihn betroffen. "Ich finde, dass der neue Krieg von Aserbaidschan zutiefst ungerecht vom Zaun gebrochen wurde. Da, wo wir 2019 unterwegs waren, ist heute Aserbaidschan."

Zukunftsziele

Im Moment lässt die Corona-Pandemie keine Reisen zu, und Siegfried Melchner sagt, er wolle nicht mehr "so weit fliegen und nicht mehr in die Tropen". Doch die Welt hat auch nach Covid noch viel zu bieten. Ihn reize vor allem Zentralasien: "Usbekistan habe ich schon erlebt, das ist Kultur, die Seidenstraße, Samarkand." Jetzt ziehe es ihn nach Kirgistan und Tadschikistan, "das ist Natur und Landschaft, da leben Nomaden, das sind freundliche Leute". Überhaupt, findet Siegfried Melchner, habe er auf all seinen Reisen überwiegend positive Erfahrungen gemacht. "Es hat noch immer irgendwie mit der Verständigung geklappt, irgendwer kümmert sich, und es geht immer irgendwie weiter."

Siegfried Melchner hat auch ein besonderes Hobby: Er sammelt Sand aus aller Herren Länder.

Neukirchen
Hintergrund:

Konflikte und Terrorregime

Viele Länder und Regionen, die Siegfried Melchner bereiste, waren Schauplatz von Kriegen oder Bürgerkriegen.

  • Bergkarabach: Die hauptsächlich von christlichen Armeniern bewohnte Kaukasusregion, ehemals Teil der Sowjetunion und nach deren Zerfall zu Aserbaidschan gehörig, erklärte 1991 ihre Unabhängigkeit. Die Uno erkennt die "Republik Arzach" jedoch nicht an. Seit 1994 kontrollierte Armenien nach bewaffneten Konflikten einen Großteil des Gebiets und eine Pufferzone zu Aserbaidschan. Der Konflikt flammte 2020 wieder auf, Aserbaidschan eroberte große Teile zurück.
  • Kambodscha: Das Land in Südostasien erlangte 1953 die volle Souveränität von Frankreich und stürzte in den 1970er Jahren in einen Bürgerkrieg. Seit 1975 herrschte das Terrorregime der kommunistischen "Roten Khmer". Bis zu 2,2 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Vietnamesische Truppen beendeten die Schreckensherrschaft der Roten Khmer Anfang 1979.
  • Sri Lanka: Die Insel im Indischen Ozean wurde 1948 unabhängig und hieß bis 1972 Ceylon. In einem von 1983 bis 2009 dauernden Bürgerkrieg kämpften Angehörige der tamilischen Minderheit für einen eigenen Staat im Norden und Osten. Der Konflikt soll bis zu 100000 Todesopfer gefordert haben.

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