Ein gutes Leben bis zum Ende

Doktor Margarethe Pickert will ihren Patienten ein gutes Leben ermöglichen. Das bedeutet am Ende auch: einen guten Tod in der gewohnten Umgebung des eigenen Zuhauses. Wir haben die Palliativärztin bei einigen ihrer Hausbesuche begleitet.

Doktor Margarethe Pickert (rechts) und Pflegefachkraft Sieglinde Meisl packen den Pflege-Rucksack. Gleich geht's los zum ersten Patienten.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

7.45 Uhr, Freitagmorgen. Die Kaffeemaschine zischt. An der Pinnwand hängt eine Karte "Always look on the bright side of life". Das Telefon klingelt. In das Klingeln hinein fragt eine Frau: "Ist jemand gestorben heute Nacht?"

Doktor Margarethe Pickert, eine zierliche Ärztin, die braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, geht mit ihren Pflegern die Patienten-Kartei durch. Sie erzählt von ihnen. Die Ärztin darf durch die Hintertür ins Haus, sie kennt die "guten Uhrzeiten". Sie bekommt gehäkelte Topflappen geschenkt, im Hühnerstall werden ihr Eier zugesteckt. Patienten laden sie während einer Infusion zum Frühstück ein. Sie ist dabei, wenn die Lieblingskuh ein Kalb bekommt. Und begleitet beim Sterben.

400 Patienten haben Margarete Pickert und ihr Team seit Eröffnung des ambulanten Palliativpflegedienstes im Oktober vor zwei Jahren betreut. 280 Trauerkarten brachten sie in dieser Zeit zur Post. 67 Tote waren es dieses Jahr, elf im April. Einer davon in dieser Nacht. Stilles Gedenken bei der Morgenkonferenz. Eine Pflegerin berichtet von den letzten Stunden, vom friedlichen Einschlafen und von überforderten, starren Angehörigen. Zusammen beten sie für den Toten.

Chucks statt weißer Kittel

9.15 Uhr. Die Ärztin trinkt ihren Kaffee aus, klemmt sich die Patientenmappe unten den Arm, schultert ihren Rucksack und steigt ins Auto. "Am liebsten halten wir Ärzte ein CT in Händen, erklären, wo der Krebs sitzt und zeigen Therapiemöglichkeiten auf", sagt Pickert. Jahrelang arbeitete sie als Anästhesistin, damals hätte sie gerne mehr Zeit für ihre Patienten gehabt. Sie verlor geliebte Menschen, ihre Idee von der Palliativmedizin wurde konkreter. Vor zwei Jahren legte sie den weißen Kittel ab und tauschte ihn gegen Jeans, Bluse und Chucks. Ihrer Arbeitskleidung soll man die Ärztin nicht ansehen.

9.30 Uhr, Pickert steigt aus dem Auto, die Haustüre steht offen. Ihre erste Patientin erwartet sie bereits. Sie sitzt im Wohnzimmer, rückt sich immer wieder die drahtige Brille zurecht, knetet ihre Finger. Krebs. Es geht ihr gut heute, wären da nicht die Bindehautentzündung und das Herzrasen. Die Ärztin kontrolliert den Medikamentenplan, schreibt ein Rezept, rät zum Augenarztbesuch.

Vor 25 Jahren hatte die Patientin den Krebs besiegt, seit zwei Jahren ist er zurück. Bis Dezember bekam sie Chemotherapien, im Februar konnte sie nichts mehr essen, lebte fünf Wochen auf der Palliativ-Station des Neustädter Krankenhauses. "Ich hatte abgeschlossen", sagt die 68-Jährige und streicht sich über die Schläfen. Jetzt fragt sie sich, was sie zurückgeholt hat. Welche Aufgabe sie noch erfüllen muss. Sie hat Pläne, will kleine Rollen beim Theater übernehmen, erzählt von ihrem Ausflug mit dem "Rennwagerl" zur Tochter, den Berg hinunter. Pickert sitzt da und hört zu. Sieht nicht auf die Uhr, blättert nicht in den Akten. Für die Ärztin ist ihre Patientin nicht die Tumorkranke. Sie ist Tänzerin, Gitarristin, Schauspielerin und Erzieherin.

14 Kalender an der Wand

Ihr Blick fällt auf die 14 Kalender an der Wand. Seit sie Oma ist, bekommt die Patientin jedes Jahr einen Kalender mit Bildern der drei Enkelkinder geschenkt. Sie tauscht sie nicht aus. Sie blättert jeden Monat 14 Kalender um. Wie oft wird sie die noch umschlagen? Wieder im Auto sagt Pickert, dass sie oft gefragt werde, wie viel Zeit einem Todkranken noch bleibe. Niemand wisse eine Antwort, doch darauf komme es nicht an. Wichtig sei, dass der Patient ein Ziel habe, nicht, ob das realistisch ist. "Wir wünschen ihnen Zeit. Wir lieben jeden Einzelnen."

Die Ärztin verbringt viel Zeit auf der Straße: 32 000 Kilometer zeigt der Tacho an, das Auto ist gerade ein Jahr alt. Die Namen der Patienten vergesse man mit der Zeit, sagt sie, doch Straßen und Orte blieben. Sie erinnert sich an Einöden ohne Handy-Empfang oder Hausnummern abseits der Landkarte und Dörfer, von denen sie zuvor nie gehört hatte.

Zwischen Kirchenthumbach, Tännesberg, Neualbenreuth und Waldershof sterben inzwischen 95 Prozent der Schwerkranken mit palliativer Versorgung, davon drei Viertel zu Hause oder im Pflegeheim. Ein Viertel stirbt im Krankenhaus, 90 Prozent davon auf der Neustädter Palliativstation. 35 Patienten betreut die Ärztin, die meisten haben Krebs, wenige leiden an Demenz oder ALS.

Ab und zu verschließen sich Verwandte, verharren antriebslos. Meist werden die Palliativpfleger als Teil der Familie aufgenommen. Auch das Team selbst: eine Familie. Mittags geht Pickert mit den Kollegen Pilze sammeln, Eis essen oder Kaffee trinken. Ihr guter Zusammenhalt hört auch nach Feierabend nicht auf. Sie essen gemeinsam, gehen bowlen oder klettern. So viel Tod können sie nur als Gemeinschaft verkraften. Dabei hilft den Ärzten und Pflegern einmal im Monat eine Supervision. Es fällt nicht leicht, Patienten loszulassen. Ohne diese Hilfe würden sie ausbrennen, sagt Margarethe Pickert. Manchmal helfen wenige Worte, um das Herz zu erleichtern.

Ein Arzt ist erfolgreich, wenn er Kranke heilt. Pickert aber wird jeden ihrer Patienten verlieren. Palliativpflege bedeutet ein Umdenken in der Medizin. Erfolg kann ein schmerzfreier Tag sein, ein Spaziergang, ein gemeinsames Frühstück. Erfolg kann sein, zu Hause zu sterben. Es ist still im Auto, nur der Motor brummt. Noch zehn Minuten bis zum nächsten Patienten.

"So kalt"

13 Uhr: Couch, Krankenbett, Toilettenstuhl, ein Sauerstoffgerät in der Ecke. Im Eichenholz-Regal steht eine Vase auf einem Häkeldeckchen. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Cremes, Wund-Desinfektion, Einmal-Handschuhe, auf dem Beistelltisch eine silberne Herrenarmbanduhr. Ein Erinnerungsstück aus Tagen, an denen Zeit noch nicht relativ war. Tage, an denen der Demenzpatient die Hausschuhe vor seinem Krankenbett noch benutzte. "Schauen Sie mal, die Sonne scheint. Wir haben schon Mai." Pickert kniet sich zum Patienten, legt ihre Hand in seine. "So kalt", sagt er und will sie wärmen. Das Reden fällt ihm schwer. Ob er zufrieden sei mit seiner Frau als Pflegerin? "Ja, sehr." Er dreht seinen Kopf langsam, lacht.

Nicht immer ist er so klar, so freundlich, berichtet die Ehefrau. 57 Jahre sind die beiden verheiratet. Bevor die Ärztin geht, noch eine Frage. "Er sagt so oft, dass er nach Hause will. Aber er ist doch hier zu Hause." Pickert schluckt. Ausreden solle man diesen Wunsch auf keinen Fall, eher Orientierung schaffen. Doch Heimgehen könne viele Bedeutungen haben. Die Frau nickt, die Augen feucht. "Bis nächste Woche." Zum Abschied drückt ihr die Ärztin fest die Hand und schließt die Tür.

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