29.04.2021 - 08:45 Uhr
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Artikel als "Verunglimpfung eines Berufsstandes" empfunden

Eine Lehrerin meint: "Der neue Tag" hätte Vertretern der Initiative "Lobby für Kinder" nicht so ein Forum bieten dürfen. Ist die Kritik an der Redaktion berechtigt?

Eine Lehrerin, die eine FFP2-Maske trägt, unterrichtet die Kinder in einer Grundschul-Klasse.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

"Schulen bleiben der Zankapfel der Pandemiebekämpfung", hieß es einleitend in dem Artikel "Eltern und Lehrer: Es geht auch miteinander" in der Ausgabe vom 17./18. April. Aufeinandergetroffen waren Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), sowie die Kinderärztin Regina Schwindler und der Allgemeinmediziner Alexander Ried, die die Initiative "Lobby für Kinder" gegründet haben. Ried und Schwindler forderten unter anderem Öffnungen für Schulen und Kindergärten, unabhängig von Inzidenzwerten, den Lehrern warfen sie in einem offenen Brief Bequemlichkeit und die Perspektive aus dem Elfenbeinturm vor.

So reagierte eine Leserin auf den Artikel (Auszüge):

Ich bin Mutter dreier Kinder und Lehrerin. Ich arbeite weit über mein Teilzeitstundenmaß hinaus, wie viele meiner Kollegen auch. Auch die Lehrer meiner Kinder machen, soweit ich das einschätzen kann, großteils einen guten Job. Schwarze Schafe gibt es in jedem Beruf. Dass in der derzeitigen Situation schulisch nicht alles rund läuft, ist uns allen klar. Zu Schule in Coronazeiten gibt es unter Eltern die unterschiedlichsten Meinungen. Diese dürfen auch gerne öffentlich diskutiert werden. Es dürfen selbstverständlich auch Missstände aufgezeigt und Verbesserungsvorschläge gemacht werden.

Ich war allerdings sehr verwundert, dass "Der neue Tag" über eine ganze Seite zwei Akademikern, von denen man differenziertes Denken erwarten sollte, eine Plattform geboten hat für die pauschalisierte Verunglimpfung eines ganzen Berufsstandes. Die Aussagen der beiden "Hauptakteure" sind eine Unverschämtheit für alle engagierten Lehrkräfte und tragen sicher zur Verschärfung des Lehrermangels bei. Eine Zeitung, die solchen Leuten einen derart großen Raum einräumt, möchte ich nicht mehr unterstützen und mein Abonnement zum nächstmöglichen Zeitpunkt kündigen.

Leseranwalt Jürgen Kandziora:

Eines möchte ich gleich vorausschicken: Ich will Sie mit dieser Mail nicht in Ihrer Entscheidung, die Zeitung abzubestellen, beeinflussen. Wäre ich Lehrer, hätte ich mich wahrscheinlich auch geärgert über das, was Regina Schwindler und Alexander Ried so von sich geben. Allerdings: Wir greifen als Zeitung den schwelenden Konflikt zwischen BLLV und der Gruppe "Lobby für Kinder" auf, bringen sie virtuell an einen Tisch und lassen beide Seiten zu Wort kommen. Simone Fleischmann kommt ausführlichst zu Wort. Die Redaktion hat die Form eines Streitgespräches gewählt. Eine gute Lösung, wie ich finde. Und die Überschrift "Eltern und Lehrer: Es geht auch miteinander" ist doch auch eine positive Botschaft.

Man kann die Aussagen von Ried und Schwindler sicher als "Unverschämtheit" empfinden, so wie Sie es tun. Aber man kann ja schlecht solche Äußerungen aus einer Berichterstattung herausnehmen, nur weil sie für Lehrer alles andere als schön sind. Hier zu streichen, wäre Zensur.

Mir kam die Idee, den Artikel einer Grundschullehrerin, die bisher ungeimpft Präsenzunterricht leisten musste, zuzuschicken und sie um eine Einschätzung aus ihrer Sicht zu bitten. Die Lehrerin hat mir unter anderem Folgendes geschrieben: "Mit dem Artikel habe ich kein Problem, aber mit der Behauptung dieser Lobby. Die Diskussion ist total absurd, weil eigentlich beide auf derselben Seite stehen (Unterricht in der Schule ermöglichen). Nur entscheiden das halt weder die Eltern noch die Lehrer. Und wenn alle Lehrer mal geimpft sind, dann könnten auch alle Kinder wieder kommen. Zumindest, wenn es nach den dann nicht mehr anfälligen Lehrern geht. Wie das bei besorgten Eltern aussieht, ist wieder was anderes."

Das entgegnete die Leserin (Auszüge aus ihrer Mail):

Nur dass man das nicht falsch versteht: Ich kann die Forderungen der Elterninitiative und ihre Argumentation durchaus nachvollziehen. Ich meine auch, dass man jedwede Meinung öffentlich äußern und diskutieren können muss. Man muss aber auch andere Meinungen zulassen und es schaffen, konstruktive Gespräche zu führen und Kompromisse zu schließen. Ich hätte kein Problem gehabt mit einem Zeitungsartikel über eine respektvolle Diskussion zwischen Eltern- und Lehrervertretern, im Rahmen derer jede Seite ihre Argumente hätte vorbringen können. Allein die "Inszenierung" als Streitgespräch finde ich schon merkwürdig. In der jetzigen Situation gibt es nichts zu streiten. Es gibt die verschiedensten Meinungen und keiner kann momentan für sich beanspruchen, zu wissen, was richtig oder falsch ist. Es geht darum, Kompromisse zu finden, um ein Miteinander.

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Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute

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