21.10.2020 - 17:49 Uhr
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Corona trifft auf Lehrermangel: Laut Lehrerverband nur Notbetrieb möglich

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Was als Regelbetrieb an Schulen bezeichnet wird, ist nicht mehr als Notbetrieb, sagt Katja Meidenbauer, Vorsitzende des Oberpfälzer Lehrerverbands. Coronakrise und Lehrermangel sind mit voller Wucht aufeinander geprallt. Lehrer am Limit.

Das neue Schuljahr wird durch die Coronakrise bestimmt. Wie hier in der Barbara Schule in Amberg läuft der Unterricht derzeit an allen Schulen in der Oberpfalz. Der Oberpfälzer Lehrerverband sagt, dass die Pandemie den Lehrermangel noch einmal drastisch verschärft hat und dass Not- und nicht Regelbetrieb derzeit Alltag ist.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Davon ist Katja Meidenbauer, die Vorsitzende des Lehrerverbands in der Oberpfalz, überzeugt. "Wir haben es gerade mit zwei Krisen zu tun, die aufeinander treffen", sagt sie. Steigende Infektionszahlen und die mit der Corona-Pandemie verbundenen Auflagen machen Schulleitern und Lehrern das Leben schwer. Doch das ist nicht alles. "Der Lehrermangel wird immer krasser. Wir stehen vor einem Problem und laufen sehenden Auges hinein", meint die Pädagogin.

Meidenbauer widerspricht Piazolo

Über die Aussage des Kultusministers Michael Piazolo zu Beginn des Schuljahres, dass es noch nie so viele Lehrer gab, kann Meidenbauer nur den Kopf schütteln. "Teilweise sind wir in der Situation, dass nicht mal eine Lehrkraft vor jeder Klasse stehen kann", entgegnet Meidenbauer. Auch dass das Kultusministerium immer wieder mit Statements an die Öffentlichkeit geht, dass der Präsenzunterricht gewährleistet sei und damit Regelbetrieb an den Schulen herrsche, verstimmt Meidenbauer. "Den Eltern wird damit mitgeteilt, dass alles wieder so läuft wie zuvor", sagt sie. Das produziere eine völlig falsche Erwartungshaltung an Lehrer und Schulleiter. "Der Minister muss anerkennen, dass das, was da gerade läuft, Notbetrieb und nicht mehr ist", sagt die Verbandsvorsitzende. "Das würde ein bisschen den Druck von den Lehrern nehmen."

Corona befeuert Lehrermangel

Die Coronakrise habe den Lehrermangel nicht erst hervorgebracht, sondern noch einmal verstärkt. Für die nötigen Schulstunden fehlten schlicht Köpfe. "Es gibt natürlich Kollegen, die als Risikopatienten ausfallen. Das sind aber nur wenige", sagt sie. Dass der Mangel an den Grund-, Mittel- und Sonderschulen in der Oberpfalz bislang nicht so war, dass ihn Eltern und Schüler zu spüren bekommen haben, liege daran, dass Schulen die Kinder nicht einfach nach Hause schicken dürfen, wenn eine Lehrkraft fehlt.

Die Corona-Auflagen geben zusätzlichen Druck in den Kessel. Die Pädagogen dürfen Kinder in der Vertretung nicht mehr auf andere Klassen aufteilen, weil es wegen des Infektionsschutzes keine Vermischung geben darf. Laut Meidenbauer zeigt sich jetzt, was die Lehrer jahrelang selbst kaschieren mussten. "Die Tricks von früher, funktionieren nicht mehr."

Teamlehrer kein adäquater Ersatz

Seit diesem Schuljahr gibt es die Möglichkeit für fachfremde Hochschulabsolventen als sogenannte Teamlehrer an Schulen zu arbeiten. Wer das machen will, braucht nicht etwas mit Pädagogik studiert haben. Teamlehrer übernehmen den Präsenzunterricht einer Stammlehrkraft, die coronabedingt nicht selbst vor der Klasse stehen kann. Damit werden selbst Betriebswirtschaftler oder Politikwissenschaftler kurzerhand zum Lehrer.

Das Kultusministerium möchte damit den Präsenzunterricht aufrecht erhalten. Eine Praxis, die Meidenbauer Bauchschmerzen bereitet. "Die Leute sind engagiert und es ist lobenswert, dass sie die Kollegen unterstützen wollen. Sie sind aber keine Lehrer, sie haben keine pädagogische und psychologische Ausbildung."

Die Praxis drohe, die Qualität der Bildung an Schulen zu verwässern. "Bei einer Operation gehe ich ja auch zu einem Arzt und will nicht, dass mich der Team-Arzt aufschneidet." Meidenbauer zufolge geht es beim Lehramt nicht nur darum, sich inhaltlich auszukennen, sondern auch, wie man Wissen richtig vermittelt.

Notbetrieb derzeit Alltag

Dass es Unterricht so wie vor Corona zur Zeit nicht gibt, macht Meidenbauer schon an Folgendem fest: "Vor einer Stunde muss ich darauf achten, dass sich die Kinder die Hände desinfizieren. Ich muss die Geräte desinfizieren. Dann muss ich während des Unterrichts lüften. Weil es kalt ist, ziehen die Kinder die Jacken an, dann wieder aus, damit sie nicht schwitzen. Die Konzentration, die sonst da ist, gibt es nicht."

Lesen Sie hier einen Kommentar von Wolfgang Ruppert zum Thema

Deutschland und die Welt

Hinzukommt, dass Angebote, die den Unterricht ergänzen und Schüler individuell fördern sollen, so gut wie gar nicht mehr stattfinden. "Wir kümmern uns um einen differenzierten Unterricht, gleichzeitig sollen wir an der Digitalisierung arbeiten. Das ist momentan kaum alles zu schaffen", so Meidenbauer. "Wir wollen das natürlich alles gerne machen. Aber wenn die Kollegen fehlen, dann geht das irgendwann einfach nicht mehr." Dass es zu wenige Lehrer gibt, zeigt sich laut dem Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverband auch daran, dass Fachlehrer immer größere Schülergruppen betreuen müssen und Förderlehrkräfte als vollwertige Lehrkräfte eingesetzt werden.

Der Lehrermangel wird immer krasser. Wir stehen vor einem Problem und laufen sehenden Auges hinein

Katja Meidenbauer, Vorsitzende des Oberpfälzer Lehrerverbands

Katja Meidenbauer, Vorsitzende des Oberpfälzer Lehrerverbands

Prämie für Schulleiter am Limit

Um den Schulalltag zu strukturieren, haben Schulleiter neben der Klassleitung ein Stundenkontingent, bei dem sie sich um die Organisation kümmern. Mit der Coronapandemie sind viele Sonder- und Notmaßnahmen zusätzlich dazugekommen. "Wenn es hochkommt, dann hatten die Kollegen in den Sommerferien eineinhalb Wochen, in denen sie einmal nicht an die Schule denken mussten."

Dass die Schulleiter an ihren Schulen den Rahmenplan für die Corona-Regeln so umsetzen dürfen, wie im Einzelfall sinnvoll ist, findet Meidenbauer begrüßenswert. Aber: "Jede Schule hat damit einen Experten vor Ort. Das braucht viel Zeit, Energie und Kompetenz." Schulleiter bräuchten für ihre Entscheidungen Rückendeckung aus dem Ministerium.

Dass die Leistung der Schulleiter gesehen wird, machte Ministerpräsident Markus Söder am Mittwoch in seiner Regierungserklärung deutlich. "Gerade in der Corona-Zeit brauchen wir besonderes Engagement", sagte er. "Deswegen werden wir Leistungsprämien erhöhen für Direktoren, weil sie nämlich die Schulmanager sind."

Lehrerverband sorgt sich um die Gesundheit der überlasteten Pädagogen

Vohenstrauß
Info:

Schüler und Lehrer in Quarantäne

Nicht alle Landkreise in der Region können die Zahlen von Schülern und Lehrern nennen, die sich in Quarantäne befinden. Viel zu unbeständig sei die Lage, heißt es.

  • Im Kreis Tirschenreuth ist von der Realschule Kemnath eine Klasse mit 26 Schülern daheim.
  • Im Kreis Amberg-Sulzbach sind derzeit 9 Lehrkräfte und 28 Schüler in häuslicher Isolation. Dabei ist entscheidend, ob sie dort wohnen, nicht ob sie dort zur Schule gehen, teilt Roland Brey vom Gesundheitsamt mit.
  • Im Kreis Neustadt/WN ist die Lage unübersichtlich. Pressesprecherin Claudia Prößl kann aus Zeitgründen keine genaueren Zahlen nennen. Feststeht, dass der AWO-Kindergarten Altenstadt, das Kepler-, das Augustinus- und das Elly-Heuss-Gymnasium sowie die Europa-Berufsschule in Weiden und das St. Michaelswerk in Grafenwöhr betroffen sind.
  • Im Kreis Schwandorf sind eine Klasse am Gymnasium Oberviechtach, zwei Klassen an der Grundschule Ettmannsdorf und eineinhalb Klassen am Gymnasium Burglengenfeld in Quarantäne.
  • Im Landkreis Regensburg mussten im Zeitraum vom 9. September bis zum 13. Oktober insgesamt 1235 Schülerinnen und Schüler in Quarantäne begeben. Bei drei Schülerinnen und Schülern wurden Folgeinfektionen festgestellt
  • Im Landkreis Cham sind derzeit sieben Lehrkräfte in Quarantäne. Außerdem müssen die Schülerinnen und Schüler von insgesamt sieben Klassen an sieben Schulen zu Hause bleiben.
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