20.07.2020 - 17:40 Uhr
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Hühner-Hype durch Corona: 400 Tiere an einem Tag verkauft

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Private Hühnerhaltung liegt im Trend. Der Wunsch nach frischen Eiern von glücklichen Tieren bescherte der Oberpfalz viele neue Hühnerhalter und leere Ställe auf den Geflügelhöfen. Woher kommt diese Entwicklung und lässt sie sich beweisen?

Auf ihrem Geflügelhof in Oberndorf verkauft Ute Barde seit 32 Jahren Hühner.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Dass sich immer mehr Menschen im eigenen Garten Hühner halten wollen, ist Ute Barde aus Oberndorf bereits im März aufgefallen. Seit dem Corona-Lockdown klingelte das Telefon auf ihrem Geflügelhof in Oberndorf bei Kemnath immer häufiger. „Ich wollte mal fragen, wie das so mit der Hühnerhaltung ist“, begannen die meisten Telefonate.

Und die Anrufe ließen nicht nach. Ute Barde züchtet ihre Hühner nicht selbst, sondern bezieht sie von einem Händler aus Nordrhein-Westfalen. „Dieser bringt mir immer dienstags neue Tiere, die ich dann weitergebe.“ Dass es sich bei der großen Nachfrage am Federvieh nicht um einen regionalen Trend handelt, bemerkte Barde, als selbst ihr Zulieferer nicht mehr wusste, wo er die Tiere herbekommen soll. „Das war schon krass“, berichtet sie.

Um den Bedarf zu decken, bietet sie nun auch Junghühner zum Verkauf an. Normalerweise wechseln die Tiere ihren Besitzer, wenn sie zwischen 20 und 21 Wochen alt sind. „Dann legen sie auch schon Eier.“ Die Junghennen, die sie eigentlich erst im August verkaufen wollte, sind zwischen 15 und 17 Wochen alt. Die Käufer kommen aus einem Umkreis von 60 Kilometern um zwischen vier und fünf Hennen zu erwerben.

Zahlen der Behörden unterschiedlich

Dass durch Corona das Bewusstsein für regionale Lebensmittel oder auch die neu gewonnen Freizeit Anreiz zum Kauf von Geflügel gewesen sein könnte, schließt Ute Barde nicht aus. „Durch eigene Tiere, weiß man, dass das Ei von glücklichen Hühnern stammt.“

Beweise für diese Vermutung liefern die Zahlen der zuständigen Ämter. Da Hühner bei drei verschiedenen Stellen gemeldet werden müssen, können die Zahlen voneinander abweichen.

Ein deutliches Plus im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet das Veterinäramt Neustadt/Waldnaab. Zwischen März und Juni wurden 21 Hühnerhaltungen angezeigt. Im gleichen Zeitraum waren es 2019 acht und 2018 nur fünf Anmeldungen. Auch im Landkreis Schwandorf ist bereits jetzt eine deutliches Interesse an eigenen Hühnern zu spüren. In der ersten Hälfte diesen Jahres gab es 30 Neuanmeldungen, im gleichen Zeitraum 2019 wurden 11 Anmeldungen verzeichnet.

Bereits ab einem Tier muss auch das Amt für Landwirtschaft und Forsten (AELF) informiert werden. Dort erhält man eine Betriebsnummer. Beim AELF Neustadt-Weiden beantragten zwischen März und Juni 42 Personen eine solche Nummer. Davon wurden allein im Mai 18 neue Betriebsnummern vergeben. Auch das AELF Amberg teilte eine „erhebliche Steigerung“ schriftlich mit. Beim Forstamt Tirschenreuth ist die Zahl im vergleich zum Vorjahr konstant.

Lediglich bei der bayerischen Tierseuchenkasse ist die Zahl der Kleingeflügelhalter im Vergleich zum Vorjahr gesunken. „Als Kleingeflügelhalter werden Hühnerbestände mit bis zu zwanzig Tieren bezeichnet“, erklärt Mitarbeiter Michael Siebenhütter. Waren es zum Januar 2019 noch 28 470, sind es im Januar 2020 nur noch 28 156 Geflügelhalter. Siebenhütter geht davon aus, dass sich diese Zahl zum Jahresende wieder erhöhen wird, denn auch er erhält täglich viele Anfragen von „Geflügel-Neulingen“. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch, schließlich meinen viele Hobbyhalter, dass sie die Tiere nicht anmelden müssen.

Hühner vor dem Suppentopf gerettet

Aber nicht alle Geflügelhändler konnten im März von einem Hype sprechen. Susanne Engelhardt aus Sinnleithen bei Edelsfeld (Landkreis Amberg-Sulzbach) konnte vor zwei Monaten von leeren Ställen nur träumen. Für ihre Hühner und Gockel fandsie zu Beginn der Coronakrise kein neues zu Hause.

Auf ihrem Hof verkauft sie unter anderem die Rassen Sussex, Amrock, Araucaner, Paduaner und Seidenhühner, die sie auch selbst züchtet. „Wäre keine Trendwende gekommen, wären viele Hühner im Suppentopf gelandet“, berichtet die 24-jährige, die sich bereits seit ihrer Kindheit mit Hühner beschäftigt. Ende April kam die lang ersehnte Trendwende – und der Hühner-Hype auch nach Sinnleithen. Der Verkauf lief so gut, dass Engelhardt jetzt Vorbestellungen für das Frühjahr 2021 aufnimmt.

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Sinnleithen bei Edelsfeld

400 Hühner an einem Tag

Ende April erreichte der täglich Hühnerverkauf bei Ute Barde seinen Höhepunkt. „Ich habe an einem Tag 400 Tiere verkauft, dass war der Wahnsinn.“ Die Kunden verhielten sich alle vorbildlich. Alle trugen Masken und warteten mit genügend Abstand auf dem Hof oder im Auto.

Blickt Barde auf das erste Halbjahr 2020 zurück hat sie 2400 Tiere verkauft. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 2300. Nur 100 Tiere mehr. „In den Zahlen macht sich der Hype jetzt nicht so bemerkbar“, stellt sie fest. Dass es sich in diesem Jahr nach deutlich mehr anfühlt, liegt wohl an den vielen Familien und Einzelpersonen die sich für die Hühnerhaltung entschieden haben. Kleinvieh macht eben auch Mist.

„Ein Hahn ist für das Hühnerglück nicht notwendig“, sagt Barde und lacht. Hühner sind pflegeleicht. Ein dichter Stall, gutes und abwechslungsreiches Futter und ausreichend Platz zum picken und scharren genügen. Bei guter Haltung können die Tiere zehn Jahre alt werden. Privat besitzt sie ein bunte Schar von 50 Hühner der verschiedensten Rassen. Diese Tiere haben bei ihr das „ewige Leben“, denn sie werden nicht geschlachtet.

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Tipps für neue Hühnerhalter

Bevor die eigenen Hühner den Garten erobern können, sollten sich Interessierte ein paar Dinge beachten:

  • Hühner sind Herdentiere und sollten nie alleine gehalten werden.
  • Ärger vermeiden: Geflügelhaltung mit Nachbarn und der Stadt- bzw. Gemeindeverwaltung abklären.
  • Rassetier oder Legehybrid: Legehybride wurden für eine große Eierproduktion gezüchtet. Durch das ständige Eierlegen sind die Tiere aber schnell „ausgelaugt“ und leben nur zwischen drei und fünf Jahren. Rassetiere können über zehn Jahre alt werden und legen zwischen 100 und 220 Eier. Ein Huhn gibt es bereits ab zehn Euro, bestimmte Rassetiere können auch über 50 Euro kosten.
  • Die richtige Rasse: Auch bei Hühnern gibt es verschiedene Rassen mit unterschiedlichen Charakteren und Merkmalen. Sucht man ein Tier das schön aussehen soll, das besonders für Kinder geeignet ist, grüne Eier legt oder ein ruhiges Wesen hat? Stall sollte Lüftung enthalten, aber dennoch Sicher vor Raubtieren sein. Rasseportraits im Internet und auf Youtube.
  • Individuelle Eigenschaften: Hühner unterscheiden sich nicht nur in der Gefiederfarbe. Jeder Rasse hat spezielle Merkmale. Manche eigenen sich für kleine Gärten, legen grüne oder dunkelbraune Eier, andere sind für Familien mit Kindern geeignet und lassen sich zähmen.
  • Impfpflicht: Gegen die Newcastle Krankheit (Geflügelpest) müssen alle Tiere nachweislich geimpft werden. Impfstoffe bieten Tierärzte und Kleintierzuchtvereine an.
  • Hühnerstall: Ab 240 Euro gibt es fertige Ställe aus verschiedenen Materialien. Die Größe hängt von Tierzahl und Rasse ab. Auf einen Quadratmeter passen drei Tiere. Sitzstangen, Legenester und Futter müssen zusätzlich Platz finden. Wichtig ist, dass der Stall winterfest und zugluftfrei ist.
  • Auslauf: Pro Tier werden fünf bis zehn Quadratmeter veranschlagt. Mobile Steckzäune sorgen für mehr Freilauf und Ausweichflächen
Info:

Auch Hobbyhalter müssen Tiere anmelden

Gemäß tierseuchenrechtlicher Vorschriften muss die Haltung von Geflügel bereits ab einem Tier und bei drei Behörden erfolgen, erklärt Michael Siebenhütter, Mitarbeiter der bayerischen Tierseuchenkasse.

  • Betriebsnummer: Im ersten Schritt wird beim zuständigen Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten eine Betriebsnummer beantragt.
  • Tierseuchenkasse: Wurde eine Betriebsnummer zugeteilt, können die Tiere bei der Bayerischen Tierseuchenkasse angemeldet werden. Das „Neugründungsformular“ ist online verfügbar. Die Daten werden jährlich abgefragt. Pro Huhn werden 3 Cent berechnet. Allerdings werden Beiträge unter 2,50 Euro nicht erhoben.
  • Veterinäramt: Im letzten Schritt wird die Geflügelhaltung beim zuständigen Veterinäramt angezeigt. Das Formblatt ist online erhältlich.

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