21.08.2019 - 09:46 Uhr
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"Man sagt ja auch Sexbombe"

"Bombenfund trübt Kirwa nicht", lautete die Überschrift. "Geht's noch reißerischer?", fragte danach eine Leserin und fällte dieses Urteil: Das sei Niveau der Bild-Zeitung "und Ihrer Zeitung nicht würdig".

Ein Verkehrsschild, das auf eine Bombenräumung hinweist. Wenn Kirwa und Bombe sich in der Berichterstattung „begegnen“, kann das zum Thema für den Leseranwalt werden.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Der Artikel im Lokalteil der Amberger Zeitung begann mit den Worten: "Die Dorfgemeinschaft Moos, die Kirwapaare und auch die vielen Besucher werden diese Kirwa in Moos wohl nie vergessen: Genau zu der Zeit, als der Bieranstich sein sollte, lief im Zentrum Kümmersbrucks die Evakuierung wegen eines Bombenfundes."

  • Die Leserin

"Zwei Ereignisse in Verbindung zu setzen, wobei tatsächliche Dramatik dazu verwendet wird, etwas banal Alltägliches aufzupeppen, nur um einen Kirwaartikel interessanter zu gestalten, ist manipulativer Journalismus und macht mich todtraurig", schrieb M. A.. Hier, so meinte die Leserin, werde Pressefreiheit falsch interpretiert: "Pressefreiheit heißt nicht: Die Presse darf Tatsachen ausschmücken oder aufbauschen, nur um sie interessanter zu gestalten. Die Tatsachen werden durch eine solche Behandlung faktisch wohl nicht falsch, entsprechen aber trotzdem nicht mehr der Wahrheit."

Bei einem Außenstehenden, der diesen Artikel liest, könne das Gefühl entstehen, diese Kirwa habe nur durch äußerste Kraftanstrengung und durch den Einsatz der letzten Mittel gestartet werden können. Die Leserin glaubt zu wissen: "Dem war nicht so. Es gab kein Drama. Das Dorf Moos war nicht in Aufruhr. Die Dorfgemeinschaft stand nicht Kopf." Klar müssten Ausfälle kompensiert werden. Das sei ein ganz normaler Vorgang, wie er immer und überall bei jeder Kirwa oder sonstigen Veranstaltung passiere und mit dem alle Veranstalter, die Feuerwehrleute oder sonstige Notfallhelfer in ihrem Team haben, fertig werden müssten und auch fertig würden. "Niemand, kein Organisator, musste deswegen, so wie es hier in diesem Artikel unterschwellig suggeriert wird, einen Kraftakt vollbringen und organisieren, um ja die Kirwa zu retten", hält M. A. weiter fest.

Und fährt fort: "Natürlich ist es schwer, bei den vielen Kirwas einen auffallenden Artikel zu verfassen, der auch gelesen wird. Aber darf man, auch wenn man noch so clever ist, als Autor einen Bombenfund, der die Kirwa in keinster Weise tangiert, in einen langweiligen Kirwaartikel weben, nur damit er reißerisch genug ist?" Schließlich störte sich die Leserin noch an dem Satz "So herrschte zunächst zwar ,Bomben-Stimmung' im Zelt." Dem Autor legte sie das Buch "Verbrannte Wörter" von Matthias Heine nahe, damit er ein wenig das Gefühl bekomme, "was der Grundtenor solcher Worte ist" und warum der Begriff in Verbindung mit dem tatsächlichen Bombenfund und Kirwa "nichts verloren hat".

Zum Artikel über die Kirwa in Moos

Moos bei Kümmersbruck
  • Das sagt der Autor

Der Fund der Bombe hatte direkte Auswirkungen und Bezug auf die an sich kleine Kirwa in Moos. Er "platzte" mitten hinein in die Vorbereitungen, der für 19 Uhr geplante Bieranstich wurde geändert. Der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Moos, Florian Fischer, hat ihn vorgenommen, weil der eigentlich vorgesehene Bürgermeister Roland Strehl mit eingebunden war in die Nachbereitungen des Bombenfundes. Darüber hinaus hat mir Fischer gesagt, dass man personell improvisieren musste, weil einige - die zum Ausschank, Ordnungsdienst, etc. eingeteilten Männer - mit den Hilfsorganisationen (zum Beispiel Feuerwehr) in Haselmühl eingesetzt waren. Das Thema Bombenfund war natürlich aktuelles Thema bei der Kirwa ("Hast schon g'hört ...?"). Fischer hat mir gesagt, dass die ersten Helfer um 22 Uhr wieder da waren, die letzten seien gegen 0.30 Uhr gekommen, da war bereits wieder beste (Kirwa-)Stimmung. Insofern also stand der Bombenfund indirekt im Zusammenhang mit der Mooser Kirwa. Das war auch, meines Wissens, im gesamten Landkreis in den letzten 70 Jahren nicht der Fall, also etwas Einmaliges.

Dazu hat der Ausdruck "Bombenstimmung" gepasst. Dabei habe ich nicht an Sprengstoff und Sprengkörper oder an einen reißerischen Artikel gedacht, sondern an eine alte Redensart, an ausgelassene Stimmung, ein Ausdruck, der oft genug verwendet wird. Ich empfinde das irgendwie als Wortklauberei, man sagt ja auch Sexbombe, Bombenschuss (im Fußball), Vitaminbombe, Bombenwetter, es "platzt die Bombe" oder "schlug wie eine Bombe ein", nur um einige Beispiele zu nennen.

Amberg
  • Das sagt der Reporterchef

Dr. Markus Müller, Reporterchef der Amberger Redaktion, hat sich über den Artikel sehr gefreut und das dem Autor so auch mitgeteilt. Dieser, unterstreicht Müller, habe den Fund der Bombe in mustergültiger Form in die Kirwa-Berichterstattung eingewebt.

  • Das sagt der Leseranwalt

"Es herrschte ,Bomben-Stimmung' im Zelt": Schon allein die Tatsache, dass dieser Begriff in Anführungszeichen gesetzt und gekoppelt wurde, ist ein Hinweis darauf, dass es hier nicht um "Bombenstimmung", also um gute Laune geht. Der Autor des Artikels wollte damit deutlich machen, dass der Bombenfund das große Thema an diesem Abend war und natürlich Auswirkungen auf die Mooser Kirwa hatte. Er hat ein Wortspiel gewählt, das sich in diesem Zusammenhang wirklich anbietet und nicht in die Rubrik "Verbrannte Wörter" passt. Dass es Menschen wie unsere Leserin gibt, die darauf anders reagieren, kann ich nachvollziehen (siehe auch "Hintergrund") und möchte ich nicht in Abrede stellen.

Ich bin nicht der Auffassung unserer Leserin, die Amberger Redaktion habe "tatsächliche Dramatik" dazu verwendet, etwas "banal Alltägliches aufzupeppen, nur um einen Kirwaartikel interessanter zu gestalten" und damit "manipulativen Journalismus" betrieben. Wirklich nicht. Das war in meinen Augen Lokaljournalismus, wie er sein soll: Der Autor rückt zunächst das Außergewöhnliche, das Ungewöhnliche für diese Kirwa in den Vordergrund, das, was sie von anderen Veranstaltungen unterscheidet. Das tut er weder reißerisch noch bauscht er etwas auf, er beschreibt die Situation, lässt den Organisator und Vorsitzenden der Dorfgemeinschaft zu Wort kommen, der am Ende alle Beteiligten lobt: "Unser Dorf hat zusammengeholfen."

Mit dem von ihr kritisierten Artikel werde Pressefreiheit "falsch interpretiert", hatte die Leserin außerdem geklagt, Pressefreiheit bedeute nicht, dass die Presse Tatsachen ausschmücken oder aufbauschen dürfe, nur um sie interessanter zu gestalten. Dazu möchte ich anmerken: In meiner Tätigkeit als Leseranwalt begegnen mir häufig falsche Interpretationen des Begriffes Pressefreiheit. Ich verweise hier gerne auf die Definition der Bundeszentrale für politische Bildung: "Pressefreiheit ist die Freiheit, Tatsachen, Meinungen (Gedanken), Stellungnahmen und Wertungen durch jede Art von Druckerzeugnissen (z. B. Bücher, Zeitungen, Flugblätter) zu verbreiten." Oder auf Wikipedia: "Pressefreiheit, genauer die äußere Pressefreiheit, bezeichnet das Recht von Einrichtungen des Rundfunks, der Presse und anderer Medien auf ungehinderte Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem auf die staatlich unzensierte Veröffentlichung von Nachrichten und Meinungen."

Hintergrund:

Bombenstimmung: Das sagt die Gesellschaft für deutsche Sprache

„Meine Großmutter hat mich damals immer ermahnt, wenn ich Wörter wie Bombenwetter oder Bombenstimmung verwendet habe. Das erinnere sie an frühere schlimme Zeiten im Krieg. So habe ich es aber gar nicht gemeint“. In der Rubrik „Fragen und Antworten“ heißt es dazu auf der Internetseite (www.gfds.de) der Gesellschaft für deutsche Sprache unter anderem:

Es sei auch immer von der Situation der Verwendung, dem Kontext abhängig, wie so ein Wort verstanden werde: „Freunde genießen eine Party bei einer Bombenstimmung oder haben Spaß mit der Arschbombe beim Sprung ins Wasser. Im politischen Umfeld sind, leider gegenwärtig wieder sehr aktuell, Bombengeschäft oder Bombenidee, Bombenwetter doppeldeutig und sollten bewusst eingesetzt oder vermieden werden. Fazit: Man kann die Wörter getrost verwenden, sollte aber auf Befindlichkeiten oder mögliche Bezüge, die Doppeldeutigkeiten hervorrufen, Rücksicht nehmen und dann darauf verzichten.“ (kan)

Fotos von der Bombenentschärfung in Haslmühl

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