04.11.2021 - 13:29 Uhr
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Nie mehr oben ohne Fahrradfahren

Fahrradhelme sind hässlich, teuer, unbequem und sie ruinieren die Frisur. Diese Argumente kennt Volontärin Mareike Schwab nur zu gut. Sie hat diese Ausreden selber gerne genutzt. Bis ein Fahrradunfall ihre Meinung änderte.

Ein Fahrradhelm hängt an einem Lenker.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment in meiner Kindheit, als meine Mutter mir half, meinen Fahrradhelm zu verschließen und aus Versehen ein Stück Haut mit eingeklemmte. Das Geheule war groß. Trotzdem mochte ich meinen roten Helm mit Blumen. Außerdem lautete die Abmachung mit meinen Eltern: Fahrradfahren nur mit Helm. Damals habe ich mir noch keine großen Gedanken über mein Aussehen gemacht. Egal ob auf dem Schulweg, zum Einkaufen oder beim sonntäglichen Fahrradausflug – bis die Pubertät anfing bin, ich immer mit einem Helm auf dem Kopf herum gedüst.

Dann war ich zu cool für diese Styropor-Schüssel. "Ich mag die Farbe nicht. Das Ding ist peinlich. Die Anderen fahren auch ohne Helm", lauteten meine Argumente. Auch ein neuer Helm in dezenten Grautönen änderte nichts an meiner Meinung. Irgendwann gaben es meine Eltern auf mit mir zu diskutieren. Vielleicht auch, weil sie sich selbst nicht mehr so genau an die Abmachung hielten. Für eine kurze Strecke mit dem Hollandrad durch die Stadt blieb der Helm von da an zu Hause. Nur in Kombination mit Sportklamotten und Mountainbike machte ich eine Ausnahme.

Und so wäre es noch heute, wenn ich im Winter 2020 nicht einen kleinen Radunfall gehabt hätte. Glatte Straße, zu schnell um die Kurve und Schwups lag ich da. Bis auf paar kleine Kratzer, blaue Flecken und einem Loch in meiner Lieblingsjeans ist zum Glück nicht mehr passiert. Aber es hätte schlimmer kommen können.

Ich fahre oft auf den letzten Drücker los – wer bremst, verliert. Das Licht an meinem alten Rad war auch mal besser. Ich trage überwiegend dunkle, unauffällige Kleidung. Und das alles auf Weidens meistbefahrenen Straßen. Mit jeder Fahrt vordere ich mein Glück heraus. Also fasste ich den Entschluss: Nie mehr oben ohne.

Zugegeben, es hat nach dem Unfall noch ein halbes Jahr gedauert, bis ich endlich meinen Helm aus dem Keller geholt habe. Seit August trage ich ihn. Aber noch immer kostet es mich jedes Mal Überwindung. Ich bilde mir ein, alle Leute starren mich an. In Kombination mit meinem alten Drahtesel sehe ich bestimmt total affig aus. Außerdem ist der Helm hässlich, sperrig und er zerstört meine Frisur. Aber da muss ich durch. Ich hänge schließlich an meinem Leben. Mit jedem Tag wird es auch ein ganz kleines bisschen einfacher, meinen inneren Schweinehund zu überwinden. Außerdem kann ich den Helm mittlerweile ja selbst verschließen und erspare mir so Schmerzen.

Julian Trager erzählt über seine persönliche Entwicklung – anhand seiner Handys.

OTon
Hintergrund:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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