09.09.2021 - 18:23 Uhr
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Suizidpräventionstag – Wie erkennt man Warnsignale?

Aufmerksam machen, Aufklärungsarbeit leisten, Signale erkennen – Suizide können verhindert werden. Eine Mitarbeiterin von der Oberpfälzer Beratungsstelle Horizont berichtet über Hilfsmöglichkeiten und Gefahren.

Eine Frau ist bedrückt und schottet sich ab. Das können erste Anzeichen für suizidale Gedanken sein.
von Celina Rieß Kontakt Profil

Der Welttag der Suizidprävention an diesem Freitag soll vor allem aufmerksam machen, die Öffentlichkeit sensibilisieren und das Thema aus der Tabuzone holen. Aber es geht auch darum, den bereits Verstorbenen zu gedenken. Wie Angehörige oder Freunde dazu beitragen können, einen Suizid zu verhindern und auf was man achten sollte, erklärt die Psychologin Anne Komorek-Magin von der Beratungsstelle Horizont in Regensburg.

Erste Warnsignale erkennen - Wie können Familie und Freunde helfen?

"Die meisten kündigen es vorher an. Manchmal sehr direkt oder indirekt, aber es ist selten so, dass es jemandem schlecht geht und er sofort sagt, morgen tu ich mir was an", erklärt Komorek-Magin. "Das läuft in verschiedenen Phasen und Stufen ab und es geht darum, diese zu erkennen". Erste Anzeichen: Die Person zieht sich zurück, die Stimmung ist gedrückt, die Person ändert ihre Gewohnheiten. Das alles können auch Anzeichen sein, die mit einer normalen Krise einhergehen, aber es macht Sinn die Person darauf anzusprechen, sagt Komorek-Magin. Wenn das Gespräch aber immer dunkler wird und die betroffene Person Aussagen trifft, die indirekt auf suizidale Gedanken hinweisen, wie: „Wenn ich rausgehe überfährt mich hoffentlich ein Bus“, dann seien das passive Todeswünsche. Oder „Ich will nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr.“ Dann geht es darum, konkret nachzufragen. "Denkst du daran, nicht mehr leben zu wollen?“ Je nachdem wie der Mensch reagiert, könne man weiter zu ihm vordringen. Brücken bauen ist wichtig. "Klarzumachen, es muss nicht jetzt sein, aber wir können gerne morgen weiterreden. Ich bin für dich da." Wenn das Gespräch weitergeht und sich herausstellt, dass derjenige schon Vorbereitungen getroffen hat, bestehe ein akuter Handlungsdruck und man solle die Person umgehend dazu bewegen, eine Beratungsstelle, einen Nervenarzt oder eine Klinik aufzusuchen.

Es kursiert immer wieder die Aussage, dass die Menschen durch das Nachfragen überhaupt erst auf die Idee eines Suizids kommen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall, erklärt die Expertin. Das habe man festgestellt. Die Person ist erleichtert, endlich darüber zu reden, sofern sie spürt, dass sie wegen der Suizidgedanken nicht verurteilt wird. Die Möglichkeit darüber zu reden, das ist auch Prävention, sagt Komorek-Magin. Angehörige und Freunde sollten Gespräche dieser Art nur führen, wenn sie dazu in der Lage sind. Ansonsten ist es immer empfehlenswert, eine dritte Person, wie einen Hausarzt oder eine Beratungsstelle zum Gespräch hinzuzuziehen. Da oft der Scham der Betroffenen zu groß ist, können sich Angehörige und Freunde vorher über die Stellen informieren und anbieten mitzukommen.

Das sollte vermieden werden

Ungünstige Bemerkungen wie: „Das kannst du doch nicht bringen. Wie wird es deinen Eltern damit gehen“. Man darf keinen Druck ausüben, denn Druck haben die Betroffenen genug aus ihrem Inneren heraus. Nicht Dramatisieren: „Um Gottes Willen, du willst dir das Leben nehmen? Das ist ja furchtbar“ Man müsse selbst die Ruhe bewahren. Und es auch nicht herunterspielen: „Ach, Krisen hatten wir doch alle schon mal. Das wird schon wieder werden“. So fühlen sich die Betroffenen nicht gehört, sagt Komorek-Magin. Wichtig ist es, in Ruhe zuzuhören und klar zu machen, dass man sich Sorgen macht.

Die Phasen

Nach dem oben genannten Rückzug folge die Situation, dass sich die Person Suizidgedanken macht, aber nur gelegentlich. Dann könne es sein, dass diese immer öfter auftreten. Der Mensch kann sich dann nicht mehr davon distanzieren, die Gedanken sind wie ein Zwang, sie drängen sich immer wieder auf. Da werde es dann kritisch, so die Horizont-Beraterin, und dann geht es weiter mit der Phase, in der die Person darüber nachdenkt, was spricht für und was spricht gegen das Leben. Es kommt zur intensiveren Beschäftigung mit dem Thema Suizid und den Möglichkeiten, die es gibt. Und dann komme es zur „Ruhe vor dem Sturm“-Phase. In dieser Phase hat sich derjenige schon dazu entschlossen und alles vorbereitet. Dann sind die Menschen kaum noch erreichbar. Scheinbar geht es ihnen in dieser Phase besser. Sie wirken entspannt und es scheint ihnen gut zu gehen. Wenn das auf einmal eintritt, müsse man ganz gezielt handeln und nachfragen. Anmerken, dass es auffällig ist, dass es der Person besser geht und fragen, wie es dazu kam. Und vor allem, ob es noch suizidale Gedanken gibt.

Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Suizid-Risiko

Menschen im höheren Lebensalter haben ein deutlich gesteigertes Suizidrisiko als die jüngere Bevölkerung. Die Psychologin erklärt, dass hierbei vor allem die Einsamkeit eine große Rolle spielt. Verwitwet, viele Freunde sind bereits verstorben, die Kinder leben weit weg. Auch die Gebrechlichkeit, Erkrankungen oder eine sehr kleine Rente. Da kommen viele Faktoren zusammen. "Da denken dann einige: Ich habe eh nur noch ein paar Jahre, dann kann ich das auch abkürzen“, sagt Komorek-Magin. Zudem gehören psychische Erkrankungen auch zu den Risiko-Faktoren. Sowie Menschen mit psychotischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder zum Teil Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Auch Menschen mit traumatischen Erlebnissen, in Helferberufen, in Haft oder mit ungünstigen Lebensumständen. "Die Patienten sehen dann meist nur die aktuelle Situation, den finsteren Tunnel und nicht, wie es in zwei oder drei Jahren aussehen könnte. Sie sehen sozusagen kein Licht mehr am Ende dieses Tunnels. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu helfen, wieder mehr Weitblick zu bekommen", sagt Komorek-Magin. Daher komme auch der Name "Horizont", den die Beratungsstelle trägt.

Männer begehen häufiger Suizid als Frauen – Warum?

Männer sind besonders betroffen. Dafür gibt es laut der Psychologin zwei Gründe: Frauen tun sich leichter Hilfe anzunehmen. Das bemerke sie auch an den Beratungszahlen - es seien fast doppelt so viele Frauen wie Männer. Und die Suizidmethoden. Wenn Frauen sich das Leben nehmen oder es versuchen, greifen sie eher zu Methoden, die noch Rettung zulassen. Suizidversuche gibt es häufiger bei Frauen, aber diese können eben eher gestoppt werden oder es sind tatsächlich nur Versuche und die Frauen rufen dann nach Hilfe, erklärt sie.

Welche Auswirkung hat Corona?

"In den Beratungen merken wir es auf jeden Fall", sagt Komorek-Magin, "An den Zahlen sieht man es momentan nicht, aber erfahrungsgemäß kommt sowas immer erst zeitverzögert." In der Beratungsstellen gebe es eine erhöhte Nachfrage. Vor allem würde das Thema immer eine Rolle spielen und sei ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Einsame waren während des Lockdowns noch einsamer, Menschen mit Angsterkrankungen hatten dadurch noch mehr Ängste und Ressourcen sind verloren gegangen, sagt die Expertin. Bestehende Problematiken hätten sich durch Corona verschärft. Zudem konnte die Beratung nur telefonisch stattfinden und es fehlte der persönliche Kontakt zu den Betroffenen. Auch war die Versorgung etwa in Kliniken nur reduziert vorhanden.

Fazit der letzten Jahre

In den letzten Jahren sind die Zahlen deutlich gesunken. Die Beratungsstelle Horizont gibt es seit 1987 und damals war die Zahl der Suizide in Deutschland fast doppelt so hoch wie heute. "Wahrscheinlich ist das auch auf die guten und vielen Hilfsangebote, die Forschung, die Öffentlichkeitsarbeit und die neu entwickelten und verbesserten Medikamente zurückzuführen", sagt Komorek-Magin.

Im vergangenen Jahr gab es in der Oberpfalz laut Landeskriminalamt 247 Suizide, 2019 waren es 325, ein Jahr davor 301.

Bayern
Regensburg
Service:

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder kennen Sie eine Person, der es so geht? Hilfe bietet die Telefonseelsorge anonym und rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/1110111 und 0800/1110222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter www.telefonseelsorge.de. Außerdem gibt es weitere Beratungsstellen in verschiedenen Orten der Oberpfalz. Unter anderem:

  • Krisendienst Oberpfalz:
    kostenfrei & anonym, 24 Stunden Erreichbar unter 0800 / 6553000
  • Beratungsstelle Horizont Regensburg (Caritas und Diakonie Regensburg):
    Erreichbar unter 0941/58181
  • Weiden (Caritas):
    Erreichbar unter 0961/38905-0
    Außenstelle Tirschenreuth:
    Erreichbar unter 09631/79895-0
  • Amberg (Diakonie):
    Erreichbar unter 09621/3724-0
  • Schwandorf (Diakonie):
    Erreichbar unter 09431/8817-0
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