10.04.2021 - 15:50 Uhr
OberviechtachDeutschland & Welt

Kult-Disco Burgblick in Oberviechtach: Alles, nur kein Mainstream

Ein junger Österreicher brachte in den 80er-Jahren Rock, Punk und Blues in die Nordoberpfalz. Charly Schlömmer machte den Burgblick in Oberviechtach vom Tanzschuppen zum Treffpunkt für Musiker und Musikbegeisterte aus der ganzen Region.

Charly Schlömmer an seinem Lieblingsplatz im Burgblick: Fast 15 Jahre lang stand der musikverrückte Österreicher an sechs Tagen in der Woche selbst am DJ-Pult. (Bearbeitung: Christian Gold)
von Kai Gohlke Kontakt Profil

Rückblick: Frühjahr 1980 in der Nordoberpfalz. Karl "Charly" Schlömmer, ein gerade mal 22 Jahre alter gelernter Koch und Kellner aus dem beschaulichen Radstadt im österreichischen Bundesland Salzburg, arbeitet im Kaufhaus Hertie in Weiden in der Sportabteilung. Doch er hat ein Problem: Seine Arbeitserlaubnis läuft ab, und weil Österreich nicht in der EU ist (das wird erst 15 Jahre später der Fall sein), müsste er seine neue Heimat Deutschland bald wieder verlassen. Einen Lichtblick bietet eine Zeitungsanzeige im Neuen Tag: Ein gediegenes kleines Tanzlokal namens Burgblick im 35 Kilometer entfernten Oberviechtach sucht einen Discjockey. DJs gelten als Künstler, und für die gibt es eine Ausnahmeregelung. Also wird Charly Schlömmer bei den Wirtsleuten Oskar und Maria Troglauer vorstellig - und die stellen ihn ein.

An seinen ersten Arbeitstag am 1. April 1980 erinnert sich der inzwischen 63-Jährige noch gut. Vor allem daran, dass er ziemlich übernächtigt zum Dienst erschienen ist, weil er am Abend zuvor auf einem Konzert der Rockband The Who in der Münchner Olympiahalle war. Richtig glücklich wird der rockbegeisterte junge Charly in dem neuen Job aber zunächst nicht. Denn zu Beginn der 80er-Jahre wird in den Tanzlokalen der Nordoberpfalz überwiegend noch paarweise "Dreher" bzw. "Discofox" getanzt, und Charly muss auf Geheiß seiner Chefin die dazu passende Schlagermusik auflegen. Das ist ihm so zuwider, dass er nach fünf Jahren das Handtuch wirft. Seine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland hat er zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon in der Tasche.

Bedingung für den DJ-Job: "Ich darf spielen, was ich will"

Doch ein Jahr später pachtet Jürgen Fitzgerald aus Weiden den Burgblick. Er fragt Charly Schlömmer, ob er dort wieder als DJ auflegen will. Der sagt zu - aber nur nachdem ihm Fitzgerald sein Wort gegeben hat, "dass ich spielen kann, was ich will". Was er will, das ist vor allem: kein Mainstream, nicht das, was überall anders läuft. Stattdessen Rock, Punk, Blues - "quer durch den Gemüsegarten". Stundenlang durchforstet er die Plattenläden in Weiden und hört sich die Neuerscheinungen an. Dabei kauft er nie Singles, wie er stolz betont, sondern immer LPs, also Alben. Und von denen legt er dann im Burgblick gerne die eher unbekannteren Stücke auf, statt der im Radio laufenden Single-Auskoppelungen.

Pächter Fitzgerald betreibt mit dem Metropol in Grafenwöhr und dem Landgrafkeller in Weiden bereits zwei erfolgreiche Klubs in der Region. Er bietet Charly Schlömmer deshalb nach einem Jahr an, den Burgblick als Pächter zu übernehmen. Der wird jetzt also Wirt, doch während seine Frau Monika sich um den Service kümmert, bleibt Charlys Stammplatz immer an den Plattentellern. Denn was die Musik angeht, ist das Burgblick-Publikum inzwischen verwöhnt - und anspruchsvoll. Experimente mit Gast-DJs bricht Charly Schlömmer meist schnell ab, nur ganz wenige können es ihm bei der Songauswahl Recht machen. Und er weiß auch: Es ist die Musik, die den Burgblick in der Konkurrenz der überall entstehenden Großraum-Discos einzigartig macht. Dafür kommen die Stammgäste aus dem ganzen Raum Neunburg, Rötz, Schönsee bis Tännesberg, manche auch aus Schwandorf, Cham oder sogar München und Nürnberg. Die Tür steht buchstäblich für alle offen: Der Eintritt ist frei, einen Türsteher gibt es nicht. Und auch wenn quasi jeder jeden kennt, und Neulinge sofort auffallen, sind sie trotzdem willkommen und werden herzlich aufgenommen.

Im Hechtsprung vom DJ zur Ein-Mann-Security

Wenn Charly Schlömmer heute von dieser Zeit erzählt, dann ist er immer noch stolz auf seine Gäste. Von denen habe er "wahnsinnig viel gelernt", auch was die Musik betrifft. Wenn ein Lied öfter gewünscht worden sei, das er nicht hatte, dann habe er sich eben bis zum nächsten Mal die Platte besorgt. Überhaupt trafen im Burgblick ganz unterschiedliche Gruppen aufeinander - von einer eher intellektuellen Klientel über waschechte Punks bis hin zu "beinharten" Bikern, zum Beispiel vom damals berüchtigten MC Falkenstein. Ärger gab es trotzdem praktisch nie, alle fühlten sich wohl in der Mini-Disco, in der es mit 100 Gästen schon atemberaubend eng wurde. "Die haben alle gewusst, dass ich ihre Sachen irgendwann am Abend spiele. Und bis dahin haben die sich eben die anderen Lieder angehört."

Und wenn doch mal ein paar junge Männer auf der kleinen blau-rot-karierten Tanzfläche aneinander gerieten, dauerte es nur ein paar Sekunden, bis Charly erstaunlich behände aus dem DJ-Verschlag nach vor sprintete und sich buchstäblich mit einem Hechtsprung ins Getümmel warf - das damit dann auch ganz schnell beendet war. "Es war schon wichtig, sich Respekt zu verschaffen", sagt er. Denn an so etwas wie Ordner oder einen bezahlten Sicherheitsdienst war damals noch nicht zu denken. Und noch eines war wichtig: Natürlich wurde im Burgblick zwar viel Alkohol getrunken, und ebenso selbstverständlich und offen auch gekifft - "gehascht", wie man damals noch sagte, also Cannabis geraucht. Härtere Drogen hielt Charly Schlömmer aus seinem Lokal aber immer fern, und hatte vielleicht auch deshalb immer ein überwiegend entspanntes Verhältnis zur örtlichen Polizei.

Livemusik von Hans Söllner bis Fiddler's Green

Noch viel besser war allerdings Charly Schlömmers Verhältnis zur Musiker-Szene in der Region und darüber hinaus, viele Musiker waren Stammgäste im Burgblick. Denn er hatte schon Mitte der 80er-Jahre damit begonnen, Konzerte zu organisieren. Kleinere Open-Air-Festivals, aber auch Konzerte im Burgblick und in anderen Locations. Dabei bewies er oft einen guten Riecher für Künstler, die gerade auf der Schwelle zum Durchbruch standen. Zum Beispiel Hans Söllner, dessen erste Platte er gehört hatte - "als er noch nicht so politisch verbissen war". Schlömmer konnte den Bad Reichenhaller, der bis dahin noch nie nördlich der Donau gespielt hatte, für sein Festival 1987 in Winklarn verpflichten. Daraus entstand eine jahrelange Freundschaft, und Söllner war in den folgenden Jahren immer wieder mal im Burgblick zu Gast - für Konzerte oder einfach nur privat.

Die Live-Musik war und blieb neben dem Plattenauflegen im Burgblick Schlömmers zweite große Leidenschaft. Wirtschaftlich war das nicht immer ein Erfolg. 1986 hatte er zum Beispiel S.T.S. für ein Festival auf der Burg Haus Murach bei Oberviechtach verpflichtet - also genau der Burg, der der Burgblick seinen Namen verdankt. Die Österreicher waren in diesem Jahr auf der Höhe ihres Erfolgs, und trotzdem "ist die Kalkulation nicht aufgegangen", wie Charly Schlömmer heute sagt - vor allem, weil das Wetter nicht mitspielte. Geprägt hat ihn auch der Kontakt zur Hamburger Rock- und Punkszene, aus dem auch die Liebe zum Hamburger Fußballclub FC St. Pauli erwuchs, dem er als Mitglied des Oberpfälzer Fanclubs "Paulizeirevier" treu geblieben ist. Für die Punkband Die Goldenen Zitronen organisierte er eine ganze Bayerntour. Fiddler's Green, bis heute eine der erfolgreichsten deutschen Folkrock-Bands, hatten im Burgblick den ersten Auftritt außerhalb ihrer Heimatstadt Erlangen. Sie brachten 40 Fans mit und machten das Lokal so voll, dass die Gäste sogar noch in drei Reihen hinter der Theke standen: "Ausschenken konnten wir da nicht mehr, weil wir die Schübe nicht mehr aufgekriegt haben."

Turbulentes Faschingstreiben und wenig besinnliche Weihnachten

Viele Erinnerungen an diese Zeit hat Charly Schlömmer in einem halben Dutzend Fotoalben gesammelt, deren Einband inzwischen zum Teil recht abgegriffen ist. Wenn er sie durchblättert, dann kann er zu jedem Bild und zu jedem der vielen eingeklebten Zeitungsartikel eine Geschichte erzählen - in seinem österreichischen Dialekt, den er sich nach 40 Jahren in der Oberpfalz ebenso bewahrt hat wie seine Rocker-Mähne. Von fast allen Burgblick-Gästen auf den Fotos weiß er noch die Namen. Viele der Bilder sind bei besonderen Events entstanden, wie etwa den zahlreichen Faschingspartys: Hausfasching, Pyjamaparty, Rosenmontagsball - und am Ende der Kehraus, bei dem sich immer der Gast mit dem größten "Deckel", also der höchsten ausstehenden Zeche, als scheidender personifizierter Fasching in den Sarg legen musste und dafür einen Teil dieser Schulden erlassen bekam. Und zu Weihnachten wurden das "Highnachtskonzert" mit der Rötzer Band Tush und eine Bescherung mit persönlich ausgesuchten witzigen Geschenken für die Stammgäste schnell zur Burgblick-Tradition.

Trotz oder gerade wegen des permanenten Erfolgs war 1995 für Charly Schlömmer im Burgblick Schluss. Er hatte einfach genug: "Irgendwann hinterlässt so ein Leben auch Spuren." Denn im Gegensatz zu größeren Clubs, die nur am Wochenende Betrieb haben, war der Burgblick an sechs Tagen pro Wochen offen, "und es war immer was los". Wochentags von 20 bis 1 Uhr, am Wochenende offiziell bis 3 Uhr - "da gab's ja noch eine Sperrstunde". Das Lokal existiert unter wechselnden Pächtern bis heute, doch ohne "den Charly" war es nie mehr dasselbe.

Revival-Party mit den Gästen von früher und einem Fußball-Profi von heute

Schlömmer übernahm die Fischerklause in Steinfels bei Mantel und machte daraus eine Musikkneipe (mit etwas gesundheitsverträglicheren Öffnungszeiten), die ebenfalls schnell Kultstatus in der Region erlangte. Heute arbeitet er als Koch in einem Lokal in der Weidener Innenstadt. Nebenbei betreibt er unter dem Namen "Wunderland Dinner" einen Foodtruck, mit dem er in der Open-Air-Saison auf großen Festivals unterwegs ist - oder zumindest vor der Corona-Pandemie war. Dabei kommen ihm seine Kontakte in die Musiker- und Konzertveranstalter-Szene immer noch zugute.

Auch der Kontakt zu den Gästen aus dem Burgblick von früher ist nie abgerissen, und seit acht Jahren feiert Charly Schlömmer dort immer an Weihnachten eine Revival-Party. Weil das Lokal innen im Wesentlichen optisch unverändert ist, kommt da auch wieder das Feeling aus den alten Tagen auf. Viele der ehemaligen Stammgäste kommen dafür aus ganz Deutschland zusammen, in einem Fall sogar aus Kanada. Dass die Gäste von damals ihre Jugendjahre hinter sich haben und inzwischen zur Eltern-Generation gehören, bescherte dem St.-Pauli-Fan Charly Schlömmer bei einer dieser Gelegenheiten ein besonderes Highlight: Philipp Ziereis von dem Hamburger Bundesliga-Fußballclub stand plötzlich vor ihm. Der Innenverteidiger, der aus Schwarzhofen stammt, war gekommen, um seine Eltern aus dem Burgblick abzuholen.

"Die haben alle gewusst, dass ich ihre Sachen irgendwann am Abend spiele. Und bis dahin haben die sich eben die anderen Lieder angehört."

Karl

Karl "Charly" Schlömmer

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