Kult-Disco Rockhouse in Thansüß: Der letzte Schrei

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Das Rockhouse in Thansüß gab's nicht lange, war aber trotzdem schnell Kult. Die Dorfdisco war vor allem bei Musikern beliebt, hier trafen sie sich wie auf einer Börse. Die Einrichtung war eigenwillig – aber genau das passte zu dieser Disco.

Auf der Tanzfläche unter der halben Discokugel feierten die Menschen im Rockhouse bei Thansüß.
von Julian Trager Kontakt Profil

An der Decke die gebrauchte Lichtanlage aus einem alten Manteler Tanzcafé, daneben die halbe Discokugel, die vorher im Juz in Weiden hing. Am Boden abgeranzte Stühle, ein großer runder Tisch, ein paar kleine Stehtische, Bänke, alles aus Holz. Rötlich-lilane Tücher verdeckten die Fenster. An den Wänden hingen Bilder von Jim Morrison, Jimi Hendrix und John Lennon. Neben der Tanzfläche ein drei mal zwei Meter großes Gemälde an der Wand, eine nachgemalte Version des Filmplakats von Pink Floyds „The Wall“. Das Gesicht mit dem aufgerissenen Mund und den herausstechenden Schneidezähnen war das Symbol der Disco, prangte auch auf den Aufklebern. Der Laden sah mehr nach Gaststätte aus als nach Disco, sagt der ehemalige Betreiber Martin Hoffmann heute selbst. „Das war schon eine Spelunke“, sagt eine, die dort öfter drin war und das nicht negativ meint. „Die Leute sind da ja trotzdem immer hin.“ Auch wegen der einfachen Einrichtung, glaubt Robert Hiemer, Stammgast in den frühen 90ern. Das Rockhouse war damals der letzte Schrei.

Die Disco auf Gut Konradinsgrund bei Thansüß (Markt Freihung, Kreis Amberg-Sulzbach) gab es nicht lange. Die paar Jahre, von 1987 bis 1995, reichten aber, um Kultstatus zu erlangen. Das lag auch am Inneren, das so ganz anders war als das der anderen Diskotheken in der Region. „Mei, das war schwierig“, sagt Martin Hoffmann, der die Disco mit zwei Partnern betrieb. „Wir hatten nie Geld. Es war alles ein bisschen zusammengeschustert“, sagt er. Zwanzig- oder Dreißigtausend Mark hätten sie zum Investieren gehabt. „Damit haben wir das Ding aufgemacht.“ Hoffmann und seine Partner wollten ohnehin keinen „Schicki-Micki“-Laden, in den nicht jeder rein durfte. Sie wollten eine Disco, in die jeder rein kam. „Da war ziemlich viel Idealismus dabei“, sagt der heute 55-Jährige. Der Eintritt war kostenlos, ein Bier kostete drei Mark, ein Spezi zwei Mark. Man betrieb das Rockhouse aus Leidenschaft, Hoffmann ist selbst Musiker, hatte damals eine eigene Band. „Wir waren weniger darauf aus, Geld zu machen“, sagt er. „Wir wollten lieber mit unserem Hobby über die Runden kommen.“

Der Söllner-Hans in Thansüß

Das Einzige, was im Rockhouse wirklich teuer war, waren die Plattenspieler, Technics. Bei den billigen, die Hoffmann auch ausprobiert hatte, vibrierte es zu sehr, die Rückkopplung. Die 21 Kilo schweren Technics hielten’s aus, erzählt der Wahl-Amberger, der aus Altenstadt/WN stammt. Ein guter Sound war wichtig, die Musik war wichtig. Hoffmann legte selbst auf. Die bekannten Rockklassiker, die weniger bekannten Songs, die harten und die langsamen. Deep Purple, Led Zeppelin, die Stones natürlich. Und weil der Chef selbst Teil der Liedermacherszene war, spielte er auch STS, den Ambros oder den Fendrich. Draußen auf der Wiese vor der Disco gab es hin und wieder Open-Air-Konzerte. Viele eher kleinere mit lokalen Bands. Ein paar größere mit der Hanse-Schoirer-Band oder mit Hans Söllner. „Da waren gut 1000 Leute da“, erinnert sich Hoffmann an den Söllner-Auftritt.

„Im Rockhouse wurde andere Musik gespielt als in den herkömmlichen Discos“, meint Robert Hiemer. Vergleichbares sei nur in der Pumpe in Eschenbach und im Juz in Weiden zu hören gewesen. Hiemer war früher DJ im Juz und einer von vielen, die um 1 Uhr in mehreren Autos aus der Stadt ins Dorf fuhren, um in Thansüß noch ein paar Stunden „abzurocken“, wie er selbst sagt. Das Rockhouse sei da die Anlaufstelle schlechthin gewesen. Und als die Jungs aus Weiden kamen, legte „der Martin immer extrem gute Musik“ auf.

Wie auf einer Musikerbörse

Das Rockhouse war aber viel mehr als nur eine Tanzfläche. Die Gäste konnten darin essen, in einem kleinem Zimmer standen Billardtisch, Kicker und Spickerautomat. Ein Rückzugsraum, um sich zu unterhalten, kennenzulernen. Musiker trafen dort auf Bands, die Musiker suchten. Wer kennt einen Schlagzeuger? Wer sucht einen Bassisten? Ist ein Keyboarder frei? „Das war fast wie auf einer Musikerbörse“, sagt Hiemer, Leader der Band Southern Rock Junkies. „Ich habe dort einige meiner späteren Bandmitglieder getroffen.“ Aber freilich waren auch die Mädels da. „Logischerweise sind wir auch deswegen hin“, sagt er und lacht.

Lange bevor auf Gut Konradinsgrund eine Disco stand, war es ein Luxushotel – mit einer weltweit wohl einzigartigen Gästeliste. Als er bei der US-Armee in Grafenwöhr stationiert war, hatte Elvis dort Ende der 1950er-Jahre ein exklusives Stelldichein, erzählt man in Thansüß. Nach dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß ist ein Zimmer benannt. Strauß übernachtete dort, wenn er zur Treibjagd auf Gut Konradinsgrund weilte. In den 80ern war’s dann aber vorbei mit dem Luxus, das Hotel mit der Nobelgastronomie schloss.

"Eingestanden, dass es nicht mehr lief"

Am 2. Oktober 1987 eröffnete das Rockhouse – und jeder durfte rein. Die Jugend, die Rockmusikbegeisterten. „Waren viele Langhaarige da“, erinnert sich Hiemer. Zum Glück waren die „Desperados“ aus Neustadt/WN nicht darunter, erzählt er, die Rockerbande hatte im Juz oft für Konflikte gesorgt. „Jede halbe Stunde wollten die da „Highway To Hell“ hören“, erinnert sich der ehemalige DJ. Also spielte er es immer wieder, weil es sonst Ärger gegeben hätte. Dem Rockhouse blieb das erspart. Hin und wieder gab’s dort mal Streit unter Besoffenen, mehr aber auch nicht. Und ab und zu schaute die Polizei vorbei, sagt Martin Hoffmann. Razzien, Jugendschutz.

Die ersten fünf Jahre liefen super, „die goldene Zeit“, schwärmt Hoffmann. Dann aber sei es schwieriger geworden, irgendwann habe es nur noch einen guten Tag gegeben. „Mit einem Tag allein kannst nicht überleben“, sagt er. Die Konkurrenz, das Happy-Rock, das Car Wash, wurde größer, die jüngeren Gäste seien nicht mehr so auf eine Disco fixiert gewesen. „Irgendwann habe ich mir eingestanden, dass es nicht mehr läuft“, sagt Hoffmann. „Und dann habe ich halt was anderes gemacht.“

Die Top-Hits im Rockhouse

Wurschtgulasch in der Nacht

Das Rockhouse war eine Disco mit großem Stammpublikum, immer waren die gleichen Menschen da, die Jacky-Cola, Bacardi-Orange oder Weizen tranken. „Da hast genau gewusst, wo wer steht“, sagt Hoffmann. Gerne erinnert er sich an einen Rollstuhlfahrer. Der, so erzählt es Hoffmann, ließ sich immer von ein paar Leuten die Treppe zur Tanzfläche hinuntertragen. „Der hat dann mit seinem Rolli dermaßen abgerockt und getanzt, dass ich schwer beeindruckt war.“ Oder Luis, der eigentlich ganz anders hieß. Weil der aber immer einen alten Hut aufhatte und an Luis Trenker erinnerte, setzte sich bald der neue Spitzname durch. Einige Zeit später schenkte Luis hinter der Bar aus.

In der Disco gab’s auch zu späterer Stunde noch etwas zu essen, das Rockhouse hatte eine kleine Küche mit kleiner Speisekarte. „Das Wurschtgulasch, unglaublich gut gewürzt, haben die Leute gern gegessen“, sagt Hoffmann. Auch Schnitzel oder Fischstäbchen waren beliebt. Oder Currywurst. „Die hast da auch nicht unbedingt mit Messer und Gabel essen müssen“, sagt Robert Hiemer und lacht. „Auch wenn es kein Grand-Hotel war, man fühlte sich dort einfach wohl.“ Das ganze „holzige Flair“, die schlichte Einrichtung. Die Gäste im Rockhouse hätten nicht mehr gebraucht – die gute Musik, die netten Leute, das war der Luxus. „In anderen Discos bist du mit angerissener Hose und Fleck auf der Jacke nicht reingekommen“, sagt Hiemer. „Hier war es schon fast Voraussetzung.“

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