12.08.2021 - 15:58 Uhr
PegnitzDeutschland & Welt

37 Soldaten sterben bei Hubschrauber-Tragödie

Sie sind im Wrack verbrannt oder auf der Erde zerschellt: Am 18. August 1971 sterben nahe Pegnitz 37 junge US-Soldaten beim Absturz eines Chinook auf dem Weg nach Grafenwöhr. Das grausige Erlebnis bewegt Augenzeugen auch 50 Jahre später.

Pegnitz' Stadtarchivar Andreas Bayerlein hat im Archiv viele Dokumente zum Absturz verwahrt. Die Bild-Zeitung berichtete am 19. August über die "größte Hubschrauber-Katastrophe der Welt".
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der 18. August 1971 war ein Mittwoch. Im oberfränkischen Pegnitz nahe der Oberpfälzer Grenze bei Auerbach schien bei wolkenlosem Himmel schon in den Morgenstunden die Sonne – perfektes Flugwetter. Dass es an diesem herrlichen Sommertag zum schlimmsten Luftfahrt-Unglück in der Geschichte der US-Streitkräfte in Deutschland nach 1945 kommen würde, konnte Inge Kroder nicht ahnen. Die damals junge Mutter und Apothekerin erlebte den grausamen Tod von 37 US-Soldaten mit, die beim Absturz eines Chinook-Hubschraubers an der Pegnitzer Fischelhöhe starben. Zum Jahrestag 50 Jahre später kommen die Erinnerungen wieder hoch.

"Mein Mann arbeitete in der Apotheke, ich war mit meiner eineinhalbjährigen Tochter allein zu Hause", erinnert sich die heute 79-Jährige an die Tragödie. Sie habe in ihrem Haus im Pegnitzer Stadtteil Neudorf aus dem Küchenfenster geschaut und beim Überflug eines Hubschraubers gleich bemerkt, dass etwas nicht stimmte, berichtet sie gegenüber Oberpfalz-Medien. Wegen der Nähe zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr sei sie Militärflugzeuge gewöhnt, doch diesmal war es anders: "Ein Chinook ist in sehr geringer Höhe nach Norden über das Haus geflogen. Die Seitentür war offen, mehrere Soldaten saßen am Boden und ließen die Füße raushängen. Ich konnte ihre Gesichter sehen und war die letzte, die ihnen in die Augen geschaut hat."

Soldaten wollten abspringen

Kurz danach explodierte der zweimotorige Militärtransporter nahe der A9, kam ins Trudeln, zerbrach noch in der Luft und zerschellte auf einem Acker an der Fischelhöhe. "Ich hatte mich noch gewundert, dass so viele Soldaten an der Seitentür saßen und standen, aber danach war mir klar: Die wollten raus aus dem Ding und haben sich für den Absprung bereit gemacht." Inge Kroder vermutet, dass der Pilot auf der Suche nach einem freien Feld war, um den Helikopter nicht über bewohntem Gebiet runterbringen zu müssen.

Die Schilderungen der Apothekerin decken sich auch mit den Erlebnissen von Walter Kurz. Der heutige Physiotherapeut und Pegnitzer Stadtrat war damals elf Jahre alt und spielte mit seinem Freund am Kellerberg. Die Jungs beobachteten die merkwürdige Flugbahn des mittelschweren Transporthubschraubers. "Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre", erzählt der 61-Jährige: "Der Heli kam aus westlicher Richtung von der Autobahn, er ist über Pegnitz geflogen und hat über Hainbronn (Stadtteil von Pegnitz, Anm.d.R.) plötzlich gewendet und ist wieder zurückgeflogen." Kurz' These: "Der hat gemerkt, dass etwas nicht stimmt und wollte aus dem Stadtgebiet raus."

Ganz plötzlich sei das Knattern verstummt gewesen und kurz darauf wollen die beiden eine tiefschwarze Rauchwolke wie bei einem Atompilz aufsteigen gesehen haben. Sofort seien sie mit ihren Rädern zur Absturzstelle an der Fischelhöhe gerast. "Da sind Dutzende Leute raufgestürmt, um zu schauen, was passiert ist. Unterwegs hat uns die Feuerwehr überholt." Als Kurz und sein Freund dort ankommen, bekommen sie den Schreck ihres Lebens – alle 37 Insassen kamen durch den Absturz ums Leben. "Der hintere Motor lag Hunderte Meter entfernt im Wald. Das Wrack selbst brannte. Der Pilot wurde rausgeschleudert, er saß verkohlt noch immer in seinem Sitz."

Leichen krümmen sich im Feuer

Auch Inge Kroder war an der Absturzstelle, weil sie ihr Schwiegervater dorthin mitgenommen hatte. "Die Trümmer waren über Hunderte Meter verteilt. Der Hubschrauber war ein rauchender, schwarzer Haufen. Ich habe Soldaten gesehen, die haben sich gekrümmt, weil sie brannten", berichtet die 79-Jährige. Später habe sich herausgestellt, dass die Männer bereits tot waren. Doch die Leichen hätten sich durch das Feuer und die Glut in den Körpern noch immer bewegt. Auf ihren Schwiegervater sei sie sogar böse gewesen, dass dieser sie mitgenommen hatte.

"Ich wollte das nicht sehen und wäre alleine auch gar nicht hingegangen. Ich bin auch schnell wieder weg, das war zu schockierend für mich." Noch heute müsse sie an das Horror-Erlebnis denken, wenn ein Hubschrauber über ihr Haus fliege. "Es ist furchtbar. Mein Mann und die Kinder fliegen selber auch im Flugsportverein." Stadtrat Walter Kurz ging es ähnlich. "Ich habe etliche Nächte im Bett meiner Mutter verbracht, weil ich nicht mehr schlafen konnte. Das hat mich beschäftigt, und ich denke noch immer daran."

Wie konnte es zu dieser Tragödie kommen? Spätere Unfalluntersuchungen haben ergeben, dass es im Heckmotor zu einer Materialermüdung gekommen ist. Der hintere Rotor sei deshalb nicht mehr synchron zum vorderen gelaufen, krachte in diesen und verursachte so die Katastrophe. Dass es schon in der Luft zur Explosion kam, erklärt auch, warum Trümmer und Leichen teils über Hunderte Meter auf freiem Gelände und im Wald verstreut lagen. Ein Vermisster soll sogar erst vier Tage später gefunden worden sein.

New York Times berichtet

Das Unglück war nicht nur in Pegnitz und Grafenwöhr Tagesgespräch, es löste ein internationales Medienecho aus. Am nächsten Tag liefen Sendungen im US-Fernsehen, die New York Times berichtete auf ihrer Titelseite: "37 GJ´s Killed as Copter Crashes in West Germany". Während Bundespräsident Gustav Heinemann US-Präsident Richard Nixon kondolierte, sprach die Bild-Zeitung sogar von der "größten Hubschrauber-Katastrophe der Welt", und auch Der neue Tag informierte seine Leser über das Unglück. "Die zum großen Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten oder verkohlten Leichen wurden zur Identifizierung nach Heidelberg überführt", schrieb unser damaliger Reporter Heinz Hoffmannbeck in der Ausgabe vom 19. August 1971.

Der Chinook-Hubschrauber gehörte zur 4th Aviation Company (Heeresfliegerkompanie) der 15th Aviation Group und war am Unglückstag in den Dolan Barracks, einer US-Kaserne in Schwäbisch Hall nahe Ludwigsburg, gestartet. Die vier Mann Besatzung unter dem Kommando des Piloten James W. Hensley sollten 33 Soldaten des 56. US-Artillerieregiments für eine Übung nach Grafenwöhr fliegen. Dass keiner von ihnen in der Oberpfalz angekommen ist, war für die Angehörigen ein Riesenschock. Der Pegnitzer Stadtarchivar Andreas Bayerlein hat anlässlich des 50. Jahrestags am 18. August in monatelanger Kleinarbeit alte Untersuchungsberichte, Fotos und Briefe der Familien mit der Stadt Pegnitz ausgewertet. Seine Recherchen präsentiert er in der Wanderausstellung "Für immer in unseren Gedanken – Forever in our thoughts", die bis zum 10. August im Militärmuseum Grafenwöhr zu sehen war und ab 16. August im Pegnitzer Bürgerzentrum besucht werden kann.

Schock für Familien

"Ich möchte das persönliche Schicksal der Soldaten schildern, den Namen ein Gesicht geben und ihr nur kurzes Leben schildern", sagt der Archivar. Das dürfte ihm gelungen sein. So fand Bayerlein heraus, dass Dennis Angelo Ferraro von der Besatzung zuvor während des Vietnamkriegs schon über 100 gefährliche Kampf- und Rettungsmissionen hinter sich gebracht und unbeschadet überlebt hatte. Als der Stationierungsbefehl für Deutschland kam, sei seine Familie überaus erleichtert gewesen, weil sie ihn hier in Sicherheit wähnten. Einen Flammentod auf der Fischelhöhe konnte sich niemand vorstellen. Private First Class Roger Madison Hartman wiederum hatte erst ein Jahr zuvor seine geliebte Beth geheiratet. Anstelle ihren ersten Hochzeitstag zu feiern, musste die fassungslose Witwe ihren Ehemann beerdigen – sie war 18, er 20 Jahre alt. "Die meisten Toten waren erst zwischen 19 und 26 Jahren alt. Es berührt mich auch persönlich, wenn man sich so intensiv mit der Tragödie beschäftigt“, sagt Bayerlein.

Verbindung zur Computerfirma Cherry

Sogar beim Computer-Hersteller Cherry in Auerbach gibt es eine direkte Verbindung zu der Katastrophe. Bei dem Absturz der Maschine kam Samuel M. Cherry ums Leben – der Private First Class war der Sohn des Firmengründers Walter Lorain Cherry. Der Vater reiste nach dem Absturz aus den USA nach Pegnitz, um sich die Todesstelle seines Sohnes Samuel anzuschauen und zu trauern. Um mit der Region, in der sein Sohn starb, in Verbindung bleiben zu können, beschloss er, hier ein Werk zu errichten. Gebaut wurde am Ende zwar nicht direkt in Pegnitz, dafür aber im nahen Auerbach.

An der Absturzstelle erinnert ein Stein mit Gedenktafeln und Inschriften an das Unglück und die 37 Toten. Mitte Juni hatte die US-Armee ein restauriertes Rotorblatt eines ausrangierten Chinook-Hubschraubers an Pegnitz übergeben, damit es zur Erinnerung an der Gedenkstätte aufgestellt werden kann. Bis zum 50. Jahrestag am 18. August soll die Stelle saniert und erweitert werden. Dann ist an der Fischelhöhe eine große Gedenkveranstaltung mit einem deutsch-amerikanischen Gottesdienst geplant. Neben einer Kranzniederlegung soll es laut Einladung einen Hubschrauber-Überflug geben, eine US-Militärband wird spielen, ranghohe Generäle aus Bundeswehr und US-Armee, der amerikanische Botschafter und Ministerpräsident Markus Söder sollen Grußworte sprechen. Zudem werden noch lebende Angehörige aus den USA und Zeitzeugen aus Pegnitz erwartet.

Wenn die Katastrophe etwas Gutes habe, dann laut Archivar Bayerlein, dass der Schock, die Trauer und das gemeinsame Erinnern Deutsche und Amerikaner weiter zusammengeschweißt und die Partnerschaft zwischen den beiden Ländern vertieft habe.

Zur Erinnerung hat die US-Armee einen Chinook-Helikopter in Pegnitz landen lassen

Pegnitz
Transporthubschrauber Chinook CH-47A:
  • Bei dem Unglücks-Helikopter mit der US-Registrierung 66-19023 handelte es sich um einen Boeing-Vertol CH-47A "Chinook" mit zwei Motoren in Tandem-Anordnung.
  • Der mittelschwere Transporthubschrauber war von 1967 bis 1969 im Kriegseinsatz im Vietnam und wurde dort mehrmals durch Beschuss beschädigt. Im August 1970 kam der Helikopter zur 4th Aviation Company (Heeresfliegerkompanie) der 15th Aviation Group, 7th Army (USAREUR) nach Deutschland und war in den Dolan Barracks in Schwäbisch Hall stationiert - bis 1992 eine US-Heeresflieger-Kaserne, zuvor ein Luftwaffenstützpunkt der Wehrmacht.
  • Am 18. August 1971 flog der Chinook mit vier Besatzungsmitgliedern und 33 Soldaten der 56. US-Artilleriebrigade von Schwäbisch Hall Richtung Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Wegen Materialermüdung kam es über Pegnitz zu einem Not-Manöver, Explosion in der Luft und Absturz auf der Fischelhöhe nahe der A9 München-Berlin
  • Chinook-Hubschrauber sind seit 1962 im Dienst der US-Streitkräfte sowie mancher Verbündeter. Circa 1200 Stück wurden bislang gebaut. Je nach Version ist der auch als "Bananenhubschrauber" bekannte Helikopter circa 30 Meter lang, 6 Meter hoch und hat eine Höchstgeschwindigkeit von rund 300 km/h. Modernisierte Varianten können über 20 Tonnen transportieren. Obwohl seit fast 60 Jahren im Militärdienst, ist der Transporter durch zahlreiche Kampfwertsteigerungen auf dem aktuellen Stand der Technik und soll noch bis circa 2030 im Einsatz bleiben.
  • Die Bundeswehr verfügt über keine CH-47-Helikopter. Wegen der Truppenübungsplätze Grafenwöhr und Hohenfels sind jedoch auch in der Oberpfalz viele Chinook zu sehen. Die nächsten Stationierungsorte von US-Chinooks sind Illesheim (Stock Barracks) und Ansbach (Katterbach Army Airfield).
Gedenkfeier und Wanderausstellung:
  • Zum 50. Jahrestag findet auf der Fischelhöhe in Pegnitz eine deutsch-amerikanische Gedenkfeier statt.
  • Eingeladen sind Ministerpräsident Markus Söder, der US-Botschafter, hochrangige Militärvertreter, Angehörige der Opfer und Zeitzeugen des Unglücks.
  • Neben einem Gottesdienst sind eine Kranzniederlegung und der Auftritt einer US-Militärband geplant. Ein Hubschrauber soll die Gedenkstätte überfliegen und dort landen.
  • Historisch Interessierte können sich über das Unglück, das Leben und die persönlichen Schicksale der 37 verstorbenen Soldaten in einer Wanderausstellung des Pegnitzer Stadtarchivars Andreas Bayerlein informieren. Die Ausstellung ist ab 16. August im Bürgerzentrum Pegnitz zu sehen, bis 10. August gastierte sie im Militärmuseum Grafenwöhr.

"Ich konnte ihre Gesichter sehen und war die letzte, die ihnen in die Augen geschaut hat."

Inge Kroder über den letzten Blick in die Gesichter der Soldaten im Absturz-Hubschrauber

Inge Kroder über den letzten Blick in die Gesichter der Soldaten im Absturz-Hubschrauber

"Der hintere Motor lag Hunderte Meter entfernt im Wald. Das Wrack brannte. Der Pilot wurde rausgeschleudert, er saß verkohlt noch immer in seinem Sitz."

Walther Kurz war als Elfjähriger am Absturzort

Walther Kurz war als Elfjähriger am Absturzort

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.