19.08.2019 - 16:59 Uhr
Deutschland & Welt

Prager Seelen und virtuose Cellisten

Das "Prague Cello Quartet" erheiterte am Samstag die Zuhörer bei den Wurzer Sommerkonzerten: Nicht nur durch grandioses Spiel, auch mit pfiffigem Humor.

Das „Prague Cello Quartet“ erheiterte am Samstag im Wurzer Pfarrhof die Zuhörer mit hochmusikalisch tonalem Humor.
von Redaktion ONETZProfil

Petr Spacek, Jan Zverina, Jan Zemen und Ivan Vokác sind eigentlich Solo-Cellisten. Am Samstagabend musizierten sie zusammen als "Prague Cello Quartet" - und boten als Ensemble eine exzellente Teamleistung. Sie verschmolzen mit ihrem Programm eines Querschnitts aus verschiedenen Genres der E- und U-Musik: Sie präsentierten berühmte klassische Stücke, Filmmusiken, Jazz-, Rock- und Pop-Hits - alles mit ergreifender Euphonie.

Mit ihrer Version eines Streichquartetts nach Tschaikowsky versprühen sie auf Anhieb pure virtuose Spielfreude unter einem regengrauen Himmel. Verschmitzte Ansagen auf Englisch erwärmen die trübe Wetterstimmung. Als sie eine "Humoreske" von Antonin Dvorák wie einen über die Schienen fahrenden Zug in Rom zum ersten Mal spielten, sei das nicht wunschgemäß angekommen. Denn in Italien ratterten keine Züge. In der Tschechischen Republik täten sie es wohl. Deshalb beließen sie das Stück zur großen Freude des Publikums im Repertoire. Wie der dritte Satz "Claire De Lune" aus der Suite Bergamasque von Claude Debussy gefallen habe, wurden sie einmal gefragt. Die Antwort war ernüchternd: Es sei halt für Solopiano gedacht. Sie haben daraus ein eigenes Arrangement gemacht und kommen in Wurz damit sehr gut an. In die Miniatur von Rimskij-Korsakow "Hummelflug", die mit rasenden chromatischen Sechzehntelläufen den Flug einer Hummel nachahmt, fallen schließlich erste Regentropfen. Vermutlich deshalb schafft es das Quartett, den Weltrekord von einer Minute und vier Sekunden um zwei Sekunden zu unterbieten.

Ideale Akustik im Marstall

Mit ihren Adaptionen bekannter Kompositionen wollen die Cellisten junge Menschen für die Musik begeistern und ihnen - in fröhlich gelaunter Aufbereitung - Zugang dazu verschaffen. Vor den Musikern stehen keine Notenständer mit Blättern, sie benutzen Tablets. Jung und aufgeweckt sind die Cellisten (Geburtsjahrgänge von 1985 bis 1988), die Zuhörer, überwiegend im gesetzten Alter, sind keinesfalls weniger begeistert. Um die Instrumente nicht dem Regen auszusetzen, schlagen die Prager vor, den Platz unter dem Laubdach der großen Kastanie im Pfarrhof mit dem Publikum zu tauschen.

Die Zuhörer entscheiden jedoch anders. Sie füllen den Marstall bis auf den letzten Quadratzentimeter. Die Entscheidung war goldrichtig, denn unter dem Kreuzrippengewölbe bot sich für das, was folgte, ein ideales Akustikgehäuse.

"Mafia", nach einem Computerspiel benannt, kommt jazzig daher, der Resonanzkörper des Cellos dient als Trommel. Bei so viel Groove verrutscht selbst ein Bild der Ausstellung an der Wand. Die versierten Cellisten führen die Stricheinsätze alternierend wie einen Staffelstab von einem zum andern weiter, akkompagnieren mit technischen Raffinessen und geben den Einsatz.

Wie die vier zeitgemäße Filmmusiken, Jazz-, Rock- und Pop-Hits präsentieren, das ist cellistische Clownerie mit Spaßfaktor in allerbester Musizierlaune. Das Spiel ist technisch perfekt und dennoch empathisch aus tiefster Seele zum Ausdruck gebracht. Komödiantische Gesten sind nuanciert abgestimmt und vervollkommnen die komisch-witzigen Anmoderationen.

Wie ein Windhauch

Ebenso jazzig gestalten sie Frank Sinatras Song "I've got the World on a String", charakteristisch rhythmisch "Heavens Honour" (Jaroslav Nemec), die Titelmelodie aus James Bond, wobei ein Cello als Bongo dient, und erst recht "Mister Sandman". Der vom Publikum erbetene Zettel wird als "Raschel-Rassel" an der Zargenrundung eingesetzt, ein Cello mit eingezogenem Stachel auf dem Schoß als Gitarre gespielt. Man hat den Eindruck, sie streuen "Sound-Sand" in die Ohren ihrer Zuhörer. Stimmungsvoll spielt das Quartett Songs aus Andrew-Lloyd-Webber-Musicals "Could we start again, please?" ("Jesus Christ Superstar"), "I Dreamed a Dream" ("Les Misérables) oder ihre "Betaversion" in der Art einer Ouvertüre "All I ask of you" aus "Phantom der Oper". Sie trugen aus der kapriziösen Filmmusik "Mission" einen getragenen Song der britischen Pop-Rock-Band Coldplay vor und brillierten mit der "Bohemian Rhapsody" des Sängers und Komponisten der Rockband Queen, Freddie Mercury. Dabei forciert einer der Cellisten den Rhythmus dramatisch, indem er seinen Bogen auf die Saiten peitscht. Am Schluss streicht das Quartett ein Pianissimo wie einen Windhauch.

Ausufernde Musikfreude

Ohne Tablets, also mit mehr Bewegungsfreiheit, explodiert beim letzten "Csárdás" die Prager Seele der Cellisten in ausufernder Musizierfreude, wird intensiv exzessiv, doch stets in fein aufeinander abgestimmter Performance. Bei der Zugabe wird das Publikum - schnippend und singend - einbezogen, denn wer kennt Bobby McFerrins "Don't worry, be happy" nicht.

Ein allerletzter Ohrenschmeichler muss sein: die Melodie für den Helden ihrer Herzen: "Winnetou". Sie könnten diesen Hit fünf Stunden lang spielen, erzählen sie bei Schülerveranstaltungen, wenn sie aus pädagogischen Gründen das Sozialverhalten testen und schulen wollen. Es sei denn einer finge an zu klatschen, dann brächen sie sofort ab. Auch in Wurz konnte ein Zuhörer auf diese Bemerkung hin seinen Spontanbeifall nicht unterdrücken.

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