06.10.2020 - 09:31 Uhr
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Der Fall Maria Baumer: Ein klares Urteil und ein ungerührter Täter

Nach über acht Jahren Ungewissheit fällt das Urteil eindeutig aus: Krankenpfleger Christian F. erhält eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, weil er seine Verlobte Maria Baumer heimtückisch ermordet hat. Der Angeklagte reagiert erstaunlich ungerührt.

Der Angeklagte steht vor der Urteilsverkündung im Verhandlungssaal des Landgerichts.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Es ist eine irritierende Szene: Vorsitzender Richter Michael Hammer hat soeben seine zweistündige Urteilsbegründung beendet – und die höchste Strafe, die das deutsche Rechtssystem vorsieht, verhängt. Da wendet sich F. seinem Bruder zu, der während des Urteilsspruchs neben ihm sitzen durfte. In Plauderhaltung wechselt er ein paar Sätze mit dem Bruder. Davon, was gerade passiert ist, scheint er kaum betroffen zu sein.

Familie von Maria Baumer als Nebenkläger

Ganz anders verhält es sich auf der anderen Seite des Gerichtsaals. Hier sitzt die Familie der aus Muschenried (Kreis Schwandorf) stammenden Maria Baumer, die als Nebenkläger auftritt. Neben den Eltern und der Zwillingsschwester sind auch die drei älteren Brüder gekommen. Insbesondere im Gesicht der Zwillingsschwester spiegelt sich immer wieder Schmerz und Entsetzen, während der Richter spricht. Die Familie hatte nach dem plötzlichen Verschwinden ihrer Tochter und Schwester am 26. Mai 2012 lange an die Schilderung von F. geglaubt, Maria habe sich eine Auszeit genommen und sich auf den Weg nach Hamburg gemacht. Ein vom Angeklagten sorgsam inszeniertes Lügenkonstrukt, wie sich später herausstellte.

Besucher stehen Schlange

"Das Medien- und Zuhörerinteresse ist am Dienstag riesig. Schon vier Stunden vor Urteilsbeginn stellen sich die ersten Besucher vor dem Landgericht in eine Schlange. Bei weitem nicht alle schaffen es in den Sitzungssaal 104. Dort wartet Vorsitzender Richter Michael Hammer in seiner pünktlich um 15 Uhr beginnenden Urteilsverkündung mit einer Überraschung auf: Die zweite Strafkammer verhängt nicht nur eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, sondern stellt auch eine besondere Schwere der Schuld fest. Damit kann F. nach 15 Jahren nicht auf Bewährung aus der Haft entlassen werden.

Heimtücke und niedrige Beweggründe

Als Gründe führt das Gericht Heimtücke und niedrige Beweggründe an. F. habe seine Verlobte getötet, indem er ihr verdeckt einen tödlichen Medikamentenmix aus Lorazepam und Tramadol in ein Getränk rührte. Sie habe noch nicht mal geahnt, dass ihre Beziehung für ihn abgeschrieben war und er sich einer neuen Liebe, einer Patientin des Bezirksklinikum Regensburg, zugewandt hatte. „Maria Baumer war so arg- und wehrlos, wie ein Mensch nur sein kann“, betont Richter Hammer. Die Tötung sei dem nüchternen Kalkül gefolgt, dass sich F. ohne Gesichtsverlust Freiraum für die angebetete Patientin verschaffen konnte.

"Nachtatverhalten besonders verwerflich"

F. habe die Tötung, die Beseitigung der Leiche und die Inszenierung des Verschwindens von Maria Baumer geplant, urteilt das Gericht. Als besonders verwerflich stuft es das Nachtatverhalten des Krankenpflegers ein. F. habe Facebook-Nachrichten und Telefonate von Maria Baumer vorgetäuscht, um eine „Legende“ über eine Auszeit seiner Verlobten zu spinnen. F. verwende seine Lügen „fast schon lustvoll“, sagt der Richter. „Er schreckt nicht davor zurück, ihm nahestehende Personen systematisch hinters Licht zu führen.“ In einem „makabren Auftritt“ in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY“ habe er sich als trauernder Verlobter in einer Kirche gezeigt – und in die Kamera erklärt, er habe sein Medizinstudium auf Eis legen müssen, weil er sich seit dem Verschwinden von Maria nicht mehr konzentrieren könne.

Angeklagter scheitert im Studium

Doch die Probleme im Medizinstudium hatte F. schon länger – und hier kommt für das Gericht ein entscheidender Punkt ins Spiel. In der oft als harmonisch beschriebenen Beziehung zwischen Maria Baumer und F. habe sich ein Rollenwechsel vollzogen. Zusammengekommen seien die beiden in einer Phase, in der es Maria Baumer nicht gut ging. Ein enger Freund von ihr war 2007 verstorben, sie steckte in einer emotionalen Krise. F. sei in dieser Situation als „Retter in der Not“ aufgetreten – ein wiederkehrendes Muster in seinem Leben. Doch im Frühjahr 2012 hatte sich die Situation geändert: Maria hatte ihr Studium der Geoökologie erfolgreich abgeschlossen, trat ihre erste Arbeitsstelle an und wurde zur Landesvorsitzenden der Katholischen Landjugendbewegung gewählt. F. scheiterte zur gleichen Zeit an mehreren Chemie-Prüfungen im Medizinstudium, begann, sein Umfeld über seinen Studienfortschritt zu belügen.

Internet nach tödlichen Dosierungen von Medikamenten gesucht

Während er eigentlich lernen sollte, verbrachte er viele Stunden im Internet damit, Dinge über seinen neuen Schwarm, die Patientin am Bezirkskrankenhaus, herauszubekommen oder mit ihr zu chatten. Er war ihr Lieblingspfleger, sie gab ihm die Bestätigung, die er suchte. Während für die Patientin aber eine Beziehung zu F. nie zur Debatte stand, „wurde sie zum Zentrum seiner Tagesgestaltung“, wie es der Richter ausdrückt. Und dann begann F. im Internet nach tödlichen Dosierungen von Medikamenten zu suchen, nach verschiedenen Würgegriffen – und dem Begriff „Der perfekte Mord“.

Kommentar zum Urteil im Fall Maria Baumer

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Keine Hinweise auf Depression beim Angeklagten

Als nicht glaubhaft stuft das Gericht die im Prozess abgegebene Erklärung des Angeklagten ein, dass er Maria Baumer zwar im Kreuther Forst bei Bernhardswald (Kreis Regensburg) vergraben habe, Maria Baumer den Medikamentenmix aber selbst eingenommen habe – wegen Rückenschmerzen und depressiven Verstimmungen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass die damals 26-jährige depressiv war, dafür aber viele Belege, dass sie Medikamenten sehr skeptisch gegenüberstand. Richter Hammer betont, es sei für das Gericht stets eine zentrale Frage gewesen, ob Maria Baumer auch auf andere Weise ums Leben gekommen sein könnte. Maßgeblich sei in einem Indizienprozess wie diesem die Gesamtschau aller „Puzzleteile“. Letztlich bestehe für das Gericht aber keine Zweifel, dass F. seine Verlobte umgebracht hat.

Verteidiger will in Revision gehen

Nach dem Urteil geben sich die Prozessbeteiligten wortkarg. Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher bittet die Journalisten vor dem Gerichtssaal um Verständnis dafür, dass er sich nicht äußern werde, weil dies „der Tag des Gerichts“ sei. „Kein Kommentar“ sagt F.s Verteidiger Michael Haizmann beim Verlassen des Gerichtsgebäudes. Im Vorbeigehen lässt er sich noch entlocken, dass er in Revision gehen will. Ganz abgeschlossen scheint der Fall Maria Baumer auch nach acht Jahren noch nicht zu sein.

„Maria Baumer war so arg- und wehrlos, wie ein Mensch nur sein kann.“


Die Chronologie zum Fall Maria Baumer finden Sie hier

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