10.06.2021 - 18:23 Uhr
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Wenn der Freund an Verschwörungstheorien glaubt: Tipps von der Expertin

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Mit der Coronapandemie hat auch die Zahl von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien zugenommen. Und die Zahl derer, die diese für wahr halten. Was kann man tun, wenn Freunde oder Angehörige an Fake-News glauben? Eine Expertin gibt Tipps.

Gerade im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie tauchen viele Verschwörungstheorien auf.
von Autor SFTProfil

Falsche Nachrichten oder verdrehte Wahrheiten: In den vergangenen Monaten hat die Zahl der Verschwörungstheorien und Falschmeldungen, die in sozialen Netzwerken und auf anderen Plattformen kursieren, stark zugenommen. Sie klingen oft absurd und unglaubwürdig, können jedoch großen Schaden anrichten. Im Interview erklärt Marianne Brandl, Leiterin der Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Regensburg, wie man sich verhält, wenn Bekannte oder Verwandte an Verschwörungsmythen, wie Brandl solche Theorien lieber bezeichnet, glauben.

ONETZ: Wie gehe ich damit um, wenn ein Freund oder Familienmitglied Verschwörungsgläubiger ist?

Marianne Brandl: Es hilft, wenn man sich für die Motive interessiert, warum jemand diese Erklärungen plausibel findet. Möglicherweise hat man sogar gemeinsame Fragen oder Befürchtungen, nur die Antworten sind jeweils anders. Dann kann man vielleicht sogar gemeinsam mit Hilfe von Faktencheck-Angeboten im Internet nach Begründungen und Gegenargumenten suchen. Auf alle Fälle ist es sinnvoll, rasch miteinander zu sprechen.

Wichtig ist es, nicht zu streiten. Wenn sich jemand bereits sehr stark mit solchen Mythen identifiziert, ist derjenige argumentativ kaum erreichbar. Der Versuch, durch große Diskussionen etwas zu verändern, schadet eher und frustriert. Man sollte eher versuchen, über andere Themen zu sprechen und gemeinsam Schönes zu erleben. Das realistischere Ziel ist, in Kontakt zu bleiben. Möglicherweise ist das schon nicht leicht, jedoch sehr viel wert. Und vielleicht geht nach der Pandemie wieder mehr.

ONETZ: Sie sprechen von Mythen, nicht von Theorien. Warum?

Marianne Brandl: Verschwörungstheorien bieten allumfassende Erklärungen mit Wahrheitsanspruch. Dieser Wahrheitsanspruch ist es, der für mich in der Beratung zu Weltanschauungsfragen inzwischen den Begriff „Verschwörungsmythos“ besonders plausibel macht. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ suggeriert für Kritiker des Begriffs zu viel Wissenschaftlichkeit.

ONETZ: Wenn nun ein Freund nicht nur an solche Mythen glaubt, sondern auch auf Demos geht. Wie gehe ich damit um?

Marianne Brandl: Auf diesen Demonstrationen sind Menschen mit ganz unterschiedlichen und selbstverständlich auch legitimen Anliegen. Hier gilt es, unbedingt zu unterscheiden. Wenn sich die Person jedoch demokratiefeindlich zeigt oder Aggressionen gegen bestimmte Personengruppen schürt, sind Grenzen erreicht. Diese sollten auch deutlich gemacht werden.

ONETZ: Aber wie spreche ich das Thema an? Welche Vorbereitungen sollte ich vor dem Gespräch treffen?

Marianne Brandl: Natürlich braucht es Informationen. Faktencheck-Angebote im Internet oder auch die jüngst zahlreich erschienen Broschüren über Verschwörungstheorien sind dabei hilfreich. Wichtig ist meines Erachtens die Gesprächskultur. Man sollte Interesse daran zeigen, warum der andere diese Überzeugung hat. Dabei sollte auf Augenhöhe diskutiert werden. Sinnvoll ist, sich ein wenig darüber zu informieren, auf welchen psychologischen Dynamiken Verschwörungsglaube beruht. Das hilft, unaufgeregt zu bleiben und Verschwörungsgläubigkeit in Maßen als etwas „ganz Normales“ wahrzunehmen. Gleichzeitig kann man dann leichter verstehen, warum es mit zwei oder fünf Gesprächen nicht getan ist.

ONETZ: Natürlich ist es dabei ein Unterschied, ob die Person ein Freund ist oder der Ehepartner. Was tun, wenn ich mit der Person unter einem Dach lebe?

Marianne Brandl: In dieser Situation kann es sicherlich hilfreich sein, sich Unterstützung zu suchen. Dafür gibt es diverse Beratungsstellen.

ONETZ: Durch Facebook oder Twitter lassen sich solche Mythen in Sekundenschnelle verbreiten. Gibt es Plattformen, die besonders gefährlich sind?

Marianne Brandl: Gefährlicher als eine bestimmte Plattform finde ich, dass Internet und soziale Netzwerke ganz allgemein durch ihre Dynamik dazu beitragen, dass das eigene Interesse und die eigene Meinung 1000-fach bestätigt werden. In Newsgruppen werden Positionen teilweise sehr einseitig diskutiert. Kritiker tun sich mit ihrer Meinung schwer. Bei Interesse an einem Thema wird durch Algorithmen dasselbe immer wieder zugespielt. Da man dadurch immer häufiger mit ein und dem selben Sachverhalt in Berührung kommt, entsteht der Eindruck, dass es nur noch dieses eine Thema gibt und die eigene Deutung die richtige ist.

ONETZ: Ist es sinnvoll sich einzumischen, wenn ein Freund oder Familienmitglied in sozialen Netzwerken falsche Informationen verbreitet?

Marianne Brandl: Ich würde grundsätzlich Verschwörungsmythen nicht unwidersprochen stehen lassen. Andere dürfen ruhig merken, dass es verschiedene Meinungen gibt. Bei Freunden und Familienmitgliedern würde ich aber eher das persönliche Gespräch suchen.

Experten erklären, wie diese Verschwörungsmythen funktioneren

Regensburg
Marianne Brandl leitet die Fachstelle Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Regensburg. Die Diplomtheologin berät zu allen Fragen der Weltanschauung – also auch zum Thema Verschwörungsmythen.
Service:

Beratungsstellen in der Region

  • Beratung zu Weltanschauungsfragen insbesondere Verschwörungsmythen: Diplom-Theologin Marianne Brandl M.A. phil., Fachstelle für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Diözese, Obermünsterplatz 7, 93047 Regensburg, Telefon 0941/5972431, E-Mail weltanschauungsfragen[at]bistum-regensburg[dot]de.
  • Beauftragter für Weltanschauungsfragen für Sulzbach-Rosenberg, Amberg und Schwandorf: Pfarrer Dr. Roland Kurz, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Christuskirche, Pfarrplatz 6, 92237 Sulzbach-Rosenberg, Telefon 09661/891-150, E-Mail roland.kurz[at]elkb[dot]de.
  • Beauftragter für religiöse und geistige Strömungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: Kirchenrat PD Dr. theol. Haringke Fugmann, Gabelsbergerstraße 1, 95444 Bayreuth, Telefon 0921/78775916, E-Mail haringke.fugmann[at]elkb[dot]de.

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