11.08.2021 - 10:45 Uhr
RegensburgDeutschland & Welt

Gutachten belastet Angeklagten schwer: Fortsetzung im Prozess um mutmaßliche Kindesmisshandlung

Im Verfahren gegen einen 28-Jährigen aus Neustadt an der Donau wegen Kindesmisshandlung brach der Angeklagte diese Woche sein Schweigen. Der Unfalltheorie erteilt einer der Sachverständigen allerdings eine klare Absage.

Der Angeklagte sitzt neben seinem Verteidiger Philipp Janson, während des vierten Prozesstages.
von Michael BothnerProfil

Schon der ganze Tag sei enorm stressig gewesen. So versucht der Angeklagte die Ereignisse am 2. Oktober letzten Jahres einzuordnen. Nachdem er gegenüber dem Landgericht Regensburg an den ersten Verhandlungstagen geschwiegen hatte, bringt er nun zumindest ein wenig Licht in die Sache. Zwar hält er weiter daran fest, dass er an besagtem Tag nach dem Wickeln mit seinem wenige Wochen alten Sohn B. auf dem Arm über eine Teppichkante gestolpert und hingefallen sei. Verletzungen habe das Kind aber wohl nicht davongetragen. Er habe dann aber „rot gesehen“, so der gebürtige Weidener, und den Neugeborenen heftig gepackt. Einige Tage zuvor sei es womöglich auch zu einem Vorfall mit dem Zwillingssohn K. gekommen.

Konkreter wird am Dienstag der sachverständige Rechtsmediziner Dr. Peter Betz. Dass die insgesamt 30 Rippenbrüche bei B. von einem Sturz stammen könnten, schließt er klar aus. Die Zwillinge müssten vielmehr einem erheblichen Druck etwa durch kräftiges Zupacken ausgesetzt gewesen sein. „Wenn Sie das Kind wie einen Schwamm ausquetschen, dann erhalten Sie seitlich und vorne die Belastung und in der Folge auch die vorliegenden Verletzungen“, wird der Erlanger recht plastisch in seinen Ausführungen. Und auch für die Hirnblutungen sowie die roten Striemen im Gesicht hat Betz eine Erklärung, die den Angeklagten weiter belastet.

Das Kind erleidet schwere Verletzungen

Schon in der Nacht nach dem Sturz war das Krankenhauspersonal der Regensburger Hedwigsklinik bei der Untersuchung von B. stutzig geworden. Da das Kind deutlich sichtbare Verletzungen im Gesicht hatte, brachten die Eltern ihren Sohn in die Notaufnahme. Der Unfalltheorie wollte man hier nicht so recht glauben. Schnell stand die Vermutung der Kindesmisshandlung im Raum. Als man daraufhin auch den Bruder untersuchte, stellten die Ärzte auch bei ihm mehrere Wochen alte Knochenbrüche fest. Das Jugendamt wurde entsprechend einer Kinderschutzleitlinie kontaktiert und die Babys kurzzeitig einer Pflegefamilie übergeben.

Laut Betz könne es für die Verletzungen an Kopf und Gehirn nur eine Erklärung geben. Jemand müsse B. gepackt und kräftig gegen das Kinderbett geschleudert haben. Die Streben und Querstangen des Bettes hätten dabei einen handähnlichen Abdruck an Schläfe, Kiefer und Kopfseite hinterlassen. „Das muss wortwörtlich richtig geknallt haben.“ Betz ist überzeugt: Wäre das Kind nicht entsprechend behandelt worden, es wäre an den inneren Verletzungen verstorben. Damit zeichnet der Mediziner ein noch dramatischeres Bild als es die Anklageschrift beinhaltet. Staatsanwalt Wolfgang Voit ging bisher von einem „wuchtigen Schlag mit der flachen Hand“ aus.

Kinderarzt nahe der Falschbehauptung

Neben Betz wohnt auf Wunsch des Angeklagten und seines Verteidigers Philipp Janson auch der langjährige Münchener Kindermediziner Hubertus von Voß dem Verfahren bei. Der hatte bis zum Geständnis des Angeklagten versucht, die Verletzungen auch über die Kaiserschnittgeburt zu erklären. In seinem Gutachten führt er detailliert aus, welche Komplikationen generell bei Zwillingsgeburten auftreten und welche Verletzungen dabei entstehen können. Muss auf Nachfrage Voits aber zugeben, dass all das mittlerweile vom Verfahrensverlauf überholt sei. Überhaupt erntet er für sein Gutachten viel Kopfschütteln der übrigen Verfahrensbeteiligten. Mehrfach zitiert er auf den rund 35 Seiten seines Gutachtens Personen falsch und versteigt sich sogar in Aussagen, die nahe der Falschbehauptung liegen. Richter Oliver Wagner hakt deshalb mehrfach nach, „auch weil ich Sie vor etwaigen Verleumdungsklagen schützen möchte“. Letztlich geht auch der künftige Rentner - das Verfahren war seine letzte offizielle Handlung als Mediziner - davon aus, das Kind müsse wohl irgendwo dagegen geknallt sein. Eine mögliche genetische Vorerkrankung oder andere bislang im Raum gestandene Theorien scheiden aus.

Welche Folgen die nun vorgetragenen gutachterlichen Erkenntnisse für den Angeklagten haben werden, wird sich kommende Woche bereits zeigen. Dann sollen die Plädoyers gehalten werden. Ein Urteil ist derzeit für den 20. August geplant. Welche Spätfolgen der mittlerweile einjährige B. davon tragen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Er leidet nach wie vor an einer Sehstörung in Folge der Verletzungen sowie einer Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit.

Vorgeschichte der Kindesmisshandlung

Regensburg
Hintergrund:

Misshandlung von Schutzbefohlenen

  • Wer eine Person unter achtzehn Jahren oder eine wegen Gebrechlichkeit oder Krankheit wehrlose Person, die
  • seiner Fürsorge oder Obhut untersteht,
  • seinem Hausstand angehört,
  • von dem Fürsorgepflichtigen seiner Gewalt überlassen worden ist oder
  • ihm im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist,
  • quält oder roh mißhandelt, oder wer durch böswillige Vernachlässigung seiner Pflicht, für sie zu sorgen, sie an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.

 

 

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