04.10.2020 - 11:41 Uhr
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Prozess: Nach filmreifer Verfolgungsjagd in die Psychiatrie?

In Regensburg wird eine filmreife Polizeikontrolle samt Flucht verhandelt. Ein 58-jähriger Ladendetektiv soll im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt haben

Symbolbild Justiz
von Autor AHSProfil

Das Verhalten des 58-jährigen Beschuldigten anlässlich einer Polizeikontrolle im Juli vergangenen Jahres könnte jeden Drehbuchautor von Actionfilmen inspirieren. Seit Freitag muss sich der Beschuldigte vor der 8. Strafkammer des Landgerichts Regensburg unter Vorsitz von Richter Oliver Wagner verantworten. Ihm wird vorgeworfen, einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung, sowie tätlichen Angriff und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen zu haben. Vorgesehen sind sechs Verhandlungstage.

Laut Antragsschrift sei der Beschuldigte zu mitternächtlicher Stunde bei Lappersdorf einer Polizeistreife aufgefallen, da er mit einem wegen Unterschlagung ausgeschriebenen Mietfahrzeug unterwegs war. Als die Beamten den 58-Jährigen zum Aussteigen aufgefordert hätten, habe sich der Angeklagte geweigert. Stattdessen habe er seinen Wagen zurückgesetzt und sei in Richtung des Lappersdorfer Kreisels geflohen. Die Polizei nahm mit Sondersignalen die Verfolgung auf. Von dort aus habe der Beschuldigte seine Flucht in Richtung Cham fortgesetzt. Die Beamten hatten inzwischen Verstärkung durch ein weiteres Polizeifahrzeug erhalten. Der 58-Jährige sei mit zeitweilig 120 Stundenkilometern auf der B16 unterwegs gewesen. Trotzdem habe ihn ein Streifenwagen überholen und zwischen den Abfahrten Gonnersdorf und Wenzenbach langsam ausbremsen können. Einer der Beamten habe daraufhin erfolglos den Beschuldigten aufgefordert, auszusteigen. Auch habe er versucht, die Fahrertüre zu öffnen. Sein Kollege hatte sich indes auf Höhe des Hecks des Streifenwagens postiert. Erneut setzte der 58-Jährige zur Flucht an. Dabei sei er mit dem Auto dem Beamten gefährlich nahe gekommen. Dieser habe daraufhin zwei Schüsse auf den rechten Vorderreifen abgegeben. Trotz des Plattens habe der Beschuldigte seine Fahrt fortgesetzt. Der Beamte wurde vom Fluchtfahrzeug erfasst und stürzte zu Boden. Sein Kollege habe auf das vorbeifahrende Auto zwei weitere Schüsse abgegeben. Diesmal auf den linken Vorderreifen, der ebenfalls getroffen wurde. Nach etwa 100 Metern war der Fluchtversuch dann endgültig zu Ende. Eine durchgeführte Blutentnahme des Beschuldigten ergab später einen Amphetamingehalt von 26 Nanogramm und einen Metamphetamingehalt von 65 Nanogramm pro Milliliter. Der verletzte Polizeibeamte war eine Woche lang dienstunfähig.

Verteidiger Jan Bockemühl hatte sich den in seiner Kanzlei tätigen Rechtsreferendar, Dr. Martin Heuser, mit ins Boot geholt. Dieser erklärte nach Verlesen der Antragsschrift, dass der Beschuldigte selbst schweigen und er für ihn eine Erklärung abgeben wird. In dieser bestreite sein Mandant, den Polizeibeamten verletzt zu haben. Er habe weder mit Gefährdungs-, noch mit Verletzungsvorsatz gehandelt. Der Mandant habe das Fahrzeug quasi als Übernachtungsmöglichkeit genutzt. So auch in dieser Nacht. Durch klopfen gegen die Seitenscheibe und das Ausleuchten des Innenraumes sei er aus dem Schlaf gerissen worden. Da er die Situation nicht einschätzen konnte wollte er nur noch weg. Die weitere Darstellung in der Antragsschrift, mit Ausnahme der Verletzung des Beamten, sei richtig. Tragendes Motiv war dabei, sich der Verfolgung durch die Polizei zu entziehen.

Um das Persönlichkeitsbild des Beschuldigten abzurunden wurden zwei Schreiben an die Staatsanwaltschaften Augsburg und Regensburg verlesen, sowie ein Mitschnitt eines vom Beschuldigten abgesetzten Notrufs aus dem Jahr 2018 vorgespielt. In seinen Briefen schreibt der Beschuldigte unter anderem etwas davon, dass Augsburger Nazis ihm eine schädliche Substanz verabreicht hätten. Auch anderen Bürgern würde es so ergehen "damit diese wie Deppen rumlaufen oder sich umbringen". Bei der Staatsanwaltschaft Regensburg erstattete er Strafanzeige gegen einen Betreuungsrichter wegen Beihilfe zum schweren Betrug und Körperverletzung. Dieser habe es unterlassen, ihn bei der Durchsetzung von Vermittlungsprovisionen im vierstelligen Bereich aus den 90er Jahren zu unterstützen. Auch hier bringt er die gefährlichen Substanzen ins Spiel. Der Notrufzentrale der Regensburger Polizei erzählte er, dass er soeben für 28 Euro getankt habe. Da er seine EC-Karte verloren hatte habe er nicht zahlen können, weshalb die Kassiererin seine Ausweispapiere einbehalten wollte. Er habe sich geweigert und sei einfach losgefahren. Als ihm erklärt wurde, er solle zurückfahren und auf die Polizei warten, hatte er mit "wollt Ihr mich jetzt erschießen wegen 28 Euro" reagiert und aufgelegt. Der Prozess dauert an.

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