Zwei vom Bistum Regensburg in Auftrag gegebene Studien haben ergründet, wie das passieren konnte. Ernste Mienen haben die Teilnehmer der Pressekonferenz in Regensburg am Montag. Was sie vortragen, ist teils schwer zu ertragen. 547 Schüler – 12,6 Prozent aller Domspatzen – wurden im Zeitraum zwischen 1945 und 1995 Opfer von Gewalt, heißt es in der historischen Studie des Lehrstuhls für Bayerische Landesgeschichte der Universität Regensburg. Im Oktober soll die Studie als Buch unter dem Titel „Der Chor zuerst“ erscheinen.
Professor Bernhard Löffler, einer der Verfasser, räumt mit der Vorstellung auf, dass die Geschehnisse einer damals allgemein strengeren Erziehung geschuldet waren. „Mit brutalen Prügelorgien, mit sexualisierter Gewalt sowie der systematischen Erzeugung von Angst durch permanente Strafandrohung oder Demütigung sprengten die Fälle auch die seinerzeit gesellschaftlichen akzeptierten Vorstellungen von Strafe“, stellt Löffler fest.
Im Mittelpunkt stand ihm zufolge stets der Chor. Sein Erfolg war wichtiger als das individuelle Wohlergehen der Schüler. Geprägt war der Schulalltag von Ordnung, Gehorsam und Disziplin, kombiniert mit den Vorgaben religiös-konfessioneller Sittlichkeit. Auch unklare Verantwortlichkeiten hätten die Fälle von Missbrauch und Gewalt bei den Regensburger Domspatzen begünstigt, sagt Löffler. Die Schüler seien dem System insbesondere in der Vorschule in Etterzhausen ausgeliefert gewesen. Dem langjährigen Direktor der Vorschule, Hans Meier, schreibt Löffler persönliche Deformationen zu, „die nur als Sadismus und Allmachtsphantasien zu kennzeichnen sind und die dann unter den Bedingungen des geschlossenen Etterzhausener Systems ohne Kontrolle ungehemmt zum Tragen kamen“. Bei zwei langjährigen Präfekten – einer wurde „Präfekt Prügel“ genannt – sei es wohl ähnlich gewesen.
Die Rolle von Georg Ratzinger, von 1964 bis 1994 Domkapellmeister der Domspatzen, schätzt Löffler als „viel ambivalenter“ ein. Der Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. habe während der Chorproben harte Körperstrafen verteilt, zu Jähzorn geneigt und Schüler gedemütigt. Doch er werde von vielen auch als persönlich wohlwollend und väterlich beschrieben – wenn die Chorprobe vorbei war. Löffler zufolge wusste Ratzinger vom Prügelregime Meiers – dennoch habe er nicht eingegriffen, zumindest nicht in einer Form, die etwas geändert hätte. Auf Nachfrage bestätigt Co-Verfasser Professor Bernhard Frings, dass es im Zuge der Studie ein „relativ kurzes“ Gespräch mit Ratzinger gegeben habe. Dabei sei der 95-Jährige im Wesentlichen dabeigeblieben, dass die Vorfälle auf den damaligen Zeitgeist zurückzuführen seien.
Insgesamt seien die Fälle von Gewalt an der Vorschule deutlich ausgeprägter gewesen als im Musikgymnasium und im Internat, erklärt Martin Rettenberger von der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden. Dort wurde die zweite, eine sozialwissenschaftliche Studie, erstellt. Körperliche Strafen konnten die Vorschüler demnach zu jeder Tages- und Nachtzeit ereilen – teils auch zu Abschreckungszwecken vor anderen Schülern. Die Jungen seien auch untereinander aufgestachelt worden. So hätten Funktionsträger sie etwa aufgefordert, einen bettnässenden Mitschüler zu verspotten. Die Vorschule habe alle Merkmale einer „totalen Institution“ erfüllt, die alle Lebensbereiche der Schüler steuerte und kontrollierte.
Bischof Rudolf Voderholzer drückt bei der Pressekonferenz erneut sein tiefes Bedauern über jeden einzelnen Fall aus. Es spricht von „Kinderseelen, die schwer gequält, oft für das Leben gezeichnet wurden“. Er könne es nicht ungeschehen machen und die Betroffenen nur um Vergebung bitten. Ziel des Bistums sei es, die im Aufarbeitungsprozess erarbeiteten Präventionsmaßnahmen noch effektiver zu gestalten, „damit so etwas nicht wieder passiert“.
Voderholzers Vorgänger, der heutige Kardinal Gerhard Ludwig Müller, war für seinen Umgang mit den Betroffenen teils stark kritisiert worden. Und auch Studienverfasser Löffler spricht am Montag von „problematischen Umgangsformen“ Müllers mit den Betroffenen. Voderholzer hingegen hatte 2016 ein Aufarbeitungsgremium ins Leben gerufen hat, das mit Vertretern aus der Kirche und von Betroffenen besetzt ist.
Dort wurde ein Vier-Säulen-Modell beschlossen, das unter anderem vorsah, die beiden nun veröffentlichten Studien in Auftrag zu geben. Außerdem wurde ein Anerkennungsgremium gegründet. Bislang erhielten laut Voderholzer 376 ehemalige Domspatzen knapp 3,8 Millionen Euro an Anerkennungszahlungen. Betroffene können sich zudem weiterhin an das Münchner Informationszentrum für Männer als unabhängige Anlaufstelle wenden. Die „vierte Säule“ steht noch aus, wie Voderholzer erklärt: An einem prominenten Ort auf dem Schulgelände der Domspatzen in Regensburg soll Anfang des nächsten Jahres ein Mahnmal enthüllt werden. Es soll an die Opfer von Gewalt und Missbrauch bei den Domspatzen erinnern.
















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