Zweiter Weltkrieg: B-17-Bomber zerschellt bei Waidhaus

Vor 75 Jahren zerschellte ein B-17-Bomber bei Waidhaus. Der letzte Luftangriff der 8. US-Luftflotte in Europa hat in der Oberpfalz kuriose Spuren hinterlassen – bis heute. Ein Gespräch mit dem Geologen, Heimatforscher und Autor Harald Dill.

Eine "combat box" schwerer US-Bomber über der englischen Ärmelkanalküste im Anflug auf das Reichsgebiet. Die umrahmte Maschine ist der Unglücksflieger, welcher beim Angriff auf Pilsen am 25. April 1945 von deutscher Flak schwer getroffen wurde und beim Rückflug knapp hinter der deutschen Grenze bei Reinhardsrieth in der Luft explodierte und abstürzte.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Der Flieger verliert Stück für Stück an Höhe. Aus Triebwerk 4 strömt Kraftstoff aus. Durch den auslaufenden Sprit fangen Teile der Tragfläche Feuer. Als die Maschine bei Waidhaus die Grenze zur Oberpfalz überfliegt, fällt das Leitwerk aus - damit ist das viermotorige Flugzeug unsteuerbar. Es folgen drei Explosionen, woraufhin eine Tragfläche abreißt. Dann kommen die Reste des Boeing B-17-Bombers circa fünf Kilometer nordwestlich von Waidhaus ins Trudeln und stürzen zwischen den Gemeindeteilen Hagendorf und Reinhardsrieth ab. Von den acht Besatzungsmitgliedern kommt bei dem Aufschlag Sergeant Charles B. Walker, der an Bord als Kanonenturmschütze Dienst tut, ums Leben.

Die historische Aufnahme zeigt die Skoda-Werke im tschechischen Pilsen - damals Teil des vom Deutschen Reich kontrollierten Protektorats Böhmen und Mähren. Die Fabrik war für die Wehrmacht ein wichtiger Rüstungsstandort.

Daran, dass der dramatische Absturz der "Fliegenden Festung", wie die amerikanischen B-17-Bomber auch genannt werden, am 25. April 1945 nicht in Vergessenheit geraten ist, hat Harald G. Dill großen Anteil. Der Professor für Lagerstättenkunde an der Universität Hannover hat sich lange wissenschaftlich mit den geologischen Bedingungen der Oberpfalz beschäftigt. Bei seinen Arbeiten stieß der gebürtige Oberfranke auch auf die zunächst undurchsichtige Geschichte des zerschellten B-17-Bombers - und arbeitete diese in mehreren Publikationen und Vorträgen für die Nachwelt auf (siehe Info-Kasten).

Angriff auf die Skoda-Werke

Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erklärt der luftfahrtbegeisterte Hobby-Historiker Dill, dass der Flieger Teil eines Pulks von 307 B17-Bombern gewesen sei, mit dem die 8. US-Luftflotte am 25. April den letzten Angriff auf das Deutsche Reich flog. "Der Verband hatte die Skoda-Werke in Pilsen zum Ziel, weil dort auch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs noch die 'Hetzer'-Jagdpanzer für die Wehrmacht produziert wurden."

Sergeant Charles B. Walker bediente in seinem Kampfstand im Kugelturm am unteren Rumpf der Maschine ein 12,7mm-Zwillingsgeschütz zur Abwehr feindlicher Jäger. Der Platz dort ist so eng, dass Walker während des Fluges den Fallschirm nicht angeschnallt tragen konnte - das kostete ihm beim Absturz vor 75 Jahren das Leben.

Die Luftwaffe sei damals bereits viel zu schwach gewesen, um den wichtigen Rüstungsstandort im noch immer besetzten Protektorat Böhmen und Mähren zu verteidigen. Dafür hätten die Deutschen aber im Großraum Pilsen zahlreiche Flakbatterien konzentriert - und sie hatten einen weiteren Vorteil: "Die Amerikaner haben versucht, die tschechischen Arbeiter per Radio vor dem Angriff zu warnen und sie aufgefordert, die Fabrik zu verlassen. Das hat die deutsche Funkaufklärung mitbekommen. Die Flak hat sich dann auf den Angriff vorbereiten können."

Der Schütze wurde beim Aufprall aus dem Wrack heraus in den Wald geschleudert.

Harald G. Dill

Laut Dills Recherchen wurden durch massiertes Abwehrfeuer der berüchtigten 8,8-cm-Geschütze am Himmel über Pilsen sechs Bomber und ein Begleitjäger abgeschossen. Dabei starben 42 Besatzungsmitglieder. Weil sie im Granathagel der Flak schwer beschädigt wurden, stürzten beim Rückflug vier weitere B-17 über Deutschland ab. Einer der Unglücksflieger war der Bomber von Leutnant Paul A. Coville, dessen Maschine es mit letzter Kraft über die Oberpfälzer Grenze schaffte, ehe sie Explosionen noch in der Luft zerrissen. Neben dem Piloten Coville waren mit Co-Pilot, Navigator und den Bordschützen sieben weitere Air-Force-Soldaten an Bord.

Pilsen im Bombenhagel: Nach dem Luftangriff mit 307 B-17 "Flying Fortress" auf die Skoda-Werke steigen dichte Rauchwolken über der Rüstungsfabrik auf, die für die Wehrmacht "Hetzer"-Jagdpanzer produzierte.

Aus Flugzeug geschleudert

Beim unkontrollierten Sturz Richtung Boden seien "mehrere Besatzungsmitglieder rausgeschleudert worden. Die waren dabei kurz bewusstlos, hatten aber Glück, weil sich ihr Fallschirm automatisch öffnete", sagt Buchautor Dill. Der Kugelturmschütze Sergeant Walker verliert jedoch den Wettkampf mit der Zeit: "Sein Kampfstand am unteren Rumpf der Maschine war so eng, dass er den Fallschirmgürtel nicht permanent tragen konnte. Er hat es nicht mehr rechtzeitig geschafft rauszukommen und den Fallschirm anzulegen." Dies hätten seine Kameraden später bei Befragungen der US-Armee berichtet, erklärt Dill, der zahlreiche Akten ausgewertet hat.

Die Besatzung der B-17G "Flying Fortress", die am 25. April 1945 bei Reinhardsrieth abstürzte, steht am 12. März 1945 auf ihrer Heimatbasis Nuthampstead, Hertfordshire in Großbritannien. In der hinteren Reihe ist der Pilot Second Lieutenant Paul A. Coville (Zweiter von links) zu sehen. Vorne kniet der Kugelturmschütze Sergeant Charles B. Walker (Dritter von links), der beim Absturz ums Leben kam.

Doch warum blieb Walker zunächst verschollen? "Der Schütze wurde beim Aufprall weit aus dem Wrack in den Wald hinein geschleudert. Erst ein halbes Jahr später haben ihn Pilzsammler gefunden." Berichten der Zeitzeugen zufolge soll der Körper des Sergeant dabei "bis zur Brust im Waldboden" gesteckt haben.

Laut dem 71-jährigen Geologen hatte die Besatzung dennoch Glück: Die "Fliegende Festung" ging knapp über bereits von den Amerikanern besetztem Gebiet runter - "das war kurz vor der deutschen Frontlinie." Gefangenschaft blieb den Überlebenden somit erspart, sie wurden nach dem Absturz von eigenen Truppen aufgesammelt.

Das Luftfoto zeigt amerikanische B-17-Bomber in einer "combat box" genannten taktischen Flugformation in unterschiedlichen Höhen beim Angriff auf Pilsen im April 1945. Die Rauchwolken unten rechts markieren die Bombeneinschläge im Stadtgebiet.

Damenbluse aus Fallschirmseide

Was sich an diesem Apriltag vor 75 Jahren zwischen Hagendorf und Reinhardsrieth ereignete, hat in dem entlegenen Grenzgebiet zu Böhmen bis heute Spuren hinterlassen. Vom Flugzeugwrack selbst ist zwar nichts mehr zu sehen: "Der Flieger zerbrach in der Luft, die Rumpfteile waren über mehrere Kilometer im Wald und auf offenem Gelände verstreut", weiß Dill. "Die örtliche Bevölkerung hat damals alles mitgenommen."

Durch drei Explosionen zerfetzte es den Bomber der 602. Bomb Squadron der 398. Bomb Group/602 bei Waidhaus in der Luft. Die Wrackteile der Maschine lagen über mehrere hundert Meter in Wald und offenem Gelände verteilt.

In den durch Mangelwirtschaft geprägten Kriegszeiten sei nahezu alles aus dem Bruchflieger verwendbar gewesen. Die Oberpfälzer hätten quasi "Schwerter zu Pflugscharen" gemacht, schreibt der Professor über seine Forschungsergebnisse. So seien Rumpfteile des Bombers beispielsweise als Abdeckungen für Dächer oder Brennholzstabel verwendet worden. Die hochwertige Seide der Fallschirme fand Verwendung für Damenblusen oder Kleider. Und ein Bewohner von Reinhardsrieth baute sich aus Teilen des Motors und Aluminiumhalterungen ein noch heute funktionsfähiges Kleinsägegatter. So fanden die zweckentfremdeten Reste der "Fliegenden Festung", die zuvor mit ihren Bomben den Tod über das Reichsgebiet brachte, eine praktische Verwendung für friedliche Zwecke.

Die Mangelwirtschaft bei Kriegsende belebte die Kreativität der Oberpfälzer: Aus der hochwertigen Seide der Fallschirme der bei Reinhardsrieth abgesprungenen Fliegerbesatzung nähten Anwohner ein Taufkleid.

Bleibt die Frage, warum die Amerikaner nur wenige Tage vor der deutschen Kapitulation, als ein Großteil des Reichsgebiets besetzt und die NS-Kriegsmaschinerie bereits erlahmt war, noch einen solch massiven Luftangriff mit mehreren Hundert Bombern und Begleitjägern starteten?

Auch dafür liefert Dill eine Antwort. Der Angriff auf die Skoda-Werke war der letzte Angriff der 8. US-Luftflotte während des Krieges in Europa. Zugleich war auch der Absturz der B-17 im Raum Hagendorf/Reinhardsrieth der letzte Verlust eines Bombers der USAAF (United States Army Air Forces). Beides sei unnötig und "strategisch sinnlos" gewesen, urteilt der Heimatforscher.

Das war ein klassischer Fall von ‚Show of Force‘. Man wollte den Russen zeigen, wozu man in der Lage ist.

Harald G. Dill

Vorboten des Kalten Krieges

Bei dem Luftangriff sei bereits der aufkeimende Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion deutlich geworden, so der Heimatforscher. "Die Bombardierung hätten die Amerikaner auch jederzeit mit Fliegern durchführen können, die in Deutschland stationiert waren - das Reich war ja bereits weitgehend besetzt. Aber nein, man hat eine Großformation strategischer Langstreckenbomber aus Großbritannien anfliegen lassen." Die Bombardierung von Pilsen sei deshalb eine klare Botschaft an den künftigen Feind gewesen, in dessen Besatzungszone die Skoda-Werke laut der Konferenz von Jalta (Februar 1945) fallen würden: "Wir sind jederzeit in der Lage aus der Tiefe des Raumes heraus eure Produktionsstätten per Luftschlag zu zerstören."

Aus Teilen des Motors sowie einiger Aluminiumhalterungen baute ein Verwandter des heutigen Besitzers (am Bild) in Reinhardsrieth ein noch immer funktionsfähiges Sägegatter.

Weil sich die Rote Armee Ende April bereits im Raum Brünn - nicht allzu weit von Pilsen entfernt - befand, war laut Dill klar: "Es handelte sich um eine Machtdemonstration. Das war ein klassischer Fall von 'Show of Force'. Man wollte den Russen zeigen, wozu man in der Lage war."

Dass die Amerikaner bei ihren Bombardements aus der Luft im letzten Kriegsjahr nicht immer nur nach strategisch-taktischen Gesichtspunkten vorgingen, beweist auch der Fall Neustadt am Kulm. Die militärisch völlig unbedeutende Kleinstadt ohne Industrie mit damals rund 1500 Einwohnern im Kreis Neustadt/WN musste am 19. April 1945 einen schweren Angriff von acht P-47-Thunderbolds über sich ergehen lassen. Die US-Jagdbomber töteten mit Raketen, Brand- und Sprengbomben drei Bewohner, zerstörten über 150 Gebäude und vernichteten die komplette Altstadt.

Die damals hochwertigen Aluminiumbleche des US-Fliegers leisten noch heute ihren - friedlichen - Dienst als Abdeckung für Brennholz.

Sinnloser Angriff auf Neustadt

"Den Amis sind 1945 schlicht die Ziele ausgegangen. Man hat am Schluss fast alles beschossen oder bombardiert, wo nicht sofort die weiße Flagge zu sehen war", erläutert Dill. Der Wissenschaftler vermutet, dass Aufklärungsmaschinen, die am 19. April die Stadt überflogen, noch vereinzelte Militärfahrzeuge der Wehrmacht sowie verbündete ungarische Soldaten erspähten und dies den unverhältnismäßigen Angriff auslösten. Zuvor völlig abseits des Kriegsgeschehens, gehört Neustadt am Kulm damit neben Grafenwöhr und Weiden zu den einzigen Städten der Nordoberpfalz, die kurz vor der Kapitulation die Schrecken des Luftkriegs zu spüren bekamen.

Prof. Harald Dill beschäftigte sich intensive mit der Geschichte der bei Reinhardsrieth abgestürzten B-17 "Flying Fortress". Hier sieht man den Hobby-Historiker beim Sortieren von Wrackteilen.
Hintergrund:

Harald G. Dill – Geologe, Heimatforscher und Buchautor

Harald G. Dill ist promovierter Geologe und inzwischen emeritierter Professor für Lagerstättenkunde an der Universität Hannover. Dort lebt der aus Naila im Kreis Hof stammende Oberfranke und Vater zweier erwachsener Töchter mit seiner Frau. Der seit 2004 pensionierte Oberstleutnant der Reserve diente unter anderem beim Feldartilleriebataillon 105 in der Weidener Ostmarkkaserne. Über 40 Jahre forschte und lehrte der Geologe auf allen sechs Kontinenten und in über einem Dutzend Universitäten weltweit. Dill ist der Oberpfalz aus seiner Militärzeit in Weiden verbunden. Er war zudem am Kontinentalen Tiefbohrprogramm in Windischeschenbach ebenso beteiligt wie an geowissenschaftlichen Arbeiten in der Region. Allein zur Oberpfalz veröffentlichte Dill mehr als 80 Publikationen – auch zur Gegend rund um den Absturzort des US-Bombers bei Hagendorf (Waidhaus). Der 71-Jährige interessiert sich für die deutsche Luftfahrtgeschichte des 20. Jahrhunderts und verfasste als Hobbyhistoriker das dreibändige Werk „Luftkrieg von Aschaffenburg bis Zwiesel“ (2014). Als Heimatkundler hielt Dill mehrfach Vorträge über den Absturz bei Hagendorf am 25. April 1945 – unter anderem im Stadtmuseum Pleystein. (tgf)

Professor Dill mit einer internationalen Studentenexkursion in Theisseil (Kreis Neustadt/WN).

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