20.01.2019 - 17:03 Uhr
MünchenDeutschland & Welt

Seehofer und Söder: Kleine Spitzen bis zum Schluss

Nicht einmal bei der Stabübergabe vom alten auf den neuen Chef schaffen es Horst Seehofer und Markus Söder, ohne kleine Gemeinheiten auszukommen. Jedenfalls gelingt es Seehofer, die Delegierten kurz in Schockstarre zu versetzen.

Markus Söder und der bisherige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer (rechts).
von Jürgen UmlauftProfil

"Sie verlieren keinesfalls ihr Gesicht, wenn Sie eine bereits getroffene Entscheidung revidieren", habe Horst Seehofer im Tageshoroskop seiner Heimatzeitung für das Sternzeichen Krebs gelesen. Ein Volltreffer also für den am 4. Juli 1949 geborenen Seehofer. Überlegt er es sich also doch noch mal mit dem Rücktritt? "Vor 10 oder 15 Jahren hätte ich das als Auftrag empfunden, heute fehlt mir dazu die Risikobereitschaft", beruhigt Seehofer seine Partei. Und dann: "Liebe Freunde, mein Werk ist getan. Machts es gut!"

Damit hätte es gut sein können beim CSU-Parteitag am Samstag in München. Doch als Seehofer als Abschiedsgeschenk für seine Modelleisenbahn einen maßstabsgetreuen Nachbau der Parteizentrale bekommt, legt er nach. Der Anblick löse bei ihm Wehmut und den Wunsch aus, dort wieder einzuziehen. "So alt bin ich ja noch nicht, ich werde erst 70!" Spätestens da muss es in Söder gearbeitet haben, ein passende Replik zu finden.

Auf seinen Vorschlag hin wird Seehofer fast einstimmig zum Ehrenvorsitzenden der CSU gewählt - er kann jetzt ein höchst spannendes Triumvirat mit Edmund Stoiber und Theo Waigel bilden. Bei der Übergabe der Urkunde aber sagt Söder: "Ich glaube, es steht in der Satzung, dass man als Ehrenvorsitzender nicht mehr kandidieren darf." Darauf Seehofer: "Jetzt schaun mer mal, wie das wird." Den Kampf ums letzte Wort gewinnt jedoch Söder bei der Begrüßung der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Er wolle da zwei Fehler nicht machen: Erstens im Beisein der Chefin der Schwesterpartei zu lange reden und zweitens keine echten Blumen haben. "Sorry Horst!" wendet er sich dann an Seehofer. Aber diese Erinnerung an eine der dunkleren Stunden in Seehofers Amtszeit, als der auf dem Höhepunkt des Zoffs um die richtige Flüchtlingspolitik Kanzlerin Angela Merkel die Leviten las und sie dabei wie ein Schulmädchen neben sich stehen ließ, die musste wohl noch sein.

Dabei hat der Tag in bestmöglich inszenierter Harmonie begonnen. Schulter an Schulter ziehen Seehofer und Söder in die Kleine Olympiahalle ein. Die große Bühne wird zunächst Seehofer überlassen. Im Oktober 2008 habe er das "große Erbe der CSU" übernommen. Die Realisierung eines Lebenstraums sei das gewesen. Nach 3739 Tagen gebe er das Amt des Vorsitzenden in die Hand der Partei zurück. "Es bleibt bei mir ein glühendes Herz für meine politische Familie CSU", bekundet der scheidende Chef. Eine umfassende Bilanz seines Wirkens spart sich Seehofer. Man habe gemeinsam Erfolge gefeiert und viel für die Menschen erreicht, sagt er nur, lässt aber auch nicht unerwähnt, dass die Wahlergebnisse zuletzt weit weg vom früher gewohnten 50+x gewesen seien.

"Einige Misshelligkeiten"

Es ist Seehofer aber auch ein Bedürfnis, seine aus der Partei betriebene Demontage nach der Bundestagswahl 2017 anzusprechen. "Einige Misshelligkeiten" habe es gegeben, erklärt Seehofer, ohne allerdings in Details zu gehen. Aber getroffen hat ihn die Entwicklung schon. "Ich habe Vieles hingenommen und geschluckt", bekennt er, "aber nie darauf in der Breite oder gar in der Tiefe reagiert." Dafür sei ihm die CSU zu sehr ans Herz gewachsen. Jetzt gehe er mit einer "Mischung aus Dankbarkeit und Erleichterung".

Zuvor aber muss Seehofer noch einen persönlich bitteren Moment überstehen. Zum zweiten Mal schon muss er Markus Söder als seinen Nachfolger vorschlagen - jenen Mann, dessen Aufstieg er seit Jahren mit allen Mitteln zu verhindern versucht hatte. Seehofer verbindet das mit einem Wunsch an seine Partei, "mein einziger", wie betont: "Verachtet mir die kleinen Leute nicht!"

Kommentar

München

Warmherziger Beifall

Der Einsatz für die ganz normalen Bürger hat sich wie ein roter Faden durch das politische Leben Seehofers gezogen, dieses Vermächtnis will er bewahrt wissen. Dann steht er allein auf der Bühne, nimmt fast regungslos den minutenlangen warmherzigen Beifall der Delegierten entgegen, aus dem auch so etwas wie Dankbarkeit und Erleichterung spricht. Seine Gedanken und Gefühle in diesem Moment behält Seehofer für sich. Es lässt sich nicht ausmachen, ob er gerührt, zufrieden oder doch eher verbittert ist.

Wie dem auch sei, jetzt ist der Weg frei für Söder. Doch der Mann, dem es nie schnell genug nach oben gehen konnte, spürt sichtbar die Last der neuen Verantwortung. Er gibt zu, aufgeregter als sonst zu sein und die großen Fußstapfen seiner Vorgänger als Herausforderung zu erleben. "Ministerpräsident ist hohes Amt, der Parteivorsitz aber eine emotionale Berufung", erklärt er. Er wolle "mit Herz, Leidenschaft und Verstand" für die CSU arbeiten, die eben "keine x-beliebige Partei" sei. Was folgt, ist keine programmatische Parteitagsrede. Söder deutet seine Ziele eher kursorisch an. Mehr Einbeziehung der Parteibasis, näher Heranrücken an die Bedürfnisse der Alt- und der Neubürger in Bayern, Betonen des Dreiklangs aus konservativ, sozial und liberal. "Ich bin entschlossen, die Lehren aus 2018 zu ziehen und die CSU neu aufzustellen", verspricht er.

Auf dem nächsten Parteitag im Oktober, wo sich Söder schon wieder dem Votum der Delegierten stellen muss, sollen die entscheidenden Beschlüsse dafür gefasst werden. Es gelte, "den Charakter der Volkspartei CSU neu zu erfinden". 674 der 787 anwesenden Delegierten wählen Söder schließlich zum achten Vorsitzenden in der nun 73-jährigen Geschichte der CSU. Was Söder von dem Ergebnis hält, lässt er nur indirekt durchblicken, indem er auf seine kurze erste Amtszeit bis zum Oktober verweist. "Da können wir uns weiterentwickeln." Es klingt so, als meine Söder damit in erster Linie sein Wahlergebnis.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.