11.03.2021 - 17:25 Uhr
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Senioren im Lockdown: Oft gibt es kein Zurück mehr

Die Betagten zählen in der Pandemie zur Hochrisikogruppe. Wie erleben diese Menschen, die kein ganzes Leben mehr vor sich haben, um alles "nachzuholen", den Lockdown?

Für Senioren muss im Lockdown häufig das Telefon den direkten Kontakt ersetzen. Bild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Für Senioren muss im Lockdown häufig das Telefon den direkten Kontakt ersetzen.

Der Seniorenbeauftragte

Reinhold Malzer, Seniorenbeauftragter der Stadt Oberviechtach. Bild: privat
Reinhold Malzer, Seniorenbeauftragter der Stadt Oberviechtach.

Reinhold Malzer ist Seniorenbeauftragter der Stadt Oberviechtach. Er schildert die Auswirkungen des Lockdowns auf die ältesten Mitbürger: "Viele Senioren verfügen nicht über das nötige Knowhow im Umgang mit unseren modernen Kommunikationsmöglichkeiten beziehungsweise haben keinen Zugang zur benötigten Hardware. Außer dem Telefon bleibt da nicht sehr viel. In unserer Gegend ist es leider auch noch so, dass oft nur ein Ehepartner den Führerschein hat. In der Praxis heißt das, dass beispielsweise ein Mann seine Frau zu einem befreundeten Ehepaar fahren könnte, er selbst aber außen vor bleibt. Wenig realistisch! Ein Beispiel aus meiner Familie. Ein sehr kommunikationsfreudiges älteres Familienmitglied genoss es, sich jeden Tag schick anzuziehen, ,aufzustylen', Besuche zu empfangen, zum Essen auszugehen, gemeinsam kleine Ausflüge zu machen. Das Leben war lebenswert. Inzwischen weigert sie sich konsequent, sich auch nur anzuziehen, geschweige denn zurechtzumachen. ,Für wen denn? Es kommt ja keiner!' Das ist leider richtig. Es gibt keine spontanen Besuche mehr, die Lokale sind geschlossen, Ausflüge allein nicht attraktiv. Dieser Zustand dauert nun schon mehrere Monate an. Glaubt wirklich jemand, dass diese Dame mit weit über 90 Jahren noch einmal zu dem zurückkehren kann, was vorher für sie so schön war? Ein weiteres Beispiel: Früher trafen wir und einige befreundete Ehepaare uns mehrmals im Jahr, um gemeinsam zu musizieren und uns zu unterhalten. Nun geht unser „Gitarrist“ schon auf die 90 zu. Da wir ja nicht mehr zusammen kommen können, übt er auch nicht mehr. Für sich allein zu spielen bedeutet ihm nichts mehr, da die Gemeinschaft verloren ging. Seine Fingerfertigkeit wird er nie mehr erreichen können. Wie ihm ergeht es vielen Mitgliedern von Chören – so lange keine gemeinsamen Proben mehr, keine Gemeinsamkeit und die Unsicherheit, ob nach so langer Zeit die Stimme überhaupt noch tragen würde. Viele werden die Rückkehr nicht mehr ins Auge fassen. Und all die anderen Highlights im Leben vieler Senioren! Da waren viele Veranstaltungen, die größtenteils von den Pfarreien und den örtlichen Vereinen, oft jede Woche, durchgeführt wurden, mögen es nun Kartennachmittage oder Kaffeekränzchen sein, Vorträge oder Infoveranstaltungen. Sicher hoffen wir alle, dass mit vermehrten Impfungen und damit zurückkehrenden Möglichkeiten vieles wieder stattfinden kann, aber für viele wird es eine Rückkehr zu ,Alles wie gehabt' nicht mehr geben, zu groß der Abstand, zu lange die Zwangspause. Neben diesen Verlusten aber haben ganz andere Gefühle von vielen unserer älteren Mitbürger Besitz ergriffen: Unsicherheit und Angst, Angst sich anzustecken, allein in einem Krankenhaus oder Heim liegen zu müssen, allein zu sterben. Wie schwer fällt es schon Jüngeren, sich damit abzufinden, quasi eingesperrt zu sein, um wie viel schwerer den Älteren. Nicht übergehen möchte ich einen weiteren Aspekt, nämlich den Gottesdienstbesuch oder Besuche durch Geistliche zu Hause. Vielen war das ein gewichtiger Teil des Lebens, gab Halt und Sicherheit. Genau das aber fehlt jetzt."

Der Kommunalpolitiker

Peter Gold., Seniorenbeauftrager und Kreisrat in Tirschenreuth. Bild: hfz
Peter Gold., Seniorenbeauftrager und Kreisrat in Tirschenreuth.

Peter Gold ist Seniorenbeauftragter und Kreisrat im Landkreis Tirschenreuth, der lange einen Spitzenplatz bei den Covid-Infektionen in Deutschland eingenommen hat und immer noch nimmt. Er berichtet aus seinen Erfahrungen im „Hotspot“: „Die Senioren haben schon zu knabbern. Wir hatten ja die betrübliche Situation mit Corona-Ausbrüchen auch in Altenheimen. Viele Senioren sind sehr auf ihre Gesundheit bedacht und haben schon größere Ängste, sie denken ständig an Corona. Und manche warten immer noch auf einen Impftermin und werden zunehmend nervös. Unsere Hoffnung ist jetzt natürlich, dass die Impfung hilft. Wir bieten im Landkreis neben unserem Impfzentrum auch mobile Impfungen für Menschen über 80 an, die Anmeldung läuft dann über die jeweilige Kommune. Dadurch hat sich die Lage schon etwas verbessert. Auch die Seniorenarbeit ist schwieriger geworden: Vieles, was geplant war, ist im Moment einfach nicht möglich, wir sind da schon sehr eingeengt. Online-Angebote haben wenig Sinn, weil man damit nur wenige ältere Menschen erreicht. Es ist schade, dass man nicht mehr zusammenkommen kann und ja, die Vereinsamung wird zunehmend ein Problem.“

Die Heimbeirätin

Erika Schieder, 91 Jahre, engagiert sich im Beirat des Eleonore-Sindersberger-Heims in Weiden. Sie erzählt aus dem Alltag:

„Inzwischen sind im Heim alle zweimal geimpft und werden zusätzlich noch regelmäßig getestet. Die Schutzmaßnahmen gelten aber natürlich weiterhin, also Abstand halten, Maske tragen, Hände waschen. Im Moment ist es so, dass je nach Lage mehr oder weniger geöffnet wird – seit Anfang März wird zum Beispiel wieder im Speisesaal gegessen. Derzeit gibt es keinen Coronafall im Heim, und die Bewohner sind bis auf zwei oder drei Ausnahmen alle ruhig und vernünftig. Es herrscht eine schöne Harmonie. Die Heimleitung, die Fachkräfte und Betreuer machen ihre Sache alle wirklich sehr gut. Es wird auf jeden eingegangen, das Personal muss viel leisten: Die Betreuer gehen täglich von Zimmer zu Zimmer auf Besuch, unterhalten sich oder spielen auf einem Tablet Lieder vor.

Auch Familienangehörige dürfen jetzt täglich für eine Stunde zu Besuch kommen. Sie brauchen einen Testausweis oder können sich direkt im Heim zweimal wöchentlich testen lassen.“

Vor fast genau einem Jahr hat Erika Schieder für die Heimzeitung einen Bericht zum Thema „Corona“ geschrieben. Darin heißt es unter anderem: „Das Virus hat unsere Breiten erreicht. Auch in Weiden treten die ersten Erkrankungen auf. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, man spricht von Personen ab ca. 60 Jahren und solchen Menschen, die Vorerkrankungen haben (...). Damit stehen vor allem die Pflegeheime im Fokus, die sich vornehmlich um viele ältere und kranke Menschen kümmern. (...) Die Verordnungen beginnen Anfang März 2020, und es ändert und verhärtet sich fast täglich. Das erste große einschneidende Verbot in allen Alten- und Pflegeheimen war, dass an den Sonn- und Feiertagen die Gottesdienste für beide Konfessionen ausfallen.

Weiter vermissen von dieser Zeit an die Heimbewohner ihre an Wochentagen täglich einstündigen Unterhaltungen wie das Gedächtnistraining, die Erinnerungsrunde, Sport mit Muskelaufbau oder Bewegungsspiele sowie die Gesangsstunde. (...) Es entfällt das beliebte Kegeln, das ‚Café Sahnehäubchen‘“. Vermisst wird am Freitag der Wochenausklang. Damit sie nicht ganz ohne Abwechslung sind, findet ab und zu an den Wochentagen vormittags in den einzelnen Stationen Unterhaltung in Form von Sitzsport, Fragespielen und Gesang in kleinen Gruppen statt. (...)

Am 19. März 2020 ist auch für unser Sindersberger Alten- und Pflegeheim Heim ein Besuchsverbot erlassen worden und eine totale Ausgangssperre eingetreten. Wenn man im Heim unterwegs ist, sieht es gespenstisch aus, denn das Pflegepersonal, die Gerontologen, die Betreuer, die Herren der Verwaltung, die Damen im Büro und auch einige Heimbewohner tragen den Mund- und-Nase-Schutz. (...)

Ende April 2020. Ein Spaziergang im Park und ein Aufenthalt auf der Terrasse, immer mit Abstand, ist eine wohltuende Abwechslung. (...) Nun harren wir der Dinge und hoffen wir, dass wir alle mit unseren Angehörigen von dem Virus verschont bleiben und beten für ein baldiges Ende auf der ganzen Welt!“

Der "Aktivsenior"

Martin Stangl engagiert sich nach dem Verkauf seiner Buchhandlung als "Aktivsenior". Bild: privat
Martin Stangl engagiert sich nach dem Verkauf seiner Buchhandlung als "Aktivsenior".

Martin Stangl aus Weiden engagiert sich ehrenamtlich bei den Oberpfälzer "Aktivsenioren", die Existenzgründern und bestehenden Betrieben mit Beratungsbedarf zur Seite stehen. "Dort dürfte ich mit 60 Jahren einer der Jüngsten sein, aber ich habe doch schon einige Semester auf dem Buckel und einiges erlebt. Und aus meiner heutigen Sicht kann ich sagen, dass man das Leben dann mehr wertschätzt, als wenn man erst 20 ist. Man hat in diesem Alter oft schon eine Krankheitsbiografie, die einen anders auf Corona schauen lässt als Jüngere. Mir ist es wichtig, gesund zu bleiben und geimpft zu werden, egal mit welchem Impfstoff. Ich kenne jetzt auch viel mehr Menschen als mit 25 oder 30 Jahren und ich kenne halt auch persönlich Menschen, die Corona hatten oder sogar daran gestorben sind. Dadurch wird man sensibler für die Endlichkeit des Lebens. Bei jungen Menschen hat man schon den Eindruck, dass sie mit den Hufen scharren, wieder raus möchten - das ist bei mir nun nicht mehr so ausgeprägt. Ich vertraue auf das Konzept von Merkel und Söder, muss aber auch sagen: Als ehemaligem Geschäftsinhaber schlägt mir die wirtschaftliche Situation vieler Händler durch den Lockdown durchaus auf den Magen. Sie tun mir unglaublich Leid, da wird zum Teil die ganze Lebensgrundlage entzogen. Manche stehen nach einem langen Arbeitsleben jetzt vor den Trümmern ihrer Existenz und müssen im Alter Sozialhilfe beantragen. Als Aktivsenior empfehle ich allen Betrieben dringend, möglichst frühzeitig Hilfe zu suchen und sich durch unser Netzwerk beraten zu lassen."

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Deutschland & Welt11.03.2021
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