07.05.2020 - 00:01 Uhr
TirschenreuthDeutschland & Welt

Geburtstag am Vortag der Kapitulation

Am 7. Mai 1945, der Tag vor der deutschen Kapitulation, wurde Alexander Fried 20 Jahre alt. Der Holocaust-Überlebende feiert heute seinen 95. Geburtstag unter erschwerten Corona-Bedingungen.

Tirschenreuther Refugium: Alexander Fried und seine Frau Dorothea Woiczechowski-Fried auf der Gartenbank vorm Haus.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Videos: Alexander Fried und Dorothea Woiczechowski-Fried im Zeitzeugen-Interview

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"Wir sahen die Ausgangsbeschränkungen natürlich kommen", sagt Dorothea Woiczechowski-Fried. Die frühere Kinderärztin wacht liebevoll darüber, dass sich ihr Alexander gesund ernährt, genügend trinkt, sich bewegt und nicht allzu viel grübelt. "Als Söder die Einschränkungen bekannt gab, waren wir gerade auf der Suche nach einem neuen Hund." Die alte vierbeinige Gefährtin war an den Langzeitfolgen des Genickbisses eines Prager Pitbulls gestorben. "Das hat uns fast das Herz gebrochen", sagt sie seufzend.

Die Suche nach einer Nachfolgerin gestaltet sich schwierig: "Wir haben in vielen Tierheimen gesucht und sind dann im Internet auf eine Pflegestelle in Kronach gestoßen", erzählt Woiczechowski-Fried. "Wenn wir sie holen wollen, müssen wir das noch heute machen." Alexander ist nicht in bester Verfassung, aber trotzdem will er unbedingt dabei sein: "Ich lass dich doch nicht allein fahren", sagte er bestimmt.

Tirschenreuther Refugium: Dorothea Woiczechowski-Fried und Alexander Fried mit der Flüchtlingshündin Sarai im Garten. Bild: privat

Flüchtlingshündin Sarai

Alexander Frieds dramatische Lebensgeschichte

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Das Schicksal von Sarai, die Fürstliche, nach der biblischen Erzmutter Sara, wie sie den zweijährigen Labrador-Mischling nennen, ruft bei Fried Erinnerungen wach: "Sie wurde in Rumänien gerettet, dann nach Bulgarien in einen großen Zwinger gebracht." Ein Flüchtlingshund also: "Sie ist ein richtiger Glückshund", findet Dorothea, "wir haben ihr schon erklärt, dass sie auf den Mann im Haus nicht eifersüchtig zu sein braucht."

Es sind nicht die Ausgangsbeschränkungen, die Fried in diesen Tagen deprimieren: "Er läuft jeden Tag eine Stunde mit seinen Nordic-Walking-Stecken - mit der strengen Auflage, mit niemandem zu sprechen, was für Alexander nicht leicht ist." Natürlich sei er traurig, nicht mehr über die Grenze zu dürfen, um ab und an ein paar Worte tschechisch zu sprechen. Vor allem aber schmerze die Absage der Gedenkfeier in Sachsenhausen: "Wir waren eingeladen, hatten schon Fahrkarten", sagt die 80-Jährige, "er hätte Überlebende der Shoa getroffen, auch ein 98-jähriger US-Befreier hatte sich angekündigt."

Gedenktafel an den Todesmarsch von Sachsenhausen.

Allgegenwärtiger Alptraum

Deprimiert sei Fried wegen der düsteren Gedanken, die im Kopf des Mannes, der drei Konzentrationslager überlebte, jedes Jahr um diese Zeit in den Vordergrund drängen: "Du weißt gar nicht wie schrecklich der Todesmarsch war." Seine Frau habe ihn soweit beruhigen können, dass er nachts trotzdem ein wenig Schlaf findet. "Manchmal ist das, was da vor 75 Jahren passiert ist, so präsent, als sei es Gegenwart."

Gebrüll vor dem Abmarsch aus Sachsenhausen. Etwa 500 Überlebende müssen sich in großen Gruppen mit Decken und Essgeschirr aufstellen. "Durchzählen!" Alexander Fried und sein neuer Freund Freddy Glasel bleiben zusammen. Keiner weiß, wohin es gehen soll. Sie sind krank, schwach, schleppen sich auf Holzschuhen, mit denen man nicht laufen kann, vorwärts.

Gleichgültiger Henker

Freddy ringt nach Luft, ein Asthmaanfall. Er schwankt, "ich kann nicht mehr weiter". Schani stützt ihn, sie halten den Zug auf. Ein Wagen mit dem blonden SS-Fahrer: "Los, weiter, Judenpack!" Freddy strauchelt, ein Knall. Freddy stürzt, Blut quillt aus der Schläfe, Glasel ist tot. "Weiter, los, weiter, stell dich nicht an!" Fried schleppt sich fort, leer. Den Freund muss er im Stich lassen. Am Wegesrand. Aus dem Handgelenk eines gleichgültigen Henkers beiläufig in den Kopf geschossen.

Körper aus Haut und Knochen ohne Muskeln. Die Kraft reicht nicht, um sich zu setzen, geschweige denn zum Aufstehen. Wer liegt, ist tot. Vorwärts oder sterben. "Ich werde verlöschen." Schani lässt sich fallen. Das Nichts. Schwärze. Nach einer Weile öffnet er die Augen: Keine Wachen. Andere Soldaten. Russen. Er setzt sich mit letzter Kraft auf. Von seinem Hügel sieht er eine kleine Stadt. Crivitz. Ein weißes Fahrzeug mit Rotem Kreuz. Frauen verteilen Pakete. Fried braucht Flüssigkeit. Der Krieg ist vorbei. "Ich bin frei", sagt Alexander leise vor sich hin.

Karriere den Nazis zum Trotz

Alexander Fried ist 20 Jahre alt, als das Grauen endet. Ein langes Leben liegt vor ihm, in dem ihm eine internationale wissenschaftliche Karriere gelingt – den Nazis zum Trotz. Das große private Happy End wartet ganz zum Schluss in Tirschenreuth. „Doro ist mein größtes Glück“, sagt er immer. Gedankenverloren tätschelt der rüstige Greis den Kopf der Flüchtlingshündin Sarai. Die Erinnerungen an das Drama seiner Jugend, sie werden ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen.

Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht:

Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, die zum Ende der militärischen Feindseligkeiten der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich führte, wurde nach erfolglosen Verhandlungsversuchen der deutschen Seite vom 6. Mai in der Nacht zum 7. Mai 1945 im Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte in Reims unterzeichnet und trat am 8. Mai in Kraft. Da deutsche Streitkräfte die Kampfhandlungen gegen sowjetische Truppen jedoch fortsetzten, wurde die Kapitulations­erklärung in Berlin am 8./9. Mai wiederholt.

Die vier Siegermächte übernahmen mit der Berliner Erklärung vom 5. Juni 1945 die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Zusammen mit der militärischen Kapitulation, deren politische Konsequenz sie war, bildete dies die Grundlage für den Viermächte-Status, nach dem die Alliierten bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 für „Deutschland als Ganzes“ verantwortlich blieben.

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