24.01.2020 - 20:42 Uhr
VohenstraußDeutschland & Welt

Gute-Laune-Giffey in Vohenstrauß

Eine Stunde Franziska Giffey in Vohenstrauß und man weiß, warum die 41-Jährige Hoffnungsträgerin der gebeutelten SPD war oder ist. Die Familienministerin zündet ein Feuerwerk der guten Laune und genießt das Bad in der Menge.

Franziska Giffey (rechts), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wirbelt durch die Stadthalle. „Ich höre Ihnen ausgesprochen gerne zu“, lobt der frühere Weidener Abgeordnete Werner Schieder. Die 41-Jährige hatte zudem eine inzwischen verstorbene Tante in Sulzbach-Rosenberg.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die frühere Bezirksbürgermeisterin aus Neukölln weiß, wie man Nähe herstellt: mit Worten und Körpersprache. Deshalb gilt die Verwaltungswissenschaftlerin aus dem Dorf Briesen bei Frankfurt/Oder alles andere als abgehoben. "Das Gute-Kita-Gesetz hätte Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Verbesserung der Teilhabe in Tageseinrichtungen und in der Kindertagespflege heißen sollen", genießt Franziska Giffey das Amüsement der rund 250 Genossen in der Stadthalle über die komplizierte Bezeichnung. "Das versteht bei uns auf der Sonnenallee in Berlin keiner, wenn wir so sprechen." Der Bund setze beim Gute-Kita-Gesetz 5 Milliarden Euro dafür ein, dass alle Kinder gut ins Leben starten könnten. "800 Millionen davon gehen übrigens nach Bayern."

Das müsse der Bund ja nicht machen, bemängelten Kritiker. Das sei Länderaufgabe: „Wer noch nicht erkannt hat, dass das eine nationale Zukunftsaufgabe ist, der hat auch den Schuss noch nicht gehört“, bringt sie die den Saal zum Zungeschnalzen. Starke-Familien-Gesetz statt Gesetz zur zielgenauen Stärkung von Familien und ihren Kindern durch die Neugestaltung des Kinderzuschlags und die Verbesserung der Leistungen für Bildung und Teilhabe: 3 statt 23 Wörter, die Sendung mit der Maus steht Pate. „Es ist so wichtig, dass wir verständlich sprechen.“ Die Sprache drücke aus, für wen man das mache, „was die sozialdemokratische Handschrift ist“.

Vohenstrauß

Leichte Sprache, gewichtiger Inhalt

Leichte Sprache, gewichtiger Inhalt, findet Giffey: „Von den rund 14 Millionen Kindern geht‘s 4 Millionen nicht so gut. 2 Millionen wüchsen in Hartz-IV-Haushalten, 2 Millionen bei Familien mit geringem Einkommen auf: „Ich habe 16 Jahre an einem sozialen Brennpunkt gearbeitet“, sagt sie mit Blick auf Neukölln, „wir hatten 60 Schulen mit 30.000 Kindern, davon hatten 80 bis 90 Prozent Migrationshintergrund.“ Was nicht das Problem gewesen sei: „Unser Problem war, dass sie zu gleichem Prozentsatz im Sozialleistungsbereich aufwuchsen.“

Diese Kinder seien nicht weniger talentiert, weil sie nicht im Wohlstandsnest aufwüchsen. „Wir können es uns nicht leisten, diese Kinder zu verlieren.“ Der Leitsatz der Familienministerin kommt an bei den Zuhörern: „Wir arbeiten daran, dass es jedes Kind packt.“ Dass es im Übrigen 80 Prozent der Familien ganz gut gehe, sei auch ein Verdienst der Sozialdemokraten.

Erst der Eintrag ins Goldene Buch, dann Autogramme ins Parteibuch.

Ohne Kohle keine Pflege

Noch ein Projekt hat die junge Ministerin mit auf den Weg gebracht: "Zusammen mit Hubertus Heil und Jens Spahn habe ich in einer ,Konzertierten Aktion Pflege' eine Strategie entwickelt - ich bin dafür zuständig, dass wir die Ausbildung in den Griff kriegen." Ihre Mutter habe sie gefragt: "Warum erst jetzt?" Die schlagfertige Antwort: "Ich bin ja noch nicht so lange da", hat sie wieder die Lacher auf ihrer Seite.

Das Ergebnis: "Seit dem 1. Januar ist das Schulgeld in der Pflege endlich flächendeckend abgeschafft und die Vergütung von 1040 Euro im ersten Jahr eingeführt." Bisher hätten sich viele gefragt: "Kann ich mir leisten, Pflegekraft zu werden? Das kann's ja nicht sein." Ohne die Bezahlung zu verbessern, werde man in diesem Wachstumssektor nicht genügend Leute bekommen: "Ihr seht, es macht sehr wohl einen Unterschied, ob die SPD regiert oder nicht." Die Seele der Partei streichelt sie ganz nebenbei.

Intoleranz gegenüber Feinden der Demokratie

Ihr Credo: "Wir müssen die soziale Berufe aufwerten." 5,7 Millionen Menschen seien hier beschäftigt, 80 Prozent davon Frauen: "Ich komme gerade aus Berlin vom größten Pflegekongress mit 1700 Gästen", ermuntert sie Senioren und Rentner aktiv zu bleiben: "Von den 30 Millionen Freiwilligen sind viele über 50, 60 oder 70 - ohne sie wäre es mit dem Ehrenamt schwierig." Im nächsten Jahr steige die Zahl der Pflegebedürftigen auf 4 Millionen: Ohne die 2,8 Millionen pflegenden Angehörigen kaum zu leisten.

In einer polarisierten Wetterlage sei ihr auch die Demokratieförderung wichtig: "Wir sind für ein weltoffenes, tolerantes Deutschland, aber wir brauchen auch eine mutige Intoleranz gegenüber den Feinden der Demokratie", zitiert sie Alt-Präsident Joachim Gauck. "Deshalb", lobt sie den Landkreis Neustadt/Waldnaab, "ist es so wichtig, dass ihr eine von 300 Partnerschaften für Demokratie in Deutschland seid." Das Programm hätte auslaufen sollen. "Das können wir in so einer Situation nicht machen", habe sie protestiert. "Demokratie leben" sei deshalb entfristet worden.

Beim Bad in der Menge fühlt sich Franziska Giffey pudelwohl.

"Diese alten Leute ..."

„Die Männer müssen jetzt ganz stark sein“, ulkt sie im Übergang zu ihrem Ressortthema Gleichstellung. „In den Führungsetagen gibt es nur 7 Prozent Frauen – wir hatten bisher immer mehr Thomas und Michael als Frauen." Von häuslicher Gewalt seien sie zu 80 Prozent betroffen, die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen liege noch immer bei über 50 Prozent. Es liege hier noch vieles im Argen, aber: „Wenn wir eine gleichberechtigte Rolle wollen, geht das nur zusammen. Wer schlau ist, macht gemischte Teams.“

Im Jahr der deutschen EU-Ratspräsidentschaft habe man außerdem unter ihrer Regie eine Jugendstrategie ins Leben gerufen. 100 junge Leute seien ins Kanzleramt geladen worden. Einer habe bemängelt, dass so viele Bundestagsabgeordnete schon so alt wären, und sich deshalb nicht für die Jugend einsetzen würden. "Wisst ihr, ich bin jetzt 41", habe sie gesagt, "ab welchem Geburtstag wird dir das zugeschrieben?" Da seien sie ins Grübeln gekommen. "Meine Oma ist 92 geworden, die hat immer gesagt, also diese alten Leute ..." Alt und jung sei die falsche Einteilung: "Es gibt die Bedenkenträger und die Möglichmacher", schlägt Giffey vor, "mit denen musst du dich umgeben, egal wie alt oder jung die sind."

Bad in der Menge

„Ich hab mich jetzt schon ganz schön verplauscht hier“, stellt die Genossenflüsterin fest, „aber es ist noch keiner am Handywischen – wenn das losgeht, gehe ich.“ Auch damit trifft sie den Nerv der Head-down-kritischen Gäste. „Hallo, ihr könnt hinterher twittern“, sage sie den jungen Genossen in Berlin, „aber erst einmal spielt hier die Musik, im richtigen Leben.“

Es gäbe ja noch viel zu sagen – „jaaa“, vernimmt man einen Ruf aus der Menge: „Soll ich?“, fragt sie hoffnungsfroh. „Ja, Mönsch, ich hab‘ ja noch gar nicht gefragt, ob ihr eine Frage habt“, spurtet Giffey ins Publikum zum Ja-Sager Werner Schieder. Der frühere Weidener Abgeordnete ist voll des Lobes: „Ich höre Ihnen ausgesprochen gerne zu.“ Mit Giffey ist gerade rechtzeitig vor den Kommunalwahlen neuer Mut eingekehrt bei den gebeutelten Sozis. Und so schließt sie mit Karl Valentins Worten: „Ich freue mich, wenn es regnet, weil wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“

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