16.04.2020 - 12:48 Uhr
VohenstraußDeutschland & Welt

LTO: "Nie dagewesene Herausforderung"

Corona-Zeiten sind auch unruhige Zeiten für Theaterschaffende: Das spüren auch die Verantwortlichen des Landestheaters Oberpfalz (LTO). Ein Interview mit Geschäftsführer Wolfgang Meidenbauer und dem Künstlerischen Leiter Till Rickelt.

Optimistisch blickten Künstlerischer Leiter Till Rickelt (links) und Geschäftsführer Wolfgang Meidenbauer (Zweiter von rechts) bei der Spielplanvorstellung im Dezember 2019 ins Jubiläumsjahr des LTO nach vorne.
von Holger Stiegler (STG)Profil

2020 ist eigentlich ein besonderes Jahr für das Landestheater Oberpfalz. Der 10. Jahrestag der Gründung steht an. Ein Theatertag und eine Jubiläumsempfang am 9. Mai wären geplant gewesen. Doch wegen der Coronakrise müssen nun einige Pläne neue gedacht werden. LTO-Geschäftsführer Wolfgang Meidenbauer und der künstlerische Leiter Till Rickelt erzählt von der aktuellen Lage.

Eine Mords-Gaudi war die Premiere von "Kohlhiesels Töchter" im Sommer 2019 auf Burg Leuchtenberg. Die diesjährigen Sommerfestspiele auf der Burg wird es sicherlich nicht in der gewohnten Form geben.

ONETZ: Aktuell sieht es so aus, dass das Jahr ganz besonders wird – aber in anderer Hinsicht …

Wolfgang Meidenbauer: Ja, in der Tat. Das Jubiläumsjahr hatten wir uns anders vorgestellt. Covid-19 hat unsere Pläne schwer durchkreuzt. Aber die Feierlichkeiten werden sicherlich in diesem Jahr noch gebührend begangen. Neben unseren Sommerfestspielen und der Veranstaltungsstätte Burg Leuchtenberg bietet hier der „Kulturherbst“ in Vohenstrauß einen entsprechenden Rahmen. Wir gehen davon aus, dass im dritten Quartal doch eine gewisse „Normalität“ einkehren wird, sicherlich noch unter entsprechenden Auflagen. Und dann wird auch das Jubiläum einen geeigneten Platz finden. Primär ist derzeit die Sicherheit des Publikums und unserer Mitarbeiter. Da treten solche Feierlichkeiten in den Hintergrund. Notfalls feiern wir eben 11 Jahre LTO.

Lesen Sie hier mehr zum LTO

ONETZ: Welche Veranstaltungen sind bisher schon ausgefallen?

Wolfgang Meidenbauer: Glücklicherweise hatten wir April bis Ende Mai im Spielplan zur Vorbereitung der Sommersaison eingeplant, so dass sich Veranstaltungsabsagen erübrigten. Im März mussten wir die letzten sieben Veranstaltungen, vier Spieltermine „Willkommen bei den Hartmanns“ in Weiden und drei Termine „Resl unser“ im Kloster Fockenfeld absagen.

ONETZ: Das Landestheater Oberpfalz im Homeoffice-Betrieb: Wie muss man sich das vorstellen?

Wolfgang Meidenbauer: Wir haben versucht, die persönlichen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Unsere zentrale Rufnummer ist weitergeleitet, Besprechungen und informeller Austausch finden im Rahmen von regelmäßigen Videokonferenzen und unter Nutzung digitaler Medien statt. Da unsere IT-Struktur bereits in der Vergangenheit auf dezentrale Nutzung erweitert wurde und unsere Kolleg*innen durch die regionale Vielfalt gewohnt sind, auch von verschiedenen Orten zu arbeiten, war die Umstellung nicht allzu schwer. Aber dennoch: das persönliche Gespräch fehlt schon sehr.

ONETZ: Die Social-Media-Kanäle des LTO verkünden, dass Online-Proben stattfinden für „Sturm und Drang“, aber auch für „Im weißen Rössl“. Was passiert da genau?

Till Rickelt: Von allen Produktionen hat das „Sturm und Drang“-Ensemble seine Proben in den letzten Wochen online fortgesetzt. Das geht in diesem Fall ganz gut, weil es sich um eine Stückentwicklung unseres Jugendensembles handelt. Die Probenarbeit besteht momentan darin, Texte zu lesen, Ideen zu entwickeln und als Gruppe zusammenzufinden. Für die Jugendlichen war es sehr wichtig, trotz „Social Distancing“ in Kontakt zu bleiben. Fürs „Weiße Rössl“ haben wir musikalische Proben per Skype durchgeführt, wobei wir schnell an technische Grenzen gestoßen sind. Eine Korrepitition live während der Probe ist durch die Zeitverzögerung bei der Übertragung nicht praktikabel. Immerhin gibt es dadurch jetzt Playbacks, mit denen Darsteller zu Hause weiter üben können. Aber das ist nur eine Notlösung und kein dauerhafter Ersatz für die gemeinsame Probenarbeit.

Theater Regensburg präsentiert Spielplan auf Youtube

Regensburg

ONETZ: Für den 22. Mai ist die Premiere von „Schikaneder – Sommer der Gaukler“ auf Burg Leuchtenberg geplant. Realistisch betrachtet scheint das zum jetzigen Zeitpunkt kaum machbar zu sein. Wie planen Sie für die diesjährigen Festspiele?

Till Rickelt: Wir haben mehrere alternative Planungen entwickelt, die wir in den Gremien noch abwägen und erörtern müssen: Bis wann könnten wir Premieren und Vorstellungstermine verschieben, welche Inszenierungen könnten wir notfalls im Herbst an anderen Spielorten nachholen, gibt es alternative Spielorte zur Leuchtenberger Burg, an denen wir den notwendigen Sicherheitsabstand für unser Publikum gewährleisten könnten usw. Am Mittwoch wurde bekannt gegeben, dass Großveranstaltungen bis August verboten sind – was aber als Großveranstaltung gewertet wird, und unter welchen Auflagen kleinere Veranstaltungen noch stattfinden können, müssen erst die Länder entscheiden. Die Lage ändert sich ständig, aber wir sind vorbereitet.

ONETZ: Was bedeutet der jetzige und vermutlich noch anhaltende kulturelle Stillstand wirtschaftlich für das LTO? Welche Projekte werden aufs Eis gelegt?

Wolfgang Meidenbauer: Die Situation stellt uns vor nie dagewesene Herausforderungen. Nahezu stündlich neue Informationslagen machen eine wirtschaftliche Planbarkeit nahezu unmöglich und zwingen uns, „auf Sicht“ zu fahren. Wir haben alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen ergriffen, um weiteren wirtschaftlichen Schaden abzuwenden. In der Diskussion mit den Abteilungen hat sich der 20. April als Termin für definitive Entscheidungen ergeben. Wie auch immer die aussehen werden, es wird Einschnitte geben. Daher bereiten wir unter anderem auf einen Spendenaufruf vor. Es stehen beim LTO 20 Arbeitsplätze und etliche Gastverträge auf dem Spiel. Da Kinder-/Jugendprojekte oder Schulprojekte derzeit von behördlicher Seite auf Eis gelegt sind, prüfen wir das weitere Verfahren unseres Bundesprojektes „Zwischenspielraum“ und stehen mit den dortigen Ansprechpartnern in engem Austausch. Zielsetzung ist, existenzsichernde Schritte unter sozial verträglichen Aspekten und wirtschaftlichen Prinzipien einzuleiten und umzusetzen, damit unser Publikum unmittelbar nach Corona wieder unbeschwert professionelles Theater genießen kann.

ONETZ: Ich vermute, dass Sie aktuell froh sind, kein festes eigenes Haus zu haben?

Till Rickelt: Das trifft nicht zu. Eine eigene Spielstätte, über die wir ganzjährig verfügen könnten, würde vieles erleichtern, auch in einer Ausnahmesituation wie dieser. Es gäbe die Sicherheit, dass wir sofort wieder Vorstellungen spielen könnten, sobald die Einschränkungen aufgehoben werden – und sei es vielleicht erstmal nur eine Art „Notprogramm“ mit Wiederaufnahmen. Momentan haben wir das Problem, dass sich jede Planung später als nicht durchführbar herausstellen kann, weil die Spielstätte nicht mehr verfügbar ist oder die Zeit für die Einrichtung und Proben nicht mehr reicht. Eine eigene Spielstätte für das Landestheater wäre auch eine Reserve für unvorhersehbare Entwicklungen.

ONETZ: Auch wenn der Spruch vielleicht arg strapaziert wird: „In der jeder Krise liegt eine Chance!“ Gilt das auch fürs Landestheater?

Wolfgang Meidenbauer: Sollte die Fragestellung darauf anspielen, dass Theater auch über digitale Formate stattfinden könnte, muss ich enttäuschen. Theater braucht den Raum, Theater braucht Publikum und die Zuschauer brauchen das Live-Erlebnis vor Ort. Eine Chance sehe ich eher in der Akzeptanz neuer Kommunikationsformen in den Organisationsabläufen. Das viel Wichtigere ist: Eine Vielzahl von Einzelschicksalen lenkt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die monetäre Bewertung der Kulturschaffenden. Die Künstler haben ein Anrecht auf eine angemessene Altersversorgung. Diese Situation kommt in der Krise ans Tageslicht und bietet die Chance auf Besserung.

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.