21.01.2019 - 14:50 Uhr
WaldsassenDeutschland & Welt

Drama vor 50 Jahren: Tschechen zerren DDR-Bürger zurück

Der Vorfall ist vor 50 Jahren ein Skandal. Zwei Ingenieuren aus der DDR gelingt bei Egerteich (Waldsassen) die Flucht über die grüne Grenze. Tschechoslowakische Soldaten laufen auf bayerischen Boden hinterher - und zerren sie zurück.

Kaum ein Ort liegt so nah an der Grenze wie Egerteich. Heute radeln und wandern Zivilisten auf dem Iron Curtain Trail auf tschechischer Seite. Damals begab sich in Todesgefahr, wer dem Eisernen Vorhang zu nahe kam.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Das Wetter war ähnlich", sagt Bundespolizist Reinhold Balk und zieht den Kragen höher. Der Böhmische Wind treibt die Flocken quer. Minus 3 Grad. Schnee liegt auf den Feldern zwischen dem Dorf Egerteich und dem Wäldchen, das nach Tschechien führt. Genau hier, am Waldrand, ereignete sich vor 50 Jahren ein Drama.

Zwei jungen Ingenieuren aus dem Raum Leipzig gelang am frühen Morgen des 3. Januar 1969 die Flucht in den Westen. Sie waren schon gut 600 Meter auf deutschem Boden, als sie von Grenzsoldaten der Tschechoslowakei überwältigt und zurückgeschleift wurden. Der sogenannte "Grenzzwischenfall Egerteich" löste diplomatische Verwicklungen auf höchster Ebene aus. Die Bundesregierung protestierte scharf. In der Folge entstand der Bundesgrenzschutz-Standort Seedorf zwischen Waldsassen und Schirnding. Der BGS wurde personell um zwei Drittel aufgestockt.

Protokoll gefälscht

Reinhold Balk, Experte für den Eisernen Vorhang, hat den Fall recherchiert. Ihm ist es gelungen, aus dem tschechischen Archiv in Kanice das Protokoll der CSSR-Grenzwachen zu holen. Es zeigt die ganze Tragweite des Skandals. Es sind nämlich zwei Protokolle: Im ersten gibt der tschechische Oberst wieder, was tatsächlich passiert ist. Im zweiten Protokoll schlägt er vor, welche Lüge man den Deutschen erzählen könnte.

Was war passiert? Gerd Wagner und Hans Melz, beide 25 Jahre alt, waren aus dem Bruderstaat DDR in die Tschechoslowakei eingereist. Ihr Plan: Sie wollten zu Fuß über die bayerische Grenze in den Westen. Sie standen damit nicht allein. Die Flüchtlingszahlen in der CSSR hatten nach dem Scheitern des "Prager Frühlings" einen Höchststand erreicht. 180 Menschen war 1968 die Flucht gelungen. Was zur Folge hatte, dass die Grenzwache Pohranicní stráž (PS) unter starkem Druck stand. Xaver Beer, Bundespolizist im Ruhestand aus Schwarzenfeld, hat in diesem Abschnitt Dienst getan. Er weiß um die drakonischen Strafen für die ganze Kompanie, wenn ein Flüchtiger durchschlüpfte.

3. Januar 1969. Es folgt eine Wiedergabe des CSSR-Protokolls: Der junge Grenzsoldat Jirí N. entdeckt am frühen Morgen frische Fußabdrücke im Schnee. Er folgt den Spuren und bemerkt angeblich in der Aufregung nicht, dass er über die Grenze läuft. Der Tscheche befindet sich schon 600 Meter tief im "Feindesland", als er die zwei Flüchtenden Wagner und Melz einholt. Er fordert sie zum Stehenbleiben auf. Als sie dem nicht Folge leisten, gibt er über ihre Köpfe Schüsse mit der Maschinenpistole ab. Hinter ihm folgt in einigem Abstand eine Streife. Die Kollegen lassen ihre Diensthunde von der Leine.

"Rex" beißt zu

Ingenieur Wagner schreit den Tschechen an: Man befinde sich längst auf deutschem Gebiet. Laut Protokoll ruft er "Hilfe" und "Bundesgrenzschutz". Dabei deutet er auf die Lichter eines Fahrzeugs nahe Egerteich. Indessen holt Diensthund "Rex" auf, der kurioserweise zunächst den CSSR-Soldaten Jirí N. beißt. Auch die beiden tschechoslowakischen Kollegen treffen ein. Ihnen ist klar, dass man sich auf deutschem Gebiet befindet. Sie wollen den jungen Kollegen "herausholen" - allerdings nicht ohne die Republikflüchtlinge.

Deren Festnahme erfolgt unter heftigster Gegenwehr. Wagner wehrt sich mit Händen und Füßen gegen das Anlegen der Handschellen. Diensthund "Rex" zerfetzt ihm Anorak und Hose. Der Leipziger verliert Portemonnaie und Ausweis. Erst als ein Grenzsoldat weitere Salven über seinem Kopf abfeuert, kann Wagner überwältigt werden. Insgesamt fallen 35 Schuss. Auch Melz wird mit Gewehr und Hund in Schach gehalten. Dann zerren die drei Grenzsoldaten die Flüchtenden zur Straße nach Cheb, wo ein Fahrzeug wartet. Am Ortseingang von Cheb, wo heute ein Casino ist, war die Grenzwache stationiert.

Die bayerischen Grenzbehörden kommen zu spät - ganz, ganz knapp. Wenige Meter, wenige Minuten. Der Bundesgrenzschutz hat damals noch keine Station vor Ort. Der Abschnitt wird vom 80 Kilometer entfernten Nabburg mit Streifen beschickt. Die Streife des BGS hat sich an diesem Morgen gemeinsam mit dem Zoll auf der Anhöhe bei Hatzenreuth postiert, etwa vier Kilometer von Egerteich entfernt. Um 6.20 Uhr sehen die Diensthabenden, dass die Tschechen rote Leuchtraketen abfeuern. "Roter Regen" bedeutet einen Durchbruch von Ost nach West. Um 6.35 Uhr trifft ein Fahrzeug des Zolls in Egerteich ein, fährt sich aber in Schneeverwehungen fest. 250 Meter vom Tatort entfernt. Der Fahrer ist allein und wartet auf Verstärkung.

Um 6.45 Uhr ruft ein Landwirt aus Egerteich bei der Grenzpolizei Waldsassen an. Er berichtet von Schüssen und Hilferufen. Um 6.50 Uhr sind Streifen der Grenzpolizei in Egerteich. Auch sie hören Schüsse und den Ruf "Helft mir doch". Die erste Streife versucht, den Soldaten den Weg zur Grenze abzuschneiden. Die zweite Streife fährt querfeldein zum Tatort. Sie kommt zu spät. Im Schnee finden sich zwei Zipfelmützen und den DDR-Ausweis von Gerd Wagner, Jahrgang 1944, sowie seinen Internatsausweis für die Technische Hochschule in Magdeburg. Trampelspuren lassen auf einen erbitterten Kampf schließen. Blutspuren im Schnee führen in die Tschechoslowakei. Die Beamten finden ein MP-Magazin und leere Hülsen.

Keine zwei Stunden später, um 8.45 Uhr, steht der Chef der Waldsassener Grenzpolizei Schaller am alten Übergang Wies und fordert ein Gespräch mit einem tschechischen Vorgesetzten. Er nennt Ort und Zeit: 10 Uhr an der Straße zwischen Waldsassen und Cheb. Vonseiten der CSSR erscheint Oberst J. Er tischt eine Lügengeschichte auf: Der junge Soldat habe zwei DDR-Bürger vor dem Grenzübertritt erwischt. Sie hätten ihn überwältigt und mit vorgehaltener Maschinenpistole gezwungen, mit ihm über die Grenze zu gehen - die Hände zum Kopf erhoben. Der Grenzsoldat sei von seinen Kollegen befreit worden. Oberst J. bittet darum, das gute Verhältnis nicht aufs Spiel zu setzen und den Fall nicht hoch zu hängen. Schaller erteilt ihm eine Absage: Die Presse wisse schon Bescheid, zudem sei die Bevölkerung äußerst beunruhigt.

Um 15 Uhr kommt es zu einem zweiten Gespräch: Schaller lässt vom bayerischen Innenministerium ausrichten, dass man die Sache auf sich beruhen lassen könne - wenn die beiden DDR-Flüchtlinge übergeben würden. Oberst J. bedauert: Dazu sei es zu spät. Man habe die Männer bereits an die tschechoslowakische Staatssicherheit übergeben - mit dem Hinweis, dass Wagner und Melz einen Soldaten angegriffen hätten. Dies könne nicht mehr rückgängig gemacht werden, zumal die DDR die Auslieferung der Republikflüchtlinge fordert. Der Fall schlägt Wellen: Am 15. Januar 1969 diskutiert der Bundestag die Grenzverletzung. Dringend wird die Präsenz des BGS im Landkreis Tirschenreuth gefordert.

In Stasi-Gefängnis

Man mag sich nicht ausmalen, wie es den beiden 25-jährigen Männern ergangen ist. Werner Mallmann, früher Führer eines Einsatzzuges beim Bundesgrenzschutz Nabburg, hat ihr Schicksal nie in Ruhe gelassen. Sie seien zunächst in Bautzen inhaftiert worden. Später sei es der BRD gelungen, die beiden freizukaufen. Mitte der 80er sei aus heiterem Himmel einer der beiden in der Dienststelle des BGS in Nabburg aufgetaucht, vermutlich Wagner. Er bat, dass man ihm die Stelle seiner Verschleppung zeigen könne. Mallmann fuhr mit ihm vor Ort. "Er stand da eine ganze Weile." Sehr ergriffen, sehr still.

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