Abschiebung: Gegen das Gewissen

Die Abschiebung des zwölfjährigen Saba hat die Region bewegt. Eine wichtige Rolle spielte dabei eine 19-Jährige, die bei den Maltesern ihren Bundesfreiwilligendienst leistet. Auch Sabas Fußballtrainer findet deutliche Worte.

Saba lebt seit einigen Tagen wieder in Georgien.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Zehn Tage ist es her, dass der zwölfjährige Saba Chitadze mit seinen Eltern und seiner schwerstbehinderten Schwester nach Georgien abgeschoben wurde. Der Fall sorgte für Aufsehen, wurde der Junge doch von Polizisten vor der Schule abgeholt. Für Aufregung sorgte die Abschiebung auch bei den Weidener Maltesern. Sie sollten den Transport von Sabas Schwester im Rollstuhl zum Flughafen übernehmen. Doch die katholische Hilfsorganisation weigerte sich. Federführend: die 19-jährige Felicitas Girisch.

Der Bericht zur Abschiebung

Weiden in der Oberpfalz

Sie absolviert aktuell ihren Bundesfreiwilligendienst bei den Maltesern. Dadurch erfuhr sie von der Abschiebung. Zwei Polizisten waren rund zwei Wochen vor dem geplanten Abschiebetermin in die Dienststelle gekommen und haben den Transport in Auftrag gegeben. "Wir wussten nur von einem behinderten Kind mit Vater und Mutter", erzählt Girisch am Freitag am Telefon. "Keine Namen und auch nichts von dem Jungen." Für die 19-Jährige habe sofort festgestanden: Ihre Organisation darf diese Abschiebung nicht unterstützen. "Das konnte ich nicht mit meinen Werten und Grundsätzen vereinbaren", sagt sie. Und auch nicht mit denen der Malteser - Stichwort Nächstenliebe. "Wir helfen Menschen. Das können wir nicht machen", sei ihr durch den Kopf gegangen.

E-Mail an Landesleitung

Sie begann ihr Umfeld zu mobilisieren, traf sich mit Freunden und Mitgliedern der Linksjugend, in der sie sich ebenfalls engagiert, schrieb an den Generalsekretär der Bayern-SPD, Uli Grötsch, und an die Landesleitung der Malteser: "Ich habe die Situation geschildert, geschrieben, dass ich das nicht mit meinen Grundsätzen vereinbaren kann und auch, dass ich nicht reinen Gewissens - wenn auch freiwillig - bei einer Organisation arbeiten kann, die da mitmacht."

Grötsch habe ihr seine Unterstützung zugesagt, berichtet Girisch. "Ich halte es immer für äußerst problematisch, wenn Menschen, die seit Jahren in Deutschland leben, sich hier eine Existenz aufgebaut haben und sich nichts zu schulden kommen haben lassen, abgeschoben werden", sagt Grötsch selbst am Freitag. "Das mag nach dem Gesetz richtig sein, aus ethischer und humanitärer Sicht sehe ich das anders." Die Politik sei gefordert, etwas zu ändern, um solchen Leuten eine Perspektive zu geben - und habe bereits gehandelt, fährt Grötsch fort. Als Beispiele nennt er Ausländerbeschäftigungsförderungs- und Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Auch sei Sabas Familie kein Einzelfall. "Ich habe in meinem Büro immer wieder mit solchen Fällen aus der Region zu tun. Das ist jedes Mal ein Drama."

Schnelle Reaktion

Die Landesleitung der Malteser habe ebenso schnell reagiert, berichtet Girisch. "Am Sonntag habe ich die Mail geschrieben, am Montag kam die Antwort, dass der Transport gecancelt ist." Seitdem habe sie nur positive Rückmeldung aus ihrem Umfeld bekommen. Auch ist es für die 19-Jährige mit der Verhinderung des Abschiebetransports nicht getan. Sie und ihre Freunde planen weitere Aktionen zur Unterstützung von Familie Chitadze.

Aber wie geht es Saba, seinen Eltern und seiner Schwester inzwischen? Rico Friese, Sabas Fußballtrainer bei der DJK Weiden, hält über Whatsapp Kontakt. Die Chitadzes sagen, es gehe ihnen gut, berichtet Friese. Sie halten sich in der Hauptstadt Tiflis auf, wo die Familie ein Haus besitzt. Gerade gehe es wohl vor allem darum, das Leben neu zu ordnen. "Ich denke, die Familie ist aktuell noch überfordert", sagt Friese. Im Verein gebe es Überlegungen, sie zu unterstützen. Wie das möglich ist, müsse man sehen, auch "ob die das überhaupt wollen."

Jedes Kind wichtig

In der Mannschaft würde derweil langsam Ruhe einkehren. Sabas Mitspieler hätten das Geschehene einigermaßen verarbeitet. Und die Jungs haben ein Ziel: Sie wollen die Meisterschaft holen - für Saba. Friese betont aber auch: "Für uns ist jedes Kind wichtig, wenn es da Probleme gibt, nehmen wir uns dem an." Im Fall von Sabas Familie findet er aber auch deutliche Worte. Zum einen habe die Familie gewusst, dass sie ausreisen müsse, und habe dies nicht getan. Möglicherweise ihr Umfeld sogar falsch informiert, obwohl sie wusste, dass die Abschiebung bevor stehe. Noch eine Woche zuvor, habe Saba auf die Frage, ob er denn nun bleiben dürfe, geantwortet, dass die Chance fünfzig zu fünfzig stehe, sagt der Trainer.

Zum anderen kritisiert er die Politik. "Es kann nicht sein, dass man diesen Menschen zwar schon bei der Einreise sagt, dass sie eigentlich nicht bleiben dürfen. Sie dann aber trotzdem fünf Jahre hier wohnen lässt, ihnen somit Hoffnung macht und sie dann abschiebt." Friese fallen sofort die Namen von zwei weiteren Jungs aus seiner Mannschaft ein, denen letzteres bevorstehen werde. Auch haben sich in den vergangenen Tagen viele Vereine bei ihm gemeldet. "Alle sagen: Wir kennen das."

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