Corona und die Psyche: "Man muss auch mal Stopp sagen können"

Furcht vor einer Infektion, Existenzangst, Einsamkeit. Die Corona-Pandemie schlägt sich in vielerlei Weise auf die Psyche nieder – meist negativ. Welche Spuren das hinterlässt und wie Sie sich davor schützen können: Experten antworten.

Mit den Kontaktbeschränkungen der Corona-Pandemie nehmen psychische Erkrankungen bis hin zur Depression zu. Es gibt aber auch Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Das Jahr 2020 ist ein Jahr wie keines zuvor. Die Corona-Pandemie hat ungeahnte Veränderungen bewirkt, allzu oft ist von "neuer Normalität" die Rede. Derart tiefgreifende Neuerungen belasten die Psyche und können Angst machen. Sind Psychotherapeuten und psychiatrische Kliniken gefragter? Was löst soziale Isolation in uns aus? Und wie schaffe ich es in der Krise kühlen Kopf zu bewahren? Fragen und Antworten zu den psychologischen Auswirkungen der Pandemie.

Sind psychiatrische Dienste und Einrichtungen gefragter als vor der Pandemie?

Zwar liegen hier noch keine Daten vor, die das zweifelsfrei belegen, dennoch sprechen einige Indizien dafür. "Die Nachfrage bei uns war schon vor der Pandemie sehr hoch", sagt etwa Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der bayerischen Psychotherapeutenkammer. "Zuletzt ist aber schon spürbar, dass wir zusätzlich weitere Anfragen bekommen." Ähnliches gibt es aus dem Bezirksklinikum Wöllershof zu berichten. "Es wenden sich immer wieder Patienten an uns, die durch die Folgen der Pandemie, etwa aufgrund existenzieller Ängste oder psychosozialer Probleme unsere Hilfe aufsuchen", bestätigt der Ärztliche Direktor Dr. Markus Wittmann. Auch am Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden sind die Anmeldezahlen gestiegen. "Kinder sind im Schnitt stärker belastet als zuvor", sagt Chefarzt Christian Rexroth.

Welche Folgen hat die Pandemie für die Psyche?

Hier gibt es ein ganzes Bündel von Faktoren, die sich gegenseitig verstärken können. Einerseits die Angst vor einer Ansteckung, aber auch die Folgen längerer Einsamkeit. Dazu kann Existenzangst für Unternehmer aber auch Arbeitnehmer kommen. Es sei eine Belastungssituation, die die meisten in hohem Maße betreffe, sagt Melcop. "Angststörungen, Depressionen oder Suchtmittelkonsum werden dadurch häufiger." Menschliche Kontakte seien für das Wohlbefinden sehr wertvoll, "wenn sie wegbrechen, führt das in der Regel zu einer Verschlechterung unserer psychischen Verfassung." Wittmann rät, bei ersten Beschwerden zeitig einen Hausarzt aufzusuchen.

Verstärkt der Teil-Lockdown im November die psychische Belastung noch einmal?

Auch wenn sich dies zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht abschließend beantworten lässt, hält Melcop einen solchen Effekt für vorstellbar. "Im Frühjahr haben wir eine Art Schock-Reaktion erlebt, als die Pandemie erstmals in unser Bewusstsein gedrungen ist. Eine gewisse Anspannung ist den Sommer über geblieben", erklärt er. Nun sei es gut möglich, dass die erneute Verschlimmerung der Lage von einigen als noch belastender wahrgenommen würde.

Kommentar zu den psychischen Folgen der Pandemie

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Wie kann ich psychischen Schäden durch die Pandemie entgegenwirken?

"Man sollte unbedingt auf sich selbst achten, Kontakte aktiv pflegen, auch virtuell", rät Melcop. Er empfiehlt, sich ganz bewusst angenehmen Tätigkeiten hinzugeben, gutes Essen, viel Bewegung "und Vorsicht vor Suchtmitteln". Man solle sich nicht von der Pandemie bestimmen lassen. "Es ist zwar wichtig, gut informiert zu sein, man muss aber auch mal Stopp sagen können und sich ablenken." Wittmann verweist auch auf die digitalen Möglichkeiten, in Kontakt zu bleiben. "Natürlich kann das den persönlichen Kontakt nicht ersetzen", sagt er, "durch die vorhandenen Alternativen kann man aber zumindest teilweise Isolationsgefühlen entgegensteuern."

Gibt es auch Menschen, die psychologisch von der Pandemie profitieren?

Ja. "Es gibt auch Menschen, die die Zeit momentan als Erleichterung erleben. Gerade in ländlicheren Gegenden entdeckten viele das Landleben und die Natur neu", sagt Melcop. Rexroth sieht das ähnlich, verweist aber auf die sozialen Unterschiede: So hätten gerade Familien aus ökonomisch besser gestellten und bildungsnahen Verhältnissen die viele Zeit zusammen vielleicht sogar als wertvoll erlebt.

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