In der Coronakrise: Lkw-Fahrer vor versperrten Klos

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Viele Autohöfe mussten wegen des Coronavirus schließen - manchmal wird den Lkw-Fahrern selbst der Gang zu sanitären Anlagen verwehrt. Dafür kündigen Rastanlagen-Ketten an, Lebensmittel an Fernfahrer günstiger abzugeben.

Bedingter freier Warenverkehr Autobahn D8 bei Petrovice: Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus schließt Tschechien seine Grenzen weitgehend für Ausländer aus mehreren europäischen Ländern.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Auf den Raststätten von Tank & Rast bekommt man für die üblichen Schweinepreise noch das meiste", sagt der Regensburger Lkw-Fahrer Harald Göpel, "auf vielen Autohöfen geht gar nichts mehr." Selbst der Gang zu sanitären Anlagen oder auf die Dixi-Klos der Verlader würden oft verwehrt. "Was schon zuvor oft Alltag war, ist jetzt verschärft."

"Es gibt von der Seite des Gesundheitsministeriums eine Positivliste, welche Geschäfte warum offen sein dürfen", erklärt Ulrich Pfaffenberger, Sprecher des Landesverbands Bayerischer Spediteure (LBS). "Leider wurden Autohöfe nicht aufgenommen." Ein alter Streit, holt der LBS-Sprecher weiter aus: "Tank und Rast wird als großer Moloch wahrgenommen, da wird offenkundig mit zweierlei Maß gemessen."

Billiger Applaus

Es ist wie der billige Applaus für das Pflegepersonal: In Sonntagsreden werden die Fahrer neuerdings als Helden gefeiert, weil sie die Versorgungskette in Zeiten des Kontaktverbotes sichern. Im wirklichen Leben stehen sie vor verschlossen Toiletten und Duschen, die Brotzeit muss oft rund um die Uhr reichen. Immerhin hisst Sanifair inzwischen die weiße Flagge: "Ab sofort sind die Sanitäranlagen an allen geöffneten Betrieben (z.B. Kompaktanlagen, Tankstellen) frei zugänglich. Das gilt auch für die Fernfahrerduschen." Auch die ersten Rastanlagen-Ketten kündigten an, Lebensmittel günstiger an Brummifahrer abzugeben und Sanitäranlagen kostenlos nutzen zu lassen.

Spediteurin aus Störnstein will mehr Wertschätzung für Lkw-Fahrer

Störnstein

Um die Versorgungskorridore zu sichern haben die Verkehrsminister der EU-Mitgliedstaaten Leitlinien für ein Grenzmanagement gebilligt. Dennoch ist der freie Warenverkehr in Corona-Zeiten eingeschränkt: "Am Stau führt kein Weg vorbei", sagt Pfaffenberger, "unsere wichtigste Forderung ist, möglichst schnell eine Greenlane zu schaffen." Für die Fahrer sei es zum Haare raufen, wenn sie stundenlang stehen, weil fünf Pkw aufwendig kontrolliert würden. Um Krisenszenarien vorzubeugen, hatte die EU mit dem Mobiltätspackage 1 bereits die Lockerung der Kabotage durchgewunken, um genügend Frachtraum vorzuhalten.

Hoffen auf tschechische Fahrer

Doch würden die osteuropäischen Fahrer derzeit überhaupt zur Verfügung stehen? "Es wird viel dafür getan, dass tschechische Fahrer von der Quarantäne ausgenommen werden", sagt Pfaffenberger, "in Polen ist man sich intern nicht ganz einig, aber im Moment können sie noch ohne Quarantäne heim." Auch eine Lockerung der Lenk- und Ruhezeiten, unter anderen Umständen aus Sicht der übrigen Verkehrsteilnehmer der Schrecken der Autobahn, wurde genauso abgenickt wie ein Sonntagsfahrverbot gekippt: "Das gilt bundesweit für alle Fahrten, die der Versorgung dienen - also auch trockene Ware wie Klopapier oder Tierfutter.

Ein Gerücht sei es dagegen, dass Lkw-Fahrer die Info bekommen hätten, die Geschwindigkeit würde nicht mehr geprüft, um die Versorgung aufrecht zu erhalten: "Es wird vielleicht nicht mehr der in der Schärfe kontrolliert", kann sich der Sprecher vorstellen, "aber offiziell gibt es dazu natürlich keine Infos." Mittelfristige wagt Pfaffenberger keine Prognosen: "Das ist ein kybernetisches System mit extrem vielen Abhängigkeiten", erklärt der LBS-Sprecher, "wenn BMW in Dingolfing zumacht, passiert weder auf Einnahme- noch auf Ausgabeseite etwas."

Kurzarbeit auch bei Speditionen

Die Wirtschaft steht in vielen Bereichen still - was bedeutet das insgesamt für die Speditionen? "Wir haben die gleichen Anfragen wegen Kurzarbeitszeit, wie andere Branchen auch", sagt Pfaffenberger. "Es gibt allerdings noch einige internationale Lieferketten, die weiter bestehen." Besonders schwer hätten es in diesen Zeiten Spezialunternehmen, die etwa flüssiges Aluminium transportieren: "Die können schlecht Dünger in ihre Tanks füllen."

Auch Möbelspediteure haben es schwer: "Kunden müssen nachweisen, dass ein Umzug bereits vorher beantragt wurde." Dabei näherten wir uns dem 31. März, "Der klassische Quartalstermin für Umzüge und Arbeitsplatzwechsel." Dazu komme, dass Vorbesichtigungen von Wohnungen derzeit entfallen: "Es gibt zwar digitale Lösungen, aber die hat nicht jeder." Internationale Umzüge seien kaum zu managen. "Lokal ist es wichtig, sich von den Behörden die notwendigen Genehmigungen geben zu lassen."

Innenminister Herrmann zu Besuch in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

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Der Verkehrsminister hilft

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat zugesagt, die Situation von Lkw-Fahrern in der Corona-Krise zu verbessern. „Ich akzeptiere nicht, dass die Brummi-Fahrer schlecht behandelt werden. Sie müssen immer die Möglichkeit haben, sich die Hände zu waschen“, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Daher habe er gemeinsam mit der Logistikwirtschaft eine Initiative gestartet. „Wir wollen Wasch- und WC-Container da aufstellen, wo sie besonders benötigt werden, aber zurzeit keine Waschgelegenheiten vorhanden sind.“ Scheuer hofft damit, einen Streik abwenden zu können. (jrh)

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