27.03.2020 - 16:10 Uhr
StörnsteinOberpfalz

Helden der Coronakrise: Unterschätzte Lkw-Fahrer

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Das Coronavirus legt das alltägliche Leben lahm. Damit die Menschen weiter einkaufen können, rollt der Güterverkehr auf den Straßen weiter. Eine Spediteurin aus Störnstein beklagt, dass Lkw-Fahrern keine Wertschätzung entgegengebracht wird.

Michl Fiedler (39) ist einer von 17 Fahrern bei der Spedition Schmid in Störnstein. Er sorgt dafür, dass auch während der Coronakrise die Produkte in den Supermärkten nicht ausgehen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

In Krisenzeiten wird deutlich, auf welche Berufe die Gesellschaft nicht verzichten kann. Die Menschen applaudieren Ärzten und Pflegern. Kassierer an der Kasse im Supermarkt zeigen, dass nicht alle Helden Capes tragen. Es wird fleißig diskutiert, wer "systemrelevant" ist. All diese Personen leisten hervorragende Arbeit, ist sich Corina Greiner-Schmid von der Spedition Schmid aus Störnstein sicher. Eine Berufsgruppe wird ihr zufolge dabei aber immer übergangen. LKW-Fahrer, Spediteure und Disponenten. "Würde einen Tag kein Lkw mehr rollen, dann stünde die Welt innerhalb von 24 Stunden still. Dann wäre die Katastrophe perfekt", sagt sie. Von einer Wertschätzung den Fahrern gegenüber merkt sie allerdings auch jetzt nichts. "Ich habe den Eindruck, die Menschheit weiß gar nicht, wie wertvoll die Fahrer sind", beklagt sie. Ohne Lkws wären die Supermarkt-Regale leer: keine Nudeln und – derzeit der Kassenschlager – auch kein Klopapier. Laut Greiner-Schmid werden die Fahrer dennoch schlecht behandelt, teils sogar beschimpft, weil sie beispielsweise weiterhin nach Italien fahren müssen. "Wir haben einen Mitarbeiter, der sich in einer Pause mit dem Wasser aus einem Kanister die Hände gewaschen hat. Da kamen Leute auf ihn zu, haben gesagt, er solle weiterfahren, weil er eine Seuchengefahr darstellt", sagt sie über einen Fahrer, der keine andere Möglichkeit hatte, sich die Hände zu waschen.

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Kein Zuckerschlecken

Dabei seien die Fahrer in ihrem Beruf oft extremen Belastungen ausgesetzt. "Beim Be- und Entladen dürfen unsere Mitarbeiter oft die örtlichen sanitären Anlagen nicht mehr benutzen", sagt sie. Manche Firmen würden anstelle davon Dixi-Klos im Freien aufstellen. Weil diese aber von allen Fahrern benutzt würden, sei die hygienische Situation dort katastrophal. "Das sind genauso Menschen wie alle anderen auch, die eine saubere Toilette brauchen und duschen wollen, die sich Hygiene wünschen", sagt sie. Die Verhältnisse an vielen Raststätten seien auch nicht besser. Greiner-Schmid wünscht sich mehr Anerkennung für den gesamten Berufsstand. "Ein kleines Dankeschön würde schon viel bringen und vielen ein Lächeln ins Gesicht zaubern." Stattdessen aber blieben die Fernfahrer immer "die bösen Lkw-Fahrer". Wenn sie gesetzlich vorgeschriebene Pausen einlegen müssten, rufe das bei Menschen oft nur Verständnislosigkeit hervor. "Die Fahrer müssen auch schlafen und brauchen eine Pause. Wenn sie dann notgedrungen irgendwo halten, rufen die Leute die Polizei und die vertreibt sie dann wieder", beklagt Greiner-Schmid. Müsse ein Sattelschlepper-Führer auf dem Standstreifen der Autobahn stehen bleiben, tue er das nicht aus Jux und Tollerei, sondern habe keine andere Wahl. "Das muss doch nachvollziehbar sein, wenn jemand stehen bleibt, weil er nicht mehr kann. Täglich ab 16 Uhr sei es fast unmöglich, noch einen Stellplatz für einen Lkw zu finden. "Das ist kein Job, bei dem man um sieben ins Büro fährt", fügt Greiner-Schmid hinzu. Um die Be- und Entladezeiten einhalten zu können, müssten ihre Mitarbeiter teils schon um zwei oder drei Uhr nachts losfahren. Durch die Staus an den Grenzen seit der Coronakrise habe sich die Lage sogar noch verschärft. Immer die Zeit im Nacken sind die Fahrer dem ständigen Druck ausgesetzt, rechtzeitig von Firma zu Firma zu kommen.

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Mehr Respekt zollen

Derzeit hat Greiner-Schmids Unternehmen 17 Fahrer. Diejenigen, die aus Tschechien kommen, blieben momentan wegen der schwierigen Verhältnisse an den Grenzen durchgehend auf dem Firmengelände. "Die sehen ihre Frauen und Kinder jetzt teilweise zwei Wochen nicht", ist Greiner-Schmid empört. Alle Fahrer würden von der Ungewissheit im Führerhaus geplagt, ob sie bei der nächsten Fahrt ins Ausland überhaupt wieder nach Hause kommen können. Greiner-Schmid wünscht sich von der EU eine Sonderregelung für Berufskraftfahrer. "Trotz all dem haben wir sehr treue Mitarbeiter, die auch in dieser schweren Zeit zu uns halten. Sie kommen morgens lächelnd ins Büro und sind immer sehr gut gelaunt", lobt sie.

In die Raststätten an der Autobahn gingen die Fahrer derzeit wegen der Ansteckungsgefahr sowieso so gut wie gar nicht. "Die kaufen einmal in der Woche ein", erklärt Greiner-Schmid. Mit einem einfachen Gaskocher machen sie sich etwas zu Essen. Jenseits der Entbehrungen des alltäglichen Lebens auf der Straße würden ihre Mitarbeiter oft sogar mehr leisten, als sie eigentlich müssten. "Die Fahrer müssen manchmal auch noch ihre Fahrzeuge selbst entladen, obwohl das gar nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt." Das liege unter anderem daran, dass große Discounter-Ketten immer mehr Personal an den Laderampen einsparen und Verbraucher ihre Produkte so billig wie möglich kaufen wollten. "Ich wünsche mir, dass den Menschen in unserer Branche mehr Respekt gezollt wird", sagt Greiner-Schmid. Das hänge nicht nur mit der Coronakrise zusammen. "Es braucht einfach mal ein ,Vergelt’s Gott' an diese Helden draußen auf der Straße."

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