Empörung über „Lügen“ zu Einsätzen von Hubschrauber Christoph 80

Die Vorwürfe schwelen seit Jahren: Die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz (ILS) würde den Rettungshubschrauber Christoph 80 zu oft einsetzen, Neustadts Landrat Andreas Meier soll gar privat mitgeflogen sein. Landrat und ILS halten dagegen.

Zum 1. April rüstet die DRF Luftrettung am Standort Weiden-Latsch auf: Ein Hubschrauber des Typs H145 bietet mehr Platz für die Patientenversorgung.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Kritik an der ILS und dem Landrat ist massiv: "Wir erheben schwere Vorwürfe gegen Landrat Andreas Meier, der zugleich Vorsitzender des Rettungszweckverbandes ist," steht in einem Kompendium, das dem Recherchenetzwerk Correctiv zugespielt wurde. Meier habe nach Meinung der Verfasser den in Weiden stationierten Rettungshubschrauber Christoph 80 für private Zwecke missbraucht.

"Großer Fan von Christoph 80"

"Er setzt in seiner Eigenschaft als Rettungszweckverbandsvorsitzender und großer Fan von Christoph 80 zusammen mit den Mitarbeitern der Integrierten Leitstelle (ILS) alles daran, dass die Einsatzzahlen des Rettungshubschraubers stimmen und dieser so oft wie möglich eingesetzt wird," behaupten die Verfasser, die anonym bleiben wollen. Notärzte vor Ort würden teilweise nicht oder zu spät alarmiert. "Diese Einsatzstrategie hat schon zu bedrohlichen Situationen geführt und kann in Zukunft im schlimmsten Fall Menschenleben kosten."

Landrat: Lügenkampagne seit vier Jahren

Landrat Andreas Meier kennt die Vorwürfe: „Es wurde staatsanwaltschaftlich festgestellt, dass sie haltlos sind. Diese Lügen sind Teil einer Schmutzkampagne, die sich seit über vier Jahren mit zahlreichen Versuchen hinzieht, mir anonym massiv persönlich zu schaden.“

Die Gerüchte basierten auf Facebook-Posts von Starts und Landungen, bei denen er nicht mitgeflogen sei. „Es ist paradox, Einsätze eines Rettungshubschraubers in Misskredit zu bringen, die uns im ländlichen Raum helfen, Patienten schnellstmöglich in Kliniken zu bringen.“

Kommentar zur Aufregung bereits vor der Veröffentlichung des Artikels

Weiden in der Oberpfalz

"Auf unser Anraten mitgeflogen"

Unterstützung erhält Meier vom Einsatzchef der Leitstelle in Weiden, Jürgen Meyer: "Der Landrat ist auf unser Anraten zweimal mitgeflogen, um sich ein Bild von unserer Arbeit zu machen." Meier sei bei zwei Einsätzen in in Weiherhammer und Wernberg-Köblitz dabei gewesen. "Dass der Hubschrauber im Wohnort des Landrats gegenüber dem Netto-Markt gelandet ist, war Zufall und hat zu den Gerüchten beigetragen."

ILS-Geschäftsführer Alfred Rast betont: "Die beiden Flüge fanden im dienstlichen Auftrag statt, es wurde kein einziger Liter Sprit zusätzlich verbraucht - die Begleitung ist nur bei realen Einsätzen möglich."

"Doppelalarmierungen unverständlich"

Sehr ernst nehmen die ILS-Verantwortlichen die Kritik, der Hubschrauber sei ohne Notwendigkeit zu Einsätzen geflogen. Von den im Kompendium der Kritiker aufgeführten Notärzten, die als Zeugen benannt sind, reagierte nur Werner Duschner auf Anfrage: "Für mich sind vor allem Doppelalarmierungen unverständlich", sagt der Waidhausener Facharzt. "Der Transport eines Patienten von Vohenstrauß nach Weiden geht mit dem Wagen schneller als mit dem Hubschrauber." Nach der Versorgung durch einen bodengebundenen Notarzt könne man immer noch die Flugrettung alarmieren.

Kritisch sieht Duschner, dass das nicht ärztliche Personal von der Leitstelle gestellt werde: "Das ist bundesweit einmalig - sie schauen, dass es viele Einsätze gibt." Der Arzt betrachtet die ILS als Wirtschaftsunternehmen: "Das muss sich rentieren wie das Klinikum." Fakt sei, dass ein Hubschrauber wesentlich mehr Kosten verursache als ein bodengebundener Einsatz. "Bei schweren Unfällen ist das sinnvoll, nicht aber bei jedem Fahrradsturz."

Butter vom Brot der Notärzte?

Dr. Gudrun Graf, die medizinische Leitung der ILS, habe die Rettungshubschrauber-Stationierung am Flugplatz Latsch zunächst auch skeptisch betrachtet: "Wir Notärzte dachten zu Beginn, die nehmen uns die Butter vom Brot." Je mehr sie sich mit der Materie beschäftigt habe, desto weniger hätten sich ihre Vorurteile bestätigt: "Das war ein Lernprozess, es wird immer der Notarzt alarmiert, der am schnellsten am Unglücksort ist - da gibt es überhaupt kein Gemauschel."

Es gebe klare Leitlinien für den Notarzteinsatz. Als erste Leitstelle habe man die Vier-Felder-Tafel des bayerischen Rettungsdienstes übernommen: "Darin werden die Prioritäten festgelegt, an denen wir uns orientieren", erklärt Graf. "Wir alarmieren nicht nach Gefühl, sondern nach Notwendigkeit." Der Teufel stecke aber auch hier im Detail, erklärt Jürgen Meyer in der ILS-Einsatzzentrale, in der vor Großbildschirmen sechs Mitarbeiter konzentriert die aktuelle Gefahren- und Wetterlage verfolgen und Anrufe entgegennehmen.

Panische Mutter am Telefon

"Alles steht und fällt mit der Qualität der Informationen, die uns die Anrufer geben", sagt Schichtleiterin Sarah Müller. "Wenn eine Mutter ein bewusstloses Kind findet, steht die unter enormem Stress", schildert sie ein Beispiel von vergangener Woche, "sie schreit, man versucht sie zu beruhigen, und dennoch bekommt man kaum einen vernünftigen Satz aus ihr heraus."

Da alarmiere man im Zweifel lieber einen Notarzt, denn der Disponent ist auch rechtlich für mögliche Fehler verantwortlich. "Das Land Berlin musste nach einem BGH-Urteil 500.000 Euro Schadenersatz bezahlen", erläutert Rast, "weil das Gericht den Disponenten verantwortlich für Folgeschäden eines Patienten machte."

Jeden Tag 200 Einsätze

Jeden Tag nähmen die hochqualifizierten Notfallsanitäter 350 bis 400 Telefonate entgegen, müssten rund 200 Ereignisse für Feuerwehr und Rettungsdienste richtig einschätzen und deren Einsätze koordinieren. Ein Knochenjob: "Jeder Anruf ist anders, einer bleibt cool, der andere schafft es nicht einmal, den Standort durchzugeben", sagt Müller.

Innerhalb von 90 Sekunden müsse der Disponent eine Entscheidung treffen: "Wenn er den bodengestützten Notarzt nicht erreicht, hat er nicht die Zeit, nachzuforschen, ob der gerade eine Kaffeepause macht", ergänzt Meyer. Seit 15 Jahren betreibe man ein Qualitätsmanagement: "In den vergangenen zwei Jahren gab es keine einzige Beschwerde zur Notarztalarmierung, weil etwas schiefgelaufen wäre", sagt Meyer.

Wirtschaftliche Interessen abwegig

Den Vorwurf, wirtschaftliche Interessen stünden hinter den Hubschrauber-Einsätzen, hält Rast für abwegig: "Die Leitstelle bekommt kein Geld nach Einsatz oder Flügen." Im vergangenen Jahr habe es 8000 Notarzteinsätze im Verantwortungsbereich der ILS gegeben, davon 600 mit dem Hubschrauber: "60 Prozent der Flüge waren auf unserem Gebiet, 40 Prozent auf Anforderung von Hof, Amberg oder Regensburg."

Die Finanzierung werde über die Zentrale Abrechnungsstelle für den Rettungsdienst in Bayern gesteuert: "Strukturschwache Gebiete werden von starken Einsatzorten mitfinanziert", sagt Rast. "Die Kosten dürfen bei der Rettung keine Rolle spielen, nur medizinische Gründe."

Integrierte Leitstelle wartet mit Warn-App Nina auf

Tirschenreuth
Info:

Daten zur Integrierten Leitstelle Nordoberpfalz (ILS)

  • Die Integrierte Leitstelle Nordoberpfalz alarmiert die Rettungsdienste und begleitet sie mit Informationen, bis Hilfe vor Ort eintrifft.
  • 54 Mitarbeiter arbeiten 24 Stunden rund um die Uhr im Schichtdienst in der Weidener Einsatzzentrale.
  • Die Landkreise Neustadt/Waldnaab, Tirschenreuth und die kreisfreie Stadt Weiden verantworten gemeinsam den Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung.
  • Während der Corona-Pandemie ist die Einsatzhäufigkeit massiv gestiegen. Covid-Patienten werden allerdings nur bei Lebensgefahr mit dem Rettungshubschrauber geflogen.
  • Im vergangenen Jahr gab es 8000 Notarzteinsätze im Verantwortungsbereich der ILS, davon 600 mit dem Hubschrauber.
  • 60 Prozent der Flüge fanden auf eigenem Gebiet statt, 40 Prozent auf Anforderung von Hof, Amberg oder Regensburg.
  • Zum 1. April stellt die DRF Luftrettung auf den derzeit modernsten in der Luftrettung eingesetzten Hubschrauber des Typs H145 um.
  • Alle Flugdaten werden den Piloten auf großformatigen Displays angezeigt, ein Autopilot kann die Steuerfunktionen automatisch übernehmen. Das neue Innenraumkonzept bietet mehr Platz für die Patientenversorgung. Ein Wetterradar zeigt schnell wechselnde Wetterlagen frühzeitig an.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.