Gebirgsjäger in Grafenwöhr: "Ringkampf" entgleist

Im April 2018 trainieren Gebirgsjäger in Grafenwöhr. Bei einer Feier entgleist ein "Ringkampf". Am Ende sitzt ein ranghöherer Oberleutnant auf einem Stabsunteroffizier und holt zu Schlägen aus. Der Vorfall hat ein Nachspiel vor Gericht.

Die Gebirgstruppen – hier beim Training in den Alpen – sind harte Jungs, in positivem Sinne. Eine negative Entgleisung leistete sich 2018 ein Oberleutnant bei einer Feier auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Es sind zwei kräftige Kerle, die am Mittwoch vor Richter Dennis Herzog Platz nehmen. Viel Testosteron, viel Alkohol: Für Herzog waren es "einfach zwei junge Soldaten, die zu viel getrunken hatten und mal zeigen wollten, wer der Stärkere ist". 

Das Gericht ist chancenlos, den Vorfall im Detail aufzuklären. Jeder hat andere Erinnerungen. Der Angeklagte spricht von einem "sportlichen Event", einem "ausgemachten Kräftemessen". Die Schläge seien nur angedeutet gewesen, "wie wenn man mit einem kleinen Hund spielt". Der Geschädigte sagt hingegen: "Er hat ordentlich durchgezogen." Es sei ein Ringkampf vereinbart gewesen. "Soweit kam es gar nicht: Wir hatten noch gar nicht richtig angefangen, da lag ich schon am Boden. Er saß auf meinem Brustkorb, hatte meine Arme und Beine mit den Knien fixiert und fing an, auf mich einzuprügeln."

Fest steht: Nach einer Übungswoche war an dem Freitagabend im April 2018 in Betreuungszelten im "Camp Normandy" gefeiert worden. Beide Beteiligte kommen je auf sechs bis acht Halbe, die sie im Laufe der Nacht getrunken hätten. Der Geschädigte war zuständig für die Bewirtschaftung des Betreuungszeltes der Füssener Kompanie. Der Angeklagte gehört der Schwesterkompanie aus Bad Reichenhall an und begleitete den Kommandeur und einen Stabsfeldwebel beim Rundgang durch die Zelte. "Es ist üblich, dass sich der Kommandeur bei allen Kompanien blicken lässt", erklärt er.

Irgendwann zwischen 1.30 und 3 Uhr war Endstation im Füssener Zelt. Dort kam es zum "Ringkampf". Der Auslöser? Der Angeklagte sagt, man habe sich über Kampfsport unterhalten "und dass ich das mal an der Uni gemacht habe". Auf Nachfrage spricht er von "ein Paar Trainingseinheiten Mixed Martial Arts".

Der Geschädigte sagt dagegen, man habe Feierabend machen wollen und das habe dem Oberleutnant "nicht gepasst": "Da habe ich gesagt: Dann ring' ma halt." Sei's drum, jedenfalls wurden Tische und Stühle beiseite geräumt. Der Angeklagte legte Armbanduhr und Jacke ab. In der ersten Runde schleuderte er den Stabsunteroffizier in Sekundenschnelle zu Boden. In einer "zweiten Runde" legte er ihn wieder ruckzuck aufs Kreuz. Ernsthafte Schläge bestreitet er. Er habe dem anderen "Tricks" und "Würfe" zeigen wollen.

Auf Damentoilette erwacht

Jedenfalls wachte der unterlegene Kontrahent am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen auf - auf der Toilette der Damenbaracke, geweckt von einer Kollegin. Im Krankenhaus attestierte der Arzt eine Gehirnerschütterung und Schulterprellung. Verletzungen im Gesicht sind nicht dokumentiert. Ein böses Erwachen gab es auch für den Oberleutnant: Er wurde vom Füssener "Spieß" zur Rede gestellt, weil er dessen Stabsunteroffiziere "verprügele". Die "wildesten Sachen" seien erzählt worden. "Mein Ruf in diesem Bataillon ist erledigt."

In einem Wehrdisziplinarverfahren ist der 26-Jährige bereits zur Zahlung von 700 Euro "verurteilt" worden. Strafrechtlich kommt jetzt noch einmal eine Geldauflage dazu. Unter Zustimmung von Staatsanwalt, Verteidigung und Nebenklage stellt Richter Herzog das Verfahren ein - gegen die Zahlung von 2000 Euro Schmerzensgeld an den Geschädigten. Der "Satisfaktion", so Nebenklagevertreter Gerd Fuchsluger, scheint damit Genüge getan. Nach Ende der Verhandlung kommt es zu einer kameradschaftlichen Umarmung der beiden Zeitsoldaten.

Hintergrund:

Befremden über Bundeswehr

In einem Wehrdisziplinarverfahren hat der Oberleutnant bereits eine Buße von 700 Euro aufgebrummt bekommen. Dass er jetzt auch noch vor dem Richter landete, hat er einer Wehrdisziplinaranwältin der Bundeswehr zu „verdanken“, die mit einer Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage im Vorfeld nicht einverstanden war. Laut Nebenklagevertreter Anwalt Gerd Fuchsluger stehe dahinter der Militärische Abschirmdienst: „Das deutet daraufhin, dass das Militär abwartet, was die Justiz macht.“ 

Wie der Allgäuer Anwalt betont, sei der Vorfall ein „Riesenproblem“ bei der Truppe: „Große Teile dieses Bataillons wüssten gerne den Ausgang dieses Verfahrens.“ Es gehe immerhin darum, „dass hier ein Vorgesetzter einen Untergebenen malträtierte“. Verteidiger Berthold Yahya bringt ins Spiel, dass sich laut Wehrstrafgesetz auch strafbar mache, wer die Misshandlung eines Untergebenen dulde: „Hier waren Vorgesetzte anwesend, bis ganz hoch.“ 

Richter Herzog macht aus seinem Befremden über den Ablauf keinen Hehl: „Wenn das alles so ein großes Problem ist, frage ich mich schon, warum die ganzen Umstehenden absolut nicht behelligt werden.“ Die Justiz könne nicht Ungereimtheiten der Bundeswehr aufklären, der dafür ein eigener Apparat zur Verfügung stünde. Staatsanwalt Heß: „Unter einer schlagkräftigen Truppe stelle ich mir etwas anderes vor.“ (ca) 

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