Hohes C der Asylpolitik

"Eine Partei, die sich für das C im Namen entschieden hat, geht eine Verpflichtung ein", schießt der Münchener Erzbischof Reinhard Marx nicht das erste Mal gegen die CSU. Das hohe C verpflichte besonders gegenüber Armen und Schwachen also auch Flüchtlingen. Wie sehen das regionale Vertreter von Kirche und Partei?

Noch haben sie gut zu lachen: Doch die Wortwahl des Ministerpräsidentes Markus Söder (CSU, von links) gefällt Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising nur sehr bedingt.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Dass Bundesinnenminister Seehofer seinen 69. Geburtstag mit 69 Abschiebungen am selben Tag feierte, bezeichnet nicht nur Marx als "höchst unangemessen". Der Weidener Dekan Wenrich Slenczkafühlt sich davon persönlich betroffen - betreute er doch einen der 69 Afghanen und begleitete dessen Übertritt zum christlichen Glauben (wir berichteten). "Wenn Seehofer sagt, es gehe darum, Gefährder und Straftäter abzuschieben, fallen alle unter diese Pauschalisierung."

Der Pfarrer von St. Michael befürchtet, dass in der aufgeheizten Atmosphäre das individuelle Schicksal nicht mehr gewürdigt wird. Das Beispiel des 26-jährigen Afghanen aus Weiden lasse befürchten, Seehofers Aktionismus führe zu Willkür. "Der Flüchtling, den ich seit über einem Jahr kenne, hat nichts Unrechtes getan", sagt Slenczka, "dennoch wurde er wie ein Verbrecher behandelt." Man habe ihn vom Arbeitsplatz ins Gefängnis gebracht, ihm die Bibel abgenommen und ihn daran gehindert, Medikamente einzunehmen.

Völlig unverständlich sei für den Dekan, dass die Konversion des Mannes, der einer von den Taliban und dem IS unterdrückten schiitischen Minderheit angehört, von den Behörden mit einer lapidaren Begründung vom Tisch gefegt worden sei. Auch er habe anfangs Zweifel verspürt. Aber er könne das Engagement des jungen Mannes beurteilen: "Er legt einen Eifer an den Tag, den ich bei anderen so nicht kenne." Der regelmäßige Kirchenbesuch sei aber laut BamF-Entscheidung nicht aussagekräftig, er habe dort nur Leute treffen wollen. "Letztlich kann kein Mensch in das Herz eines anderen sehen", sagt der 54-Jährige. "Wir kommen an die Schwelle, an der Willkür entsteht", kritisiert Slenczka. "Wenn das politisch gewollt ist, weil man hohe Abschiebe-Zahlen will, ist das keine rechte Ordnung mehr."

Der katholische Pfarrer Manfred Striglist mit dem Thema bestens vertraut. Der Leiter der Begegnungsstätte Haus Johannisthal betreut die Aktion "Austrittstelefon". "Rund 15 Prozent der Anrufer äußern sich zu Flüchtlingen", erzählt er. "Für die einen ist die Kirche zu großzügig, für die anderen nicht großzügig genug." Auch Strigl hört sprachliche Entgleisungen mit Unbehagen. Aber der Schnaittenbacher will die Kritik nicht an der CSU allein festmachen. "Die Anforderung muss für jeden Politiker gelten", findet er, "denn Sprache wird Tat und da ist jeder gefordert."

Strigl findet, man müsse auch die Ängste der Leute ernst nehmen, und austarieren, was tatsächlich an Integration möglich sei. Dennoch entlässt er den Einzelnen nicht aus der Verantwortung: "Die Bibel und die Bergpredigt sind für Christen der Maßstab." Was du willst, dass man dir tut?, sei die Frage, mit der jeder Mensch ringen müsse. Angesichts eines nie dagewesenen Wohlstands müsse sich bei allen persönlichen Sorgen jeder hinterfragen, ob er seine Grenze nicht zu früh ziehe.

"Die CSU ist nicht ausländerfeindlich", hält Weidens Bürgermeister Lothar Höherdagegen. Der CSU-Politiker, der sich dem linken Flügel der Partei zugehörig fühlt, hält die kirchliche Kritik für überzogen. "Marx kritisiert uns als nationalistisch", sagt er kopfschüttelnd und erinnert an die weltoffene Tradition seiner Christsozialen: "Der Ochsen Sepp war Widerstandskämpfer, Strauß ein großer Europäer." Was hätte Seehofer denn bisher Schlimmes angestellt, außer sich im Ton zu vergreifen? "Wir ändern weder das Asylrecht, noch machen wir die Grenze zu."

Höher befürchtet, dass solche Debatten die gesellschaftliche Spaltung weiter vertiefe. "Es fehlt die Mitte", sagt Höher, "zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber." Mit Blick auf die Erosion der bürgerlichen Parteien betont der Politiker die strategische Aufgabe der Union, rechtskonservative Wähler einzubinden: "Wenn das den Volksparteien nicht gelingt, habe ich Angst um Europa, das größte Verdienst unserer Väter."





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