Kontaktlos abholen: Kann „Click & Collect" den Einzelhandel in der Region retten? Ein Erfahrungsbericht

Der Lockdown setzt dem Einzelhandel zu, erste Händler schließen bereits. Seit 11. Januar gibt es einen Lichtblick: "Click & Collect" ist erlaubt. Wie wird die Möglichkeit zur Abholung angenommen? Lohnt sich das finanziell für die Händler?

Dagmar Müller (links) Inhaberin vom Modezentrum Müller in Weiden übergibt bestellte Ware an eine Kundin. Trotz Freude über die neue Verkaufsmöglichkeit, sei "Click & Collect" nur "ein Tropfen auf den heißen Stein".
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Wenn Dagmar Müller vom Modezentrum Müller in Weiden die schwarzen Socken für einen ihrer Stammkunden bestellt, fühlt sich das Tagesgeschäft fast ein wenig wie früher an. Aber nur fast: Denn Kunden, die zwischen Regalen stöbern und im Laden nach der richtigen Größe suchen, sind wegen des Lockdowns nicht möglich – die Ladentüren bleiben seit Dezember geschlossen. Der Stillstand bedroht so langsam viele Existenzen. Seit Montag, 11. Januar, gibt es einen Lichtblick: Die Regierung in Bayern erlaubt den Händlern "Click & Collect" anzubieten.

Das steckt hinter dem Begriff

Oder "Call & Collect" wie es zum Beispiel beim Modezentrum von Dagmar Müller heißt. Die Inhaberin erklärt: "Die Leute können uns anrufen und wir stellen die Ware dann zur Abholung bereit. Auch Auswahlsendungen sind möglich." Die Not macht die Händler erfinderisch: Müller verschickt auch Bilder ihrer Produkte über Instagram und Whatsapp oder zeigt Ware in Echtzeit über Videochats. "Das können natürlich nur die Kunden mit Handy und Internetzugang nutzen." Viele ältere Leute wüssten oft gar nichts mit dem Begriff "Click & Collect" anzufangen. "Das zeigen die vielen Anrufe und Nachfragen bei uns."

Wer bietet Click & Collect in der Nordoberpfalz an? Nähere Infos gibt es hier

Tobias Sonna, Einzelhandelssprecher in Weiden, bestätigt, dass es noch Aufklärungsbedarf bei dem Begriff gibt. Schließlich sei die Möglichkeit zu dieser Verkaufsform eine wichtige Entscheidung für die Händler gewesen. Doch was genau steckt dahinter? Das Prinzip ist denkbar einfach: "Click & Collect" steht für eine Bestellung im Internet, die man dann vor Ort im Geschäft selbst abholt. Viele kleinere Händler haben aber gar keinen eigenen Internetshop, deshalb funktioniert das Prinzip auch übers Telefon: Anrufen, bestellen, abholen. Oder wie der Weidener Wirtschaftsförderer Fabian Liedl erklärt: "Das ist ein ganz einfacher Act – nur mit einem modernen Wort beschrieben." Liedl sieht Bedarf, mehr Information und Sensibilität zu dem Thema zu vermitteln. "Das kann man gar nicht genug bewerben."

Mehr Arbeit und weniger Umsatz

Denn das Bewusstsein für diese Art des Einkaufens sei noch nicht bei allen da, meint Tobias Sonna. "Trotzdem wird gerade die Möglichkeit zur Abholung verstärkt genutzt. Natürlich sind die Umsätze trotzdem in keinster Weise mit denen bei Normalbetrieb zu vergleichen." Auch für Dagmar Müller ist es finanziell "nur ein Tropfen auf den heißen Stein". Von sogar mehr Arbeitsaufwand berichtet Eckhard Bodner von der Buchhandlung Bodner in Pressath: "Der Arbeitsaufwand ist ungefähr doppelt so hoch wie vorher." Jeden Tag ist er zwischen 80 und 150 Kilometer unterwegs, um Bestellungen auszuliefern. Eigentlich sei gerade die ganze Palette gefragt, "von Kinderbuch bis Krimi", insbesondere auch Bestseller und Werke aus dem eigenen Verlag. "Die Abholung wird sehr gut angenommen, das funktioniert wunderbar. Es ist toll, dass diese Möglichkeit endlich erlaubt ist. Die Zeit davor war eine erhebliche Belastung." Bodner vermisse trotzdem den Kontakt mit den Kunden, einfach "Menschen, die durch die Regale stöbern".

Auch Rolf Walter vom Herrenausstatter Engelhardt & Walter in Amberg kann noch nicht sagen, ob sich das "Click & Collect"-Geschäft wirklich rentiert. Aber ihn überrascht, wie gut das Angebot von den Kunden angenommen wird: "Wenn ich ehrlich bin, war ich am Anfang etwas skeptisch. Aber ich bin positiv überrascht." Die Kunden würden sogar Outfits aus den Schaufenstern fotografieren und danach fragen. "Man merkt, die Leute haben Lust einzukaufen." Beim Herrenausstatter besonders gefragt ist aktuell Wintermode. "Was gar nicht geht, ist Business-Kleidung, Anzüge und Sakkos zum Beispiel." Trotzdem entstehen natürlich Kosten: "Man braucht die Mitarbeiter und dazu kommt häufig die Lieferung. Ob es sich finanziell lohnt, ist noch nicht klar – aber es ist gut für die Psyche."

"Not treibt Digitalisierung voran"

Gerade am Anfang hätten einige Kunden auch Hemmungen gehabt auf die Einzelhändler in dieser neuen Art und Weise zuzugehen, weiß Tobias Sonna. "Viele Leute wollten die Händler nicht noch belästigen in der jetzigen Situation." Dabei sei es keine Belästigung – im Gegenteil: "Man freut sich darüber, denn jeder Euro zählt." Außerdem könne so der Kontakt zu den Kunden gepflegt werden. Wirtschaftsförderer Fabian Liedl wünscht sich, dass sich "Click & Collect" bei lokalen Anbietern auch dauerhaft – nach Corona und dem Lockdown – etabliert.

"So schwierig die aktuelle Situation ist, vielleicht treibt die Not die Digitalisierung voran." Man dürfe großen Plattformen wie Amazon das digitale Geschäft nicht kampflos überlassen. "Oft hakt es einfach daran, dass die Leute nicht wissen, dass es möglich ist." Dabei sei das Einkaufen über digitale Wege ein wichtiger, einzelner Baustein, um lokale Probleme im Einzelhandel anzugehen. "Wir müssen das jetzt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sehen, die Innenstadt und die Gastronomie zu erhalten." Zu dem gleichen Schluss kommt auch Einzelhandelssprecher Sonna: "Jeder kann jetzt die Zukunft seiner Stadt gestalten."

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Info:

Das heißt "Click & Collect"

"Click & Collect" bedeutet wörtlich aus dem Englischen übersetzt "anklicken und einsammeln". Es steht für eine Bestellung im Internet, bei der man über Klicks auf Internetseiten seine Wunschartikel beim Händler bestellt. Dann holt man die Warte vor Ort selbst im Geschäft ab – sammelt sie sozusagen ein. "Call & Collect" steht für "anrufen und einsammeln" – über einen Anruf bestellte Ware holt man vor Ort ab.

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