18.01.2021 - 15:48 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg: Neue Leerstände nach dem Lockdown

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Wann Geschäfte wieder öffnen dürfen, ist noch unklar. Fest steht aber schon jetzt: In der Innenstadt von Amberg bleiben einige Läden auch dann noch geschlossen. Oder sie sind schon längst verschwunden.

Das war einmal die Tally-Weijl-Filiale am Marktplatz. Das Schweizer Textil-Unternehmen schließt aktuell rund 200 seiner gut 800 Läden.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Seit Mittwoch, 16. Dezember, sind die Geschäfte dicht: Wegen der Corona-Pandemie müssen alle Läden mit Ausnahme von Apotheken, Drogerien und Lebensmittelmärkten geschlossen bleiben. Auch in Amberg. Auch in der Innenstadt. Einige von ihnen werden allerdings nicht mehr öffnen. Selbst dann nicht, wenn es wieder erlaubt ist. Nach dem Lockdown wird es in der Altstadt neue Leerstände geben.

Ein Laden, der von der Bildfläche verschwinden wird, ist der von Kathrin Fischer. Unter dem Namen "Herzeigen" verkaufte die Ambergerin zunächst am Schweinchenbrunnen und später an der Georgenstraße Mode und Accessoires mit einem Schwerpunkt auf Fairtrade-Waren. "Das erste Jahr war echt in Ordnung. Es hat gepasst", sagt die Solo-Selbstständige, die ihren Laden zunächst in der Nähe des Schweinchenbrunnens am Viehmarkt eröffnet hatte. Im Februar 2020 erfolgte der Umzug an die Georgenstraße, genauer gesagt in das Seidlgaßl, das ihrem Vater Hermann Josef Seidl gehört. Dort war wegen des Rückzugs der Firma Königs-Salze kurzfristig ein Laden freigeworden.

Rund 40 Prozent weniger Umsatz

Kaum hatte Kathrin Fischer den Standort gewechselt, kam auch schon der erste Lockdown. Die Eröffnung musste auf den 15. Juni verschoben werden. "Ich war froh, dass ich endlich aufmachen durfte", erinnert sich die Unternehmerin, doch es gab ein großes Aber: "Die Umsätze brachen ein, rund 40 Prozent weniger." So ging das weiter bis zur nächsten politisch verordneten Schließung im Dezember. Aus heutiger Sicht sagt Fischer: "Mit dem erneuten Lockdown war klar, dass es das jetzt dann für mich war."

Kathrin Fischer muss ihren Laden „Herzeigen“ in der Georgenstraße schließen.

Was die Ambergerin an der Situation besonders stört? "Ich weiß nicht, woran es lag. War es die Lage, das Konzept oder doch Corona? Das würde ich wirklich gern wissen." Herausfinden wird sie es wohl nie, denn nach dem Lockdown wird es das "Herzeigen" nicht mehr geben. Von einer kurzen Ausnahme abgesehen: "Ich werde nur noch einmal öffnen. Für den Abverkauf."

Reisebüro im Wintergarten

Leer und verlassen ist dagegen bereits das ehemalige Reisebüro Augsberger im Schloderer-Innenhof an der Rathausstraße. Inhaberin Hannelore Augsberger hat die Amberger Altstadt nach 16 Jahren verlassen und ist umgezogen: "Ich habe mein Reisebüro jetzt in meinem Wintergarten zu Hause in Ursensollen." Die Folgen der Pandemie hätten sie zu diesem Schritt gezwungen. Mit dem ersten Lockdown im März vergangenen Jahres wechselte Augsberger ins Home-Office. Schon bald reifte deswegen die Entscheidung, den Standort in der Innenstadt zügig aufzugeben.

Hannelore Augsberger ist mir ihrem Reisebüro vom Schloderer-Innenhof in ihren privaten Wintergarten (links) umgezogen.

Möglich war das aufgrund eines flexiblen Mietvertrages bereits zum 1. Mai: "Mir war das Risiko wegen Corona einfach zu groß. Es wusste ja keiner, wann und wie es weitergeht. Ich will mich ja nicht über beide Ohren verschulden." Also schrieb Hannelore Augsberger alle Stammkunden an und teilte ihnen mit, dass sie fortan nicht mehr im Schloderer-Innenhof zu finden sein wird: "Ich wollte auch nicht mehr jeden Tag nach Amberg fahren, um dann im leeren Büro zu sitzen. Es ist ja keiner mehr gekommen."

Rund 200 Filialen verschwinden

Komplett von der Bildfläche verschwunden ist auch die Tally-Weijl-Filiale am Marktplatz. Das Textileinzelhandelsunternehmen mit Sitz in Basel (Schweiz) trennt sich eigenen Angaben zufolge gerade von rund 200 seiner über 800 Filialen. Die bereits in der letzten Dezember-Woche schriftlich gestellte Anfrage, welche Argumente gegen den Standort Amberg sprechen, blieb bislang aber unbeantwortet. Ebenso unklar ist zur Stunde noch, ob und wann es eine Nachfolgenutzung gibt. Unabhängig von der ehemaligen Tally-Weijl-Filiale weiß Altstadt-Kümmerin Verena Fitzgerald von der Gewerbebau: "Es gibt zurzeit Interessenten für einzelne Flächen, aber momentan warten natürlich alle erst mal ab."

"Wir nehmen jetzt verstärkt mit den Vermietern Kontakt auf, um über sinnvolle neue Nutzungskonzepte zu reden."

Altstadt-Kümmerin Verena Fitzgerald

Der Anteil des Handels in der Innenstadt werde aber sicher noch schneller sinken als bisher. Fitzgerald reagiert: "Wir nehmen jetzt verstärkt mit den Vermietern Kontakt auf, um über sinnvolle neue Nutzungskonzepte zu reden." Lokalen Händlern möchten die Wirtschaftsförderer von der Gewerbebau in der jetzigen Phase verstärkt bei ihrer Online-Präsenz helfen: "Wer hier in den vergangenen Jahren schon vorgearbeitet hat, hat aktuell einige Sorgen weniger."

Schwierige Nachfolger-Suche

Auch der Comma-Laden ist geschlossen.

Wie schwer es ist, einen Leerstand mit neuem Leben zu füllen, weiß der Besitzer des zum Jahresende geschlossenen Comma-Textil-Ladens an der Bahnhofstraße. Der Amberger, der namentlich nicht erwähnt werden möchte, sagt: "Ich will auf jeden Fall wieder jemanden drin haben." In dieser Lage, fast im Zentrum der Altstadt, wolle er aber nicht jedem x-beliebigen Interessenten den Zuschlag erteilen: "Das Sortiment muss schon auch passen." Von dem Gedanken, wie früher Zehn-Jahres-Mietverträge abschließen zu können, hat sich der Hausbesitzer verabschiedet: "Mittlerweile wäre ich froh über fünf Jahre, selbst drei wären in Ordnung." Das sei dann eben Verhandlungssache.

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Der Mann ist eigenen Aussagen zufolge bereit, die Miete zu reduzieren. Nur, um einen Leerstand zu vermeiden. Apropos: Für ihn gebe es da auch noch andere Wege. So kann er sich in dem Gebäude einen Pop-up-Laden oder eine Nutzung von Künstlern für einige Wochen gut vorstellen: "Bevor es leersteht."Er sei mit einigen Maklern in Kontakt, die bundesweit aktiv sind. Der Tenor der Gespräche: "Die großen Filialisten sind alle auf dem Rückzug oder zögern." Er sei aber zuversichtlich: "Da kommt schon was. Keine Angst." Auch vor dem Hintergrund, dass sich mittlerweile in direkter Nachbarschaft etwas tut: Die Arbeiten an den Drei Höfen im ehemaligen Kaufhaus Storg/Forum haben bekanntlich begonnen.

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Kommentar:

Leerstände sind nur die Spitze des Eisbergs

Positive Meldungen für den Handel sind aktuell Mangelware – nicht nur in der Altstadt. Das Schlimmste: Die Ladeninhaber wissen nicht, wie es weitergeht, wann sie wieder öffnen dürfen. Doch das gilt nicht nur für sie, sondern auch für die Gastronomie, Frisöre, Fitness-Studios, Tätowierer und alle anderen Branchen. Sie alle versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und leben von ihren Rücklagen. Doch die sind irgendwann aufgebraucht. Es tut verdammt weh, es so zu sagen, aber es ist so: Die Leerstände sind nur das, was man sieht. Die Spitze eines Eisbergs, von dem noch keiner genau weiß, wie gewaltig er ist.

Thomas Kosarew

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