Kriegsdienstverweigerer vor Gericht: Viel beachteter Prozess vor 50 Jahren

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Heute unvorstellbar: In den 60ern war es für junge Männer schwer, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Hanns-Rudolf Schmidt gelang es. In der Folge beriet er Kriegsdienstverweigerer. Das brachte den heute 83-Jährigen vor Gericht.

Angeklagt vor 50 Jahren und freigesprochen: Atze Schmidt, der Anfang der 60er Jahre beim Neuen Tag sein Redaktionsvolontariat absolvierte. Er lebt heute, 83 Jahre alt, in einem Dorf im Emsland.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

„Ich kann keine Leute erschießen, die ich nicht kenne.“ Mit dieser Einstellung verweigert Hanns-Rudolf Schmidt Ende der 60er Jahren den Wehrdienst. Das war damals nicht einfach. Vor dem Prüfungsausschuss scheitert er noch mangels „sittlicher Reife“. Vor der Prüfungskammer setzte sich der junge Oberpfälzer schließlich durch. In der Folge eröffnete Schmidt mit Freunden im norddeutschen Nordhorn ein privates „Beratungsbüro“ – und trat ein deutschlandweit vielbeachtetes Gerichtsverfahren los.

Schmidt ist heute 83 Jahre alt und lebt mit seiner Frau im Emsland. An den „spektakulären Prozess“ vor 50 Jahren erinnert er sich noch gut – und gern. Immerhin hatte er nach mehreren Instanzen am Oberlandesgericht Oldenburg Recht bekommen: „Und die Welt sah für Deutschlands Pazifisten wieder ein Stück freundlicher aus.“

"Am Ende sah die Welt für Deutschlands Pazifisten wieder ein Stück freundlicher aus."

Hanns-Rudolf "Atze" Schmidt

Ursprünglich ist Hanns Rudolf ("Atze") Schmidt ein Oberpfälzer. 1938 kommt er in Regensburg zur Welt, während des Kriegs ziehen die Eltern - beide Lehrer - nach Weiden. Die Familie lebt am Bahnhof. Als die benachbarte Kreisleitung bombardiert wird, wird auch das Elternhaus unbewohnbar. In Trebsau erlebt der Siebenjährige den Einmarsch der Amerikaner mit. Nicht einmal zehn Jahre später ist der Oberrealschüler einer der ersten Teilnehmer des Jugendaustauschs mit Issy-les-Moulineaux. Ein Schlüsselerlebnis: "Da habe ich gemerkt, was für liebe Menschen das sind - und meine Eltern hatten gegen sie noch Krieg geführt."

Schmidt volontiert beim "Neuen Tag". Sein Chef in den 60ern ist der legendäre Weidener Ressortleiter Walter Katzenberger: "Streng. Aber es war eine gute Zeit." Und doch will er weg. "Mich hat es zu offenen Grenzen hingezogen." Schmidt empfindet den Eisernen Vorhang als bedrückend. Er heuert in Dänemark beim "Nordschleswiger" an, der Zeitung der deutschen Minderheit. "Hauptsache offene Grenzen."

Einer der ersten Kriegsdienstverweigerer

Ende der 60er arbeitet er in Nordhorn für die "Grafschafter Nachrichten". Als einer der ersten Männer in Deutschland hat er erfolgreich den Wehrdienst verweigert. Noch immer ist es äußerst schwierig, vor den Prüfungsausschüssen zu bestehen. Noch immer wird "das Gewissen geprüft": "Wenn Sie ein mit Atombomben beladenes Flugzeug rechtzeitig abschießen könnten, bevor seine Last über einer Millionen-Stadt explodiert: Würden Sie dann schießen?"

Schmidt und seine Freunde geben die Erfahrungen mit dem Verfahren an Ratsuchende weiter. Sie eröffnen ein Beratungsbüro in der Grafschaft Bentheim. Im Fenster steht ein Stahlhelm, umfunktioniert zum Blumentopf. In den "Grafschafter Nachrichten" gibt die Gruppe ein Inserat auf: "Wir beantworten Ihre Fragen zur Kriegsdienstverweigerung." Das zieht - durchaus gewollt - polizeiliche Ermittlungen nach sich.

Nazi-Gesetz angewandt

Der Fall landet ausgerechnet bei Oberstaatsanwalt Harald Hahne. Hahne war im Dritten Reich Ermittlungsrichter am Volksgerichtshof. Er wendet das "Rechtsberatungsmissbrauchsgesetz" an, 1935 eingeführt zur Ausschaltung jüdischer Anwälte. Der Staatsanwalt verhängt 300 Mark Bußgeld. Schmidt zahlt nicht. "Ich schäme mich für diesen Staat", schreibt er dem Staatsanwalt. Im Übrigen habe er nie Geld oder Spenden angenommen. "Für den Fall, dass der Herr Oberstaatsanwalt der erste sein will", gibt Schmidt eine Kontonummer an.

Am Ende gewinnt Schmidt. Erst spricht ihn ein mutiger Amtsrichter in Osnabrück frei: Information über das Grundrecht der Kriegsdienstverweigerung sei keine Rechtsberatung. Der Staatsanwalt legt Beschwerde ein - am Ende erfolglos. In letzter Instanz bestätigt 1971 der Strafsenat des Oberlandesgerichts Oldenburg den Freispruch. "Glückwünsche kamen aus dem In- und Ausland", erinnert sich Schmidt. "Das Medienecho war gewaltig." Die Wehrpflicht und die Verweigerung derselben sind inzwischen deutsche Geschichte. Der Prozess, der seinerzeit so hohe Wellen schlug, hat seinen Platz darin gefunden. Schmidt: "Er hat immerhin bewirkt, dass 40 Jahre lang über das Verfahren zur Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer informiert werden durfte."

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Amberg
Der Fall war 1970 ein Thema im "Spiegel".

Der Artikel über Schmidt 1970 im "Spiegel"

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