OTH Amberg-Weiden mit einzigartigem Studiengang: Die neue "rechte Hand" des Arztes

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Den Assistenzarzt kennt man, vom Arztassistenten hingegen haben die wenigsten schon gehört. Dabei setzen Gesundheitsexperten große Hoffnungen in den "Physician Assistant".

Diese Studenten der OTH üben im Lehr- und Forschungs-OP der Hochschule in Weiden.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Seit Herbst 2019 gibt es den Bachelor-Studiengang "Physician Assistant" (kurz: PA, auf deutsch etwa "Arztassistent") an der OTH Amberg-Weiden. "Unser PA-Studiengang steht allen mit einer Hochschulzugangsberechtigung offen", erläutert Studiengangsleiter Professor Stefan Sesselmann: "Wir haben damit deutschlandweit ein einzigartiges Angebot geschaffen, denn wir sind die einzige staatliche Hochschule, die das Studium grundständig anbietet." Das bedeutet konkret: "Nur bei uns kann man ohne vorherige Ausbildung in einem Gesundheitsfachberuf studieren und muss keine teuren Studiengebühren zahlen." Das nämlich sei bei den wenigen privaten Hochschulen, die ebenfalls einen grundständigen Studiengang anbieten, der Fall.

Wie die englische Bezeichnung verrät, kommt das Berufsbild ursprünglich aus dem US-amerikanischen Raum. Dort und in Großbritannien sowie den Niederlanden gibt es die "Arztassistenten" bereits seit Längerem. Sie sollen in Kliniken, aber auch in der ambulanten Gesundheitsversorgung für die Entlastung der Ärzte sorgen. Denn deren Aufgabenfelder haben sich laut Semmelmann "in jüngerer Vergangenheit immer mehr und teils auch auf arztfremde Verwaltungsaufgaben erweitert." Die Ärzte könnten so wieder viel besser ihren originären Aufgaben nachgehen und insbesondere auch näher am Patienten arbeiten, sagt der OTH-Professor für Innovative Konzepte und Technologien in der Gesundheitsversorgung.

Vorteil für ländliche Regionen

In Kliniken sicherten Arztassistenten die stationäre Versorgung, wenn bei Arztmangel Not am Mann sei. In der ambulanten Versorgung könnten Arztassistenten künftig "hoffentlich" auch routinemäßige Hausbesuche übernehmen. Dabei seien sie telemedizinisch mit den Ärzten verbunden, so dass die letzte Entscheidung immer beim Arzt bleibe. "Der Vorteil wäre, dass der Arzt nicht selbst vor Ort sein muss und sich insbesondere in ländlichen Regionen lange Anfahrten sparen könnte. Die wichtige Versorgung in der Arztpraxis bliebe gewährleistet."

Wie der Einsatz von PAs im Alltag aussieht, lässt sich am Klinikum Weiden in Erfahrung bringen. Dort gibt es bereits zwei Arztassistentinnen. Sabine Witt ist eine von ihnen. Sie hat nach einer Krankenpflegeausbildung, diversen Fortbildungen und langjähriger Berufspraxis nochmals die Schulbank gedrückt und von 2014 bis 2017 an der Mathias-Hochschule in Rheine sechs Semester "Physician Assistant" studiert. Grundvoraussetzung für dieses Studium war eine dreijährige Ausbildung in einem Gesundheitsberuf, berichtet Witt, die seit Juli 1995 auf der Medizinischen Intensivstation des Klinikums beschäftigt ist.

"Die Ärzte und Pflegekräfte schätzen meine jahrelange Intensiverfahrung", sagt die Arztassistentin und erklärt: "Durch meine hohe berufliche Qualifikation kann ich auch in Delegation ärztliche Tätigkeiten in der Intensivmedizin übernehmen." Der Intensivoberarzt, mit dem sie bereits seit elf Jahren zusammenarbeite, schätze es sehr, wenn sie ihn im Alltag auf der Station unterstütze. Sie ist zugleich als Stationsleitung eingesetzt und Bindeglied zwischen den Berufsgruppen Pflege und Arzt. "Als PA und Stationsleitung kann ich die Probleme beider Seiten, also von Medizin und Pflege, verstehen und Lösungsansätze aufzeigen." Allerdings, betont Witt, würden in den interprofessionellen Teams der Intensivstationen generell flache Hierarchien herrschen. "Durch meine Mitarbeit im ECMO-Team der Intensivstation (ECMO bedeutet "Extrakorporale Membranoxygenierung" und kommt bei Herz-Lungen-Versagen zum Einsatz, Anm. d. Red.) kann ich Patienten in Notfallsituationen optimal mitversorgen", erklärt Witt.

Professor Sesselmann betont, dass Arztassistenten einer ärztlichen Leitung und nicht einer Pflegedienstleitung unterstellt sind. In ihrer drei bis vier Jahre dauernden akademischen Ausbildung erlernten PAs "explizit auch theoretische und praktische Kompetenzen zu originär ärztlichen Tätigkeiten, die sie dann nach ärztlicher Delegation auch eigenständig durchführen dürfen". Was genau die PA übernehmen können, sei allerdings noch nicht abschließend geklärt. "Das Berufsbild wird sich sicher noch etwas einordnen, grundsätzlich lässt das bestehende Delegationsrecht aber schon jetzt vieles zu", sagt Sesselmann. Als Beispiele nennt er Ultraschalluntersuchungen, die Unterstützung bei Operationen und die Sicherung der stationären Routineversorgung.

Patienten müssten keineswegs befürchten, "schlechter" behandelt zu werden, wenn zum Teil Arztassistenten statt Ärzten ihre Versorgung übernehmen, glaubt der Professor. "Gerade das Gegenteil ist der Fall. Dort, wo PAs eingesetzt werden, wird der Notstand an Ärzten gelindert und somit die Versorgung der Patienten gesichert." Die Ärzte könnten "wesentlich besser am Patienten arbeiten", da für diese Aufgaben wieder viel mehr Zeit da sei. Die Versorgungsqualität werde somit verbessert. Dies würden auch alle Partnerkliniken bestätigen, die bereits PAs einsetzen. Sesselmann räumt ein: Wichtig bleibe, dass der Arzt, der Aufgaben an die Assistenz delegiert, deren Kompetenzen kennt und sich im Vorfeld davon persönlich überzeugt hat. "Dann können PAs tatsächlich sehr viel übernehmen."

Rund 100 Bewerber

Der neue Studiengang kommt jedenfalls gut an. Die OTH zählte 2019 und 2020 jeweils rund 100 Bewerber bei lediglich 45 beziehungsweise 38 Studienplätzen, die zur Verfügung standen. Deren Zahl hängt nämlich von den fünf Partnerkliniken in Weiden, Amberg, dem Kreis Neumarkt und Passau ab, in denen die Studenten ihre praktischen Erfahrungen sammeln.

In Weiden wurden die Studenten bislang auf allen Normalpflegestationen eingesetzt, in den weiteren praktischen Phasen sind Einsätze in der Notaufnahme, auf der Intensivstation, in den Funktionsstationen, im OP, aber auch bei der Medizintechnik und im Qualitätsmanagement geplant. "Die Studenten sind sehr interessiert und wissbegierig. Weil viele keine medizinischen Vorkenntnisse haben, lag im ersten praktischen Einsatz der Fokus auf der Grundbasis der Krankenhausmedizin", sagt medizinische Direktorin Michaela Hutzler. "Bis jetzt hatten wir nur Studenten im ersten Semester im praktischen Einsatz." Deshalb hätten die praktische Anleitung und das Lernen durch Zuschauen im Vordergrund gestanden.

Alternative für begehrtes Medizinstudium

Sesselmann spricht von einem "hohen Anteil, die sich direkt nach dem Abitur bei uns bewerben", in der Mehrzahl sind es Frauen sowie Schulabgänger aus der erweiterten Region. "So schaffen wir auch eine attraktive Alternative für das begehrte Medizinstudium, das für viele aufgrund der langen Wartezeit auf einen Studienplatz gar nicht infrage kommt", sagt der OTH-Professor. Die Gefahr, dass PA als eine Art "Schmalspurmediziner" gelten könnten, sieht Sesselmann nicht: "Viele wollen bewusst gar nicht die Verantwortung des Arztes tragen und trotzdem ärztlich tätig sein, das können sie als PA." Arztassistenten hätten in einem akademisierten Berufsbild ein gutes Auskommen und dürften hilfsbedürftige Menschen unterstützen.

Der neue Beruf stieß anfangs aber nicht überall auf Gegenliebe. Sesselmann berichtet von seinen Erfahrungen im Deutschen Hochschulverband Physician Assistant (DHPA): "Tatsächlich bestanden noch vor einigen Jahren Ressentiments gegenüber einer Einführung des Berufsbilds in Deutschland, insbesondere durch die deutsche Ärzteschaft." Allerdings sei der PA inzwischen von der Bundesärztekammer und auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung anerkannt. "Letztendlich hat man doch an allen Stellen erkannt, dass das Berufsbild das Gesundheitswesen in Deutschland voranbringen wird." In Ländern, in denen PAs schon seit Jahren erfolgreich eingesetzt und Ärzte entlastet würden, habe man gute Erfahrungen gemacht, sagt Sesselmann. Er berichtet von Anfragen mehrerer mit der OTH Amberg-Weiden kooperierender Kliniken, die teilweise "händeringend" nach Arztassistenten gesucht hätten. Die Zusammenarbeit mit allen fünf Partnerkliniken laufe bisher ausgezeichnet, und das würden auch die Studenten bestätigen. "Ich habe nach Start unseres Studiums noch kein negatives Feedback aus den Kliniken bekommen."

Personalmangel an allen Ecken

Befürchtungen, dass künftig an "echten" Medizinern gespart werden könnte, indem Krankenhäuser die günstigeren Assistenten nicht zusätzlich zu Ärzten einstellen, sondern statt Ärzten, gebe es zwar, räumt der Professor ein. "Die Diskussion geht aber in die falsche Richtung. Es wird davon ausgegangen, dass genügend ärztliches Personal vorhanden ist, das dann letztendlich arbeitslos auf der Straße stünde." Tatsächlich herrsche im Gesundheitswesen "Personalmangel an allen Ecken und Enden, auch bei den Ärzten. Tut sich nichts, droht unser Gesundheitsstandard nicht mehr haltbar zu sein". Und: "Eine signifikante Steigerung der Medizinstudienplätze werden wir nicht bekommen", sagt Sesselmann.

Sabine Witt glaubt ebenfalls an die Zukunft der PAs - auch wenn viele Patienten das Berufsbild noch gar nicht kennen würden. "Meist stelle ich mich als Medizinassistenz vor, die ihre Versorgung zusammen mit dem Oberarzt übernimmt." Viele Patienten seien dankbar, wenn man für sie Zeit habe und mit ihnen spreche, schildert Witt ihre Erfahrungen. "In Zeiten einer Überalterung der Gesellschaft und des Mangels an Ärzten und Pflegekräften finde ich den neuen Studiengang sehr gut, um in den kommenden Jahren die Patienten bestmöglich zu versorgen." Für sie selbst sei ein duales PA-Studium die ideale Option gewesen: "Man hat im Leben viel erreicht und sich einen gewissen Lebensstandard aufgebaut, so dass man nicht plötzlich ohne regelmäßiges Einkommen ein Medizinstudium beginnen kann." Die Ausbildung zur PA habe sie "für höherwertige Aufgaben qualifiziert, so dass ich im ärztlichen Bereich in Delegation mitarbeiten kann".

Einmaliges Studium

Amberg
Hintergrund:

Seit dem Wintersemester 2019/20 kann man an der ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) in Weiden den Bachelor-Studiengang „Physician Assistant“ belegen. Er bereitet auf ein völlig neu geschaffenes Berufsbild im Gesundheitswesen vor, das ursprünglich aus den USA kommt. Dahinter steht die Idee, dass gewisse Tätigkeiten von Ärzten an gut ausgebildete Mitarbeiter delegiert werden können. In Deutschland gab es 2018 erst 300 Absolventen.

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