Rassismus-Debatte: Welche Straßennamen sind noch erlaubt?

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Mohrenstraße und Zigeunersoße. Momentan steht alles unter Rassismus-Verdacht und unsere Vergangenheit auf dem Prüfstand. Darf ein Platz in Amberg noch Hindenburgplatz heißen? Wo fängt die Diskussion an? Wo hört sie auf?

Darf die Mohrenstraße in Weiden noch so heißen? Nach dem Vorbild Berlin haben einige Künstler auch in Weiden diese Straße umbenannt.
von Mareike Schwab Kontakt Profil

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA hat auch in Deutschland eine Rassismus-Debatte entfacht. Unter anderem werden immer häufiger Straßen- und Geschäftsnamen kritisch unter die Lupe genommen. Alles mit dem Titel "Mohr" steht bei der Debatte verstärkt im Fokus der Kritiker. Aber auch über den Hindenburgplatz oder die Wernher-von-Braun-Straße wird in der Oberpfalz debattiert.

Warum gerade jetzt?

Rassismus-Debatten sind nichts Neues. Trotzdem scheint die Diskussion gerade besonders große Ausmaße anzunehmen. "Wir leben in einer Gesellschaft der Hypermoral. Die komplexe politische Weltlage, Klimawandel und die Digitalisierung überfordern viele Menschen. Deshalb legen sie ihren Fokus auf etwas, das sie verändern können", erklärt Gunther Hirschfelder Professor für Kulturwissenschaften das Phänomen. "Auf die Rassismus-Debatte wissen alle eine einfache Antwort, unser Wunsch, korrekt zu sein, wird so erfüllt."

Auch das Coburger-Stadtwappen steht unter Rassismus-Verdacht.

Doch bei dieser Diskussion werden laut Hirschfelder immer wieder Urteile über Dinge gebildet, die man eigentlich gar nicht beurteilen müsse. Statuen werden niedergerissen und Straßennamen, an denen sich jahrelang keiner gestört hat, werden umbenannt. Zum Beispiel rückten dieses Jahr auch in Amberg sieben Straßennamen mit Bezug zum Nationalsozialismus in den Fokus. "Vor den 60er-Jahren wurde Deutschland noch von einer Riege konservativer Männer dominiert. Das Verhältnis zur Vergangenheit war da noch ganz anders", erklärt Hirschfelder. "Damals hätten sich Menschen nie getraut, etwas gegen einen Hindenburgplatz zu äußern." Erst ab den 60ern fand langsam ein Umdenken in der Gesellschaft statt. Heutzutage sind die Erfolgsaussichten bei solchen Debatten besser. Kleine Gruppen können mit wenig Aufwand und etwas medialer Aufmerksamkeit einen Erfolg erzielen. Die jüngere Generation nutzt diese Chance und bekämpft so das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Problemen in der Welt. "Black Live Matter oder Fridays for Future gibt ihnen das Gefühl, etwas bewirken zu können", so Hirschfelder.

Ist der Mohren-Apotheker ein Rassist?

Geschäftsnamen wie Mohren-Apotheke, die es seit Jahrzehnten in unseren Städten gibt, werden hinterfragt. In den 1980er Jahren gab es noch vier Mohren-Apotheken in der Oberpfalz. Weiden hat mittlerweile die einzige. Bis jetzt habe sich kein Oberpfälzer an dem Namen gestört, sagt der Apotheker Andreas Biebl. Vielleicht liege es daran, dass der Name der Apotheke nicht in alter stereotypischer Form im Logo verbildlicht wurde. Der Name der Apotheke spiele zudem keinesfalls auf die negative Bedeutung von Mohr an, sondern sei vielmehr als Verehrung der Bevölkerung Mauretaniens zu verstehen, erklärt der Pharmazeut. Die Mauren lebten in Nordwestafrika und waren schon damals sehr bewandert in medizinischer und pharmazeutischer Heilkunst. Die Traditionsapotheke in der Mohrenstraße gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert. "Damals galt der Name als exotisch, nicht als rassistisch. Es würde ja kaum jemand seine Apotheke nach etwas Abfälligem oder Negativem benennen", meint Andreas Biebl. Auch der Kulturwissenschaftler Hirschfelder versteht den Namen als Würdigung, nämlich die der Heiligen Drei Könige. "Dabei auf Rassismus zu schließen, ist ahistorisch", betont er.

Anders sieht das Quirin Quansah, ein Mitglied der "AG Straßenumbenennung" in Regensburg. Das Wort Mohr könne nicht losgelöst von seinem diffamierenden, kolonialen Kontext betrachtet werden. Deshalb organisierte die Aktionsgruppe im August eine Kundgebung in der Regensburger Drei-Mohren-Straße. Ihr Vorbild: die Aktivistin Giovana Cardoso Baer. Die 15-Jährige startete eine Petition zur Umbenennung dieser Straße und des gleichnamigen Cafés in der Regensburger Innenstadt. Ihr Vorwurf: Der Name sei kolonialrassistisch, und keiner störe sich daran. "Menschen laufen täglich an dem Straßenschild vorbei und denken sich nichts dabei. Es gibt aber auch Menschen, die fühlen sich durch das Schild persönlich angegriffen und beleidigt", kritisiert Cardoso Baer. "Mohr ist ein Schimpfwort." Wenn Berlin nach einer langen Debatte beschließt, die Mohrenstraße umzubenennen, dann sollte das auch in Regensburg möglich sein, hoffen die Aktivisten. Bis jetzt ist eine Umbenennung aber noch kein Thema im Regensburger Stadtrat.

Die Kundgebung der „Aktionsgruppe Straßenumbenennung“am 23.08.2020 in der Regensburger Drei Mohren Straße. Das Ziel der Aktivisten sei laut Quirin Quansah eine kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte.

Ein Artikel über die "Möhrenstraße" in Weiden

Weiden in der Oberpfalz

Ein Zeichen für Interessenlosigkeit und Wertezerfall?

Gegner befürchten durch eine Umbenennung einen Wertezerfall und eine Interessenlosigkeit an der deutschen Kultur. Es heiße ja schon immer Mohrenstraße und Mohrenkopf, lautet ein oft zitiertes Argument. Doch dieser Rassismus habe laut Giovana Cardoso Baer nichts mit Kultur zu tun. „Menschen, die sich darüber aufregen, wurden noch nie wegen ihres Aussehens oder Herkunft diskriminiert“, kritisiert sie. „Ungefähr 26 Prozent der deutschen Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, wenn sie sich durch einen Straßennamen beleidigt oder in ihrer Würde angegriffen fühlen, kann man den Namen nicht einfach so stehen lassen“, argumentiert auch der Kulturwissenschaftler Hirschfelder. Er schlägt einen Runden Tisch und einen offenen Dialog mit allen Beteiligten vor. Mohrenkopf sei hingegen unmissverständlich und die Verbannung des Wortes war richtig. Vor den 1960er Jahren war Mohr oder auch Zigeuner ein Standartbegriff und nicht despektierlich gemeint. „Wenn man diese Begriffe aber heute noch verwendet, ist das ein Zeichen für die eigene politische Position. Dann ist man auch mit Rassismus einverstanden“, sagt der Kulturwissenschaftler.

Aktuell wird in Amberg über sieben Straßennamen und den Hindenburgplatz diskutiert. Auch in der Vergangenheit hat es schon Umbenennungen gegeben.

Wo fängt man an? Und wo hört man auf?

Doch selbst mit einer Umbenennung der Drei-Mohren-Straße ist für die AG Straßenumbenennung das Thema Rassismus in Regensburg aber noch nicht abgehakt. „Es gibt in Regensburg weitere rassistische Orte“, weiß Quirin Quansah. „Das gilt bestimmt für die ganze Oberpfalz.“ Man würde in der Geschichte jedoch wenig Dinge finden, die man aus heutiger Sicht akzeptieren könne, sagt Hirschfelder. „Wir können nicht alle Burgruinen niederreißen, nur weil die Menschen im Mittelalter Sklavenhandel betrieben und keine Feministen waren. Nach dieser Logik würde wenig übrig bleiben“, hält Hirschfelder dagegen. Man müsse alles immer im Kontext der Zeit betrachten. Deshalb sei es wichtig die Menschen für die Geschichte zu sensibilisieren.

Rassismus findet sich jedoch nicht nur im Straßenbild. „Die Stadtgeographie spiegelt ja nur den Zustand unserer Gesellschaft wieder“, kritisiert Quansah. „Solange rassistische und entmenschlichende Begriffe salonfähig sind, werden nicht-weiße Menschen ausgegrenzt. So lange halten sich die Vorurteile in der Gesellschaft. Und so lange werden sie nicht auf Augenhöhe betrachtet.“ Es müsse deshalb als einer der nächsten Schritte antirassistische Bildung in sämtlichen Institutionen eingeführt werden, denn in Deutschland sei Rassismus institutionalisiert. Hirschfelder widerspricht dem Vorwurf der Aktionsgruppe: „In Deutschland wurde viel getan, um Rassismus zu verbannen. Wir haben keinen institutionellen Rassismus.“ Momentan bestehe aber die Gefahr eines neuen globalen Rassismus-Problems. Ein ständiger Dialog über Gleichberechtigung und Menschenwürde in Deutschland sei deshalb wichtig. „Es bleibt eine Daueraufgabe.“

Wenn wir nichts Besseres zu tun haben, diskutieren wir über Straßennamen?

Kulturdebatten verlaufen laut Hirschfelder sinuskurvenförmig. Sobald andere Probleme wie Klimawandel oder politische Ereignisse überwiegen, sind wir abgelenkt und vergessen die aktuelle Diskussion. Meinungsverschiedenheiten über Mohrenstraßen und den Hindenburgplatz wird es auch in zwanzig Jahren noch geben.

Weiden:

Beispiele für Straßenumbenennungen 1945:

• Dietrich-Eckart-Straße > Domprediger-Dr.-Maier-Straße

• Otto- v.-Weddigen-Straße > Franz-Mörtl-Straße

• Hechenberger-Straße > Hermann-Fuld-Straße

• Wilhelm-Wolf-Straße > Schmeltzlstraße

• Fausi-Straße > Rummelstraße

• Kuhn-Straße > Clausnitzerstraße

• v. Scheubner-Richter-Straße > Prößlstraße

• v. d. Pforten-Straße > Wiegenstraße

• Adolf-Hitler-Anlage > Max-Reger-Park

• SA-Siedlung > Rehbühlsiedlung

• Hindenburg-Platz > Oberer Markt

• Allfarthstraße > Sindersberger-Straße

• Bauriedlstraße > Meilerstraße

• Laforcestraße > Wagnerstraße

• Neubauerstraße > Schätzlerstraße

• Oskar-Körner-Straße > Keimelstraße

• Litzmannstraße > Kummerstraße

• v.-Pappe-Straße > Aichingerstraße

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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Wenn man sonst keine Sorgen hat, dann macht man sich welche!

07.09.2020
Bernt Halbauer

Wir blöd sind wir geworden das wir in Deutschland solche Diskussionen führen

06.09.2020
Dieter Weiß

In seiner Sitzung am 29.03.1933 beschloss der Amberger Stadtrat Paul von Hindenburg, Franz Seldte (Reichsarbeitsminister und Gründer „Stahlhelm“) und Adolf Hitler die Ehrenbürgerrechte der Stadt Amberg zu verleihen. Der kommissarische 1. Bürgermeister führte zur Begründung aus „… dass Männer, die sich verdient um die Allgemeinheit und das deutsche Volk gemacht haben, durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechtes und vielfach auch durch Benennung von Straßen und Plätzen nach ihrem Namen geehrt würden, und hob die großen Verdienste der zur Ehrenden um Volk und Vaterland gebührend hervor.“

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurden im Rahmen der Entnazifizierung die von den Nationalsozialisten benannten Straßen wieder umbenannt. Einzig der Hindenburgplatz überstand die Entnazifizierung.

In der Sitzung des Amberger Stadtrats am 24.09.1946 wurde folgender Antrag gestellt: „Stadtrat stellt fest, dass sich die von den Naziratsherren ernannten Ehrenbürger der Stadt Amberg keinerlei Verdienste um die Stadt Amberg und ihre Bevölkerung erworben haben. Sie wurden lediglich auf Grund ihrer Parteizugehörigkeit bei der NSDAP zu Ehrenbürgern ernannt. Sie haben nicht aufgebaut, sondern sind am Niederbruch des deutschen Volkes mitschuldig. Sie sind verantwortlich für die Not und das Elend das über Deutschland gekommen sind. Es widerspricht dem gesunden Empfinden der Gesamtbevölkerung, wenn Männer, die sich keine wesentlichen Verdienste um die Stadt Amberg erworben haben, zu Ehrenbürgern ernannt wurden.“ Der Stadtrat fasste den einstimmigen Beschluss den aufgeführten Personen das Ehrenbürgerrecht abzuerkennen. Der Name „Paul von Hindenburg“ fehlt in dieser Auflistung. Im Ehrenbürgerbuch der Stadt Amberg ist er jedoch nicht mehr aufgeführt. Ein Schild „Hindenburgplatz“ ist nicht vorhanden.
Es wird daher auch Zeit, den Namen "Hindenburgplatz" aus dem Straßenverzeichnis unserer Stadt zu streichen

05.09.2020