ONETZ: Frau Lahm, „Singen ist Seelennahrung“ bekennen Sie auf Ihrer Homepage. Wie geht es Ihrer Seele jetzt nach knapp einem Jahr Nahrungsentzug?
Sabine Lahm: Das Schöne an der Stimme ist, wenn sie gesund ist, dass man sie immer bei sich und in sich hat. Durch alle Krisen hindurch. Damit habe ich genügend Nahrung im Gepäck und ich denke, meine Klienten auch. Zumindest ist das Teil meiner Philosophie, die ich weitergebe. Ich glaube, an die Kraft des Singens. Es ist mehr als eine reine Leistung oder Kunstausübung. Das Klingen und das Wissen um den eigenen Körper und seine Abläufe hat tiefe spirituelle Aspekte, die von innen heraus kräftigen. Und das sage ich, obwohl ich, als bodenständige Oberpfälzerin alles andere als eine Anhängerin esoterischer Strömungen bin.
ONETZ: Also gar keine Entzugserscheinungen?
Sabine Lahm: Wenn Sie den Entzug aus direkten Konzerterlebnissen meinen: Ja, das fehlt. Der Input eines Publikums, die gelebte Gemeinschaft sowohl im Konzert, als auch auf der Opernbühne fehlt. Und vielen Kollegen fehlt vor allem eines: Geld, um Miete, Strom und Essen zu bezahlen. Das lässt mich natürlich nicht kalt.
ONETZ: Die Pandemie bringt Ihren Berufsalltag aber auch ganz handfest ins Wanken: Wie unterrichtet man klassischen Gesang in Zeiten, in denen gemeinsames Singen als gefährlich gilt und geächtet wird?
Sabine Lahm: Der letzte Teil Ihrer Frage, bringt die Problematik auf den Punkt. Nie zuvor war das Singen so präsent in den Medien wie im vergangenen Jahr – speziell der Chorgesang. Zu Beginn der Pandemie verging kaum ein Tag, in dem nicht ausführlich über die Gefährlichkeit des Singens raumgreifend informiert wurde. Ähnlich präsent werden diesem Thema umfangreiche Artikel in renommierten Tageszeitungen und Onlinemedien gewidmet. Horrorberichte über Todesfälle nach Chorproben oder -konzerten wechseln sich ab mit wissenschaftlichen Studien über die schnellere und intensivere Verbreitung virenbelasteten Materials beim Gesang.
ONETZ: Welche Konsequenzen hat das?
Sabine Lahm: Mögen diese Berichte für uns Musiker überlebenswichtig sein, um uns für die erhöhte Gefährdung in unserem Berufsalltag zu sensibilisieren, so sind sie doch fatal für das Zentrum unseres Wirkens – den Gesang und sein Image. Im kollektiven Bewusstsein wird eine neue Software mit dem Übertitel „Singen kann tödlich sein“ aufgespielt. Dieses nachhaltige „Negative-Branding“ des Gesangs wird vermutlich noch Jahre nach Überwindung der momentanen Situation tief in unserer Gesellschaft verankert bleiben. Die Fanfaren der Vorsichtsmaßnahmen, die aus medizinischer Sicht durchaus nachvollziehbar sind, entwickeln sich zum Trauermarsch für den Gesang.
ONETZ: Sehen Sie irgendwo vielleicht doch ein kleines Licht am Ende des Tunnels?
Sabine Lahm: Seit Neuestem gibt es Lichtblicke in eine andere Richtung. Der heilsame Aspekt des Singens rückt in den Mittelpunkt. In England startete ein innovatives Programm unter dem Titel „Breathe“, dieses nutzt die effektiven Trainingsmethoden von professionellen Sängern und Bläsern um Corona-Patienten bei der oft langwierigen Genesung zu unterstützen. Hierbei kooperiert die English National Opera mit dem Imperial College Trust. Letzterer ist für die Gesundheitsversorgung eines Teils von London zuständig. Ich hoffe sehr, dass es noch mehr solcher Initiativen geben wird. Zum einen, weil ich an die heilsame Kraft des Singens glaube und ich finde, sie wird noch viel zu sehr unterschätzt. Zum anderen, weil es hilft, den coronabedingten Imageschaden, den der Gesang erleiden musste, ins Positive zu wenden.
ONETZ: Kann der Online-Unterricht aus Ihrer Sicht mehr sein als ein bloßes Surrogat? Wo liegen die Probleme, gibt es auch positive Aspekte?
Sabine Lahm: Ich darf es ja gar nicht laut sagen, aber ich mag es ganz gerne. Voraussetzung ist, dass ich den Singenden gut kenne. Dann kann ich die klanglichen, körperlichen und musikalischen Bemühungen gut auf das, was dann durch die technische Komprimierung des Online-Mediums bei mir ankommt, übertragen. Natürlich musste ich mein technisches Equipment aufrüsten und mich mit Geduld einarbeiten – ohne das geht es nicht. Es bedarf zudem einer Methodenanpassung und einer sehr klaren und direkten Kommunikation, dann geht das wunderbar. Man muss aber wieder sagen, da tu ich mich mit der professionellen Klienten-Schar auch leicht. Beide Seiten wissen, wovon man spricht, die Fachtermini sind vertraut und mein Gegenüber ist durch die jahrelange Ausbildung so gut in seiner Wahrnehmung geschult, dass es auch hier keine Hürde darstellt, die Problematiken sprachlich zu äußern.
ONETZ: Wirkt sich auch der Wegfall langer Wege etwa zu Meisterkursen aus?
Sabine Lahm: Ein weiterer Teil meiner Arbeit liegt ja auch im Coaching- und Supervisionsbereich und geht über das reine Singen hinaus. Da ist die Onlinevariante sowieso praktisch. Viele meiner Klienten sind vorher quer durch Deutschland gereist, um Stunden bei mir nehmen zu können, da ich die Online-Variante immer vehement verweigert hatte. Nun habe ich aus der Not eine Tugend gemacht, und wir können bequem online in den Probenpausen am Theater arbeiten. Das gibt ein Gefühl von Leichtigkeit, ist wenig aufwendig und trotzdem effektiv. Die Online-Stunden werden mir also auch nach der Pandemie bleiben, und im Wechsel mit Präsenzunterricht finde ich das für mich und auch meine Klienten eine gewinnbringende Erweiterung meines Lehrangebotes.
ONETZ: Ihre Schüler haben mit einer weiteren Dramatik zu kämpfen: Dem Einstieg in einen Beruf, dem momentan der Boden komplett entzogen ist und in dem sie noch keinen Namen haben, wenn es wieder losgeht. Können Sie da unterstützen?
Sabine Lahm: Ich versuche, den Kontakt zu Agenturen und Kulturschaffenden zu wahren, um auch nur jede erdenkliche Chance auf ein Vorsingen für meine Leute zu nutzen. Derzeit gibt es allerdings wirklich kaum Vakanzen an den Theatern. Bei denjenigen, die noch nicht, oder nicht mehr im Festengagement sind, auch das gibt es, gilt es nun, zu motivieren und alle Möglichkeiten auszuloten. Aber auch mitten im Lockdown gab es drei Klientinnen, die sich begehrte Stellen sichern konnten. „A bissl was geht ollaweil.“ Man muss die Augen und Ohren offen halten. Dafür bin ich ja auch ein bisschen da ...
"Salopp gesagt, brummt bei mir sozusagen seit Beginn der Pandemie der Laden."
ONETZ: Haben diese jetzt noch schwieriger geworden Zukunftsperspektiven wiederum Auswirkungen auf die Auslastung Ihres Ausbildungsangebots?
Sabine Lahm: Nein, ich befinde mich in der glücklichen Situation, dass das Gegenteil der Fall ist. Da ich in der Hauptsache mit professionellen Sängern arbeite, haben diese im Moment Zeit, sich um ihre Stimmen zu kümmern. Das geht vom Lösen technischer Schwierigkeiten, über das Anbahnen eines Fachwechsels, bis hin zu therapeutischen Interventionen bei Stimmproblemen. Viele nutzen auch die Zeit, um sich intensiv auf Wettbewerbe und hoffentlich bald wieder zahlreich stattfindende Vorsingen vorzubereiten. Salopp gesagt, brummt bei mir sozusagen seit Beginn der Pandemie der Laden. Allerdings hat das natürlich auch einen faden Beigeschmack. Uns allen ist bewusst, dass die raren Stellen durch die Krise noch härter umkämpft sein werden. Das stachelt zwar alle zu Höchstleistungen an, und manch einer macht Entwicklungssprünge, die vorher kaum denkbar waren. Der Hintergrund hierfür ist aber ein tragischer: die Zuspitzung einer eh schon katastrophalen Stellensituation.
ONETZ: Sie gehören also nicht zu den schwer Gebeutelten der Krise?
Sabine Lahm: Die einzig großen Einbußen, die ich zu verschmerzen habe, sind die Ausfälle von mittlerweile drei ausgebuchten Meisterkursen, die übrigens alle in der Oberpfalz stattgefunden hätten. Zwei bei den Weidener Max-Reger-Tagen und einer an der Berufsfachschule für Musik in Sulzbach-Rosenberg.
ONETZ: Und wie fällt Ihre Prognose für die Zeit nach Lockdown und Pandemie-Beschränkung aus? Kann und wird der Kulturbetrieb noch derselbe sein wie vor Corona?
Sabine Lahm: Klar ist, wir befinden uns in einer Transformationsphase. Die Kunst wird durch diese Krise maßgeblich verändert werden. Für uns Kunstschaffende ist wichtig, dass wir diesen Prozess mitgehen. Dagegen ankämpfen hilft, denke ich, nicht viel. Was mit massiven Kultureinsparungen begann und bereits vor der Pandemie schon einen traurigen Höhepunkt erreicht hat, als die neue EU-Kommission unter Ursula von der Leyen das Kulturressort strich, erfährt durch die aktuelle Situation eine brandbeschleunigende Wirkung. Aber Kunst und Kultur haben in der Geschichte schon größere Krisen überstanden, und ich bin sicher, sie wird auch diese überstehen. Der Kulturbereich steht im Wandel, muss sich reformieren, modernisieren und neu erfinden. Ich bin kein Fan davon, der Politik allein den Schwarzen Peter zuzuschieben. Effektives Krisenmanagement mit Weitsicht für alle Bereiche unseres immer noch wunderbaren Staates zu verbinden, um es allen Recht zu machen, ist eine Mammutaufgabe. Auch wenn der Vergleich hinken mag, da kann man auch als Mama von zwei Kleinkindern ein Lied davon singen. Für uns alle ist es eine neue, unglaublich herausfordernde Situation. Und es braucht Geduld, Überlebenswillen, Ideen und Zuversicht.
"Mögen diese Berichte für uns Musiker überlebenswichtig sein, um uns für die erhöhte Gefährdung in unserem Berufsalltag zu sensibilisieren, so sind sie doch fatal für das Zentrum unseres Wirkens – den Gesang und sein Image."
Zur Person: Das ist Sabine Lahm
- Schülerin am Augustinus-Gymnasium Weiden
- Gesangsunterrricht an der Franz-Grothe-Musikschule Weiden
- Studium Gesang und Musiktheater an der Hochschule für Musik und Theater München
- Studium der Meisterklasse am Mozarteum Salzburg
- aktive Opern- und Konzerttätigkeit
- Fachtherapeutin Stimme
- Entwicklung des Konzepts „La Voce Sana“
- Meisterkurse bei renommierten Musikfestivals
- Lehraufträge und eigene Gesangsklassen an den Hochschulen für Musik in München und Weimar
- Vorstandsmitglied Bundesverband deutscher Gesangspädagogen
- Gründerin Institut "StimmART" München





















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.