So kam Witt nach Weiden: Von der Gründung eines großen Unternehmens

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"Witt" gehört zu Weiden. Die Wurzeln des großen Wäscheversandhauses liegen aber einige Kilometer nordwestlich am Steinwald. Hier in Reuth erzählt man bis heute "dem Witt Sepp seine" bemerkenswerte Geschichte.

Die Blaskapelle Reuth im Jahr 1912. Vorne Zweiter von links der Jungunternehmer Josef Witt.
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Der Name Witt ist hier ausgestorben – und doch allgegenwärtig. Auf Straßenschildern, Kirchenglocken und in den Köpfen der Menschen. In ganz Deutschland werden Name und Unternehmen mit der Stadt Weiden verbunden, und doch könnte es auch "Witt Reuth" heißen. Hier am Steinwald kam Josef Witt 1884 zur Welt, hier wuchs er auf, gründete 1907 seine Firma.

Nur weil der Eisenbahnknoten Weiden besser zum Versandhaus passte, zogen Familie und Geschäft um. 1913 war das. Geblieben ist eine enge Verbindung nach Reuth. Und die Erinnerung der Reuther an ihren "Witt-Seppl", der es aus ärmlichen Nordoberpfälzer Verhältnissen nach oben geschafft hat.

An der Straße nach Premenreuth

Das Geburtshaus trägt heute die Adresse "Dr.-Witt-Platz". Helmut Neugirg wohnt dort. Seine verstorbene Frau Monika war eine Großnichte des Gründers. Er und sein Sohn Helmut-Stefan wollen sich in der Zeitung nicht mit Witt-Federn schmücken. "Wir haben ja nichts mit dem Erfolg zu tun." Das Geburtshaus an der Straße nach Premenreuth zeigen sie gerne. Und sie berichten, was sie aus den Erzählungen der Alten wissen.

Vieles hat Lina Robl im Jahr 1982 niedergeschrieben. Damals feierte Witt Weiden Jubiläum. "Kaum jemand weiß heute, dass sich die Firmengründung vor 75 Jahren aus einfachsten Verhältnissen heraus in dem kleinen Dorf Reuth bei Erbendorf vollzog", berichtet die Reutherin damals. Um die Erinnerung zu erhalten, schreibe sie die Erzählungen ihrer Eltern nieder, die die Familie Witt persönlich gut gekannt haben. Auch andere ältere Reuther kommen zu Wort.

"Handiger Handwerker"

Die Erinnerung setzt beim Vater ein: Der Zimmermeister Andreas Witt muss ein Original gewesen sein. Er war "nicht nur ein guter, ja sogar ein gerissener, handiger und durchdrather Handwerker". Im Wirtshaus habe er gern den Ton angegeben und auch außerhalb sei er "mit allen Wassern gewaschen" gewesen, "besonders auf kaufmännischem Gebiet". An seinen jüngsten Sohn hat er das Händler-Talent weitergegeben. Ein Handwerker war Josef Witt nicht.

Er musste zwar Zimmerer lernen, doch "das waren harte Jahre für ihn". Von Bruder Urban habe er "oft schwere Schimpfworte und Watschn" einstecken müssen. Trotzdem habe er sich später gerühmt, "den Turm des Reuther Schlosses miterbaut zu haben", schreibt Robl.

Schulhof-Händler

Das Handeln habe Josef früh gelegen. Schon in der Schule waren seine Hosentaschen voll mit "Nägel, Schrauben, Houlzstöckerl, Schusser, Schnöiala zum Schachern mit anderen Buben", heißt es bei Robl. Seine Chance erhielt Josef auf Umwegen: Der Vater hatte das Haus neben der Reuther Kirche für Tochter Anna gekauft. Sie betrieb dort ein Kolonialwarengeschäft.

Der Eingang zum Kurzwarenladen Witt in Reuth damals und heute. Die Tür ist noch zu erkennen.

Als sie heiratete, schlug Josefs Stunde. 1907 übernahm der 23-Jährige den Laden und wandelte ihn in ein Kurz- und Schnittwarengeschäft um. Und noch etwas änderte er: Statt auf Kunden zu warten, machte er sich auf den Weg. "Mit einer 'Buglkraxn' voll Warenmuster ging er über Land und holte Bestellungen ein." Witt muss gut angekommen sein. "Leitsöli" sei er gewesen "fiel nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern plauderte erst mit den Bauersleuten".

Mistwagen auf dem Dach

Man darf sich Josef Witt wohl nicht als Kaufmann vorstellen, der nur Geschäft und Gewinn im Sinn hatte. Er war "kein Kind von Traurigkeit", schreibt Lina Robl. "In der vom Hofner-Hans gegründeten Musikkapelle spielte er die F-Trompete, machte immer gerne Faxen." Und er spielte Streiche: Robl erzählt von der Tür der Familie Menzl, die Witt einmal zugemauert habe.

Von einer noch spektakuläreren Aktion wissen Helmut und Stefan Neugirg: Mit Freunden soll Witt über Nacht einen Mistwagen zerlegt, aufs Hausdach des Eigentümers gebracht und dort wieder zusammengebaut haben. Sogar mit Mist befüllten die Burschen den Wagen wieder. Wie der Bauer am Morgen reagiert hat, ist nicht überliefert.

"Glücksfall" aus Hilpoltstein

Bei allem Sinn für den Spaß, das Geschäft vergaß Witt nicht. Bald brauchte er Hilfe, suchte per Zeitungsinserat eine "Ladnerin". Die sollte das Geschäft führen, während er unterwegs zu Kunden war. Die Stelle bekam Monika Katzenberger. Die fleißige und geschickte Fränkin aus der Nähe von Hilpoltstein erwies sich als Glücksfall – geschäftlich, bald aber auch privat. Dabei soll es Widerstände gegeben haben.

Andreas Witt wollte sich mit der Protestantin als Partnerin des Sohnes nicht abfinden. Doch sie war "dem alten Witt-Vater gewachsen; er musste sie akzeptieren, obwohl er oft seinen Grant hatte", schreibt Robl. 1910 heiratete das Paar, 1911 und 1913 kamen die Kinder Monika und Josef in Reuth zur Welt.

Lernen von Trickbetrügern

Mit der richtigen Partnerin an seiner Seite fehlte nur mehr eine Idee zur Initialzündung. Auf diese brachten ausgerechnet zwei Trickbetrüger den Jungunternehmer. In der Zeitung las er, dass die beiden Ziegelsteine per Nachnahme versendet und so Fremde um ihr Geld gebracht hatten. Betrügen wolle Witt niemanden, aber die Möglichkeit, seine Waren per Nachnahmesendung an den Mann zu bringen – danach hatte er gesucht. Witt war auf dem Land aufgewachsen. Er kannte den Bedarf und die Schwierigkeit, diesen fernab der Städte zu decken. Warenversand per Nachnahme – das musste einfach funktionieren.

Tatsächlich war schon das erste Angebot ein Schlager: "Hundert nützliche Sachen für eine Mark". In dem Überraschungspaket fanden die Kunden unter anderem Knöpfe, Nadeln, Baumwollbänder, ein Kopftuch – und den ersten "Witt-Katalog". Diese Angebotsblätter ließ er von seinem Freund, "dem Procher-Michl", schreiben, wegen dessen gestochener Handschrift.

Reuth wird zu klein

Bald brauchten die Witts weitere Helfer. Auch das Kindermädchen Resl Menzl war beinahe häufiger mit dem Versenden beschäftigt, als mit den Kindern. Dazu kam mit Lina Lißl aus Wasserburg eine Packerin. Bald war ein Pferdefuhrwerk nötig, um die Pakete zum Bahnhof zu bringen. Und dann war das Arbeitsaufkommen von Reuth aus gar nicht mehr zu schaffen.

Die Chronik der Firma hält fest, dass sich Josef Witt 1912 "in einem Brief an die Königliche Oberpostdirektion Regensburg über das komplizierte Prozedere beim Aufkleben der Adressetiketten beklagt" habe. Im Sommer 1913 gab Witt den Laden auf und zog wegen größerer Poststelle und besserer Zuganbindung nach Weiden.

Der Kontakt nach Reuth riss aber nicht ab. Auch als Erfolg und Umsatz wuchsen und die Firma zu Weidens Aushängeschild wurde – sein Heimatdorf vergaß Witt nicht. "Weil er so ein gutmütiger Mensch war, versuchten viele ihn auszunützen. Dank der Aufmerksamkeit seiner Ehefrau ließ sich aber immer größerer Schaden abwenden", schreibt Lina Robl.

Glocken und Uhr

Zeichen für seine Freigiebigkeit finden sich trotzdem überall in Reuth, besonders in der Pfarrchronik. Witt finanzierte die Dachsanierung an der Reuther Kirche. Auch das Taufbecken in Premenreuth verdankt die Pfarrei einer Witt-Spende. Im Reuther Kirchturm weist die größte Glocke "Herrn Kommerzienrat Josef und Frau Monika Witt" als Stifter aus. Sie war 1957 ein Geschenk zum 50. Firmenjubiläum, ebenso die Turmuhr. Zu diesem Zeitpunkt war Josef Witt bereits drei Jahre tot.

Im heutigen Gemeindehaus in Premenreuth erinnert ein Porträt an Witts Engagement für die frühere Schule. 15 000 Mark hatte er in den 1950er Jahren gegeben, sie hieß danach "Kommerzienrat-Witt-Schule". Auch die Reuther Feuerwehr verdankt dem Ehepaar viel. Die Chronik der Wehr weist aus, dass eine Spende von 85 000 Mark den Grundstock zum Kauf der Vereinsfahne legte. Anfang der 1920 Jahre war die Inflation hoch, der Betrag trotzdem bemerkenswert. Auch die Sirene am Gerätehaus war eine Spende von "Frau Kommerzienrat Monika Witt".

Kontakt in der zweiten Generation

Vor allem die Wehr hielt auch zur nächsten Witt-Generation Kontakt. "In der Jahreshauptversammlung am 14. Januar 1961 erhob man Dr. Josef Witt, Weiden in den Ehrenmitgliedsstand", heißt es in der Chronik. Bei der 100-Jahr-Feier 1970 war Witt junior ebenso Schirmherr wie bei der Feier zum 110. Geburtstag.

Der heutige Bürgermeister und frühere Wehr-Vorsitzende Werner Prucker erinnert sich gut. "Bei Dr. Witt stießen wir immer auf offene Ohren." Bei keiner Tombola und keinem Preisschafkopf fehlten Spenden. Die Gemeinde machte Josef Witt junior zum Ehrenbürger, der Dr.-Witt-Platz ist nach ihm benannt.

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Der Kontakt löste sich, als der Otto-Konzern 1986 Witt übernahm und die persönlichen Beziehungen zum Unternehmen endeten. Was in Reuth blieb, sind Plaketten, Gravuren und Porträts – vor allem aber Erinnerungen und Anekdoten über einen Mitbürger, der es nach oben geschafft, aber dabei nie vergessen hat, wo er herkam: aus Reuth bei Erbendorf.

Witt ist bis heute ein wichtiger Arbeitgeber

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