Suizidgefahr und Depression: Ärzte bieten Hilfe an

In der Oberpfalz sterben jährlich mehr Männer durch Suizid als durch Verkehrsunfälle oder Stürze. 127 Menschen nahmen sich gemäß des Gesundheitsberichts der Regierung der Oberpfalz im Jahr 2015 das Leben. 78 Prozent davon waren männlich.

Die Spurensicherung in Neunkirchen bei Weiden. Bild: Schönberger
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Davon nimmt in der Regel niemand Notiz, schon allein, weil ein "Enke-Effekt" gefürchtet wird. Für die Öffentlichkeit unübersehbar waren zwei Suizidversuche innerhalb der letzten zwei Wochen: Am 5. Dezember schoss sich ein 23-Jähriger vor einem Kindergarten in Neunkirchen bei Weiden in den Kopf. Am 24. November nahm sich ein 62-jähriger Patient im Krankenhaus Tirschenreuth mit einer Schusswaffe das Leben.

Im Sinne der Suizidprävention möchte der Ärztliche Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, Dr. Markus Wittmann, Hilfestellungen aufzeigen. Durch Prävention sei es zuletzt gelungen, die Suizidzahlen in Deutschland auf jährlich rund 11 000 Menschen deutlich zu senken. Die Maßnahmen reichen vom "Bündnis gegen Depression" bis hin zur Absicherung von Brücken. Dennoch bleibe jeder Tote einer zu viel. Wittmann setzt auf Aufklärung. Er sagt: Vielen Menschen könnte geholfen werden.

Auslöser sei "in den allermeisten Fällen" eine psychische Ausnahmesituation oder Belastung. Häufig gehe dem Suizid eine Depression voraus. Die Risikogruppe ist groß: In Deutschland leiden aktuell laut Wittmann vier Millionen Menschen an einer Depression, aber nur fünf Prozent würden adäquat behandelt. Viele Betroffene und ihr Umfeld erkennen die Stimmungsveränderung nicht als krankhaft. Bei Männern käme dazu, darüber nur schwer sprechen zu können oder wollen.

Kernsymptome einer Depression seien Freudlosigkeit, Interessensverlust und Antriebslosigkeit. Dazu kämen körperliche Symptome, wie Schlaflosigkeit oder chronische Schmerzen. Einen "Lackmustest" (Wann ist jemand depressiv, wann nicht?) gäbe es nicht. Die Übergänge seien fließend, die Verläufe unterschiedlich. Wittmann warnt vor einem Unterschätzen. Eine Depression ohne Behandlung durchzustehen - "zu warten, bis das selber weggeht" - gelinge nur in Ausnahmen.

Weiden in der Oberpfalz

Ansprechpartner in Krisen

Was also tun? Betroffene oder ihre Angehörigen können ein Hilfsnetzwerk nutzen, das auch in der Nordoberpfalz "sehr breit gestreut" sei. Der einfachste Weg führt zum Hausarzt. Ansprechpartner ist auch der sozialpsychiatrische Dienst der Weidener Caritas. Leiterin Sonja Dobmeier ermuntert zur Kontaktaufnahme (Telefon 0961/389050). Derzeit arbeite man am Aufbau einer 24-Stunden-Notfallnummer, die Mitte 2019 in Betrieb gehen soll. Betroffene können sich an niedergelassene Psychiater und Psychotherapeuten, aber auch direkt an das Bezirksklinikum Wöllershof wenden.

Chefarzt Wittmann macht Mut, sich ärztlichen Beistand zu suchen. "Die Möglichkeiten der Behandlung sind sehr, sehr gut." Die große Mehrheit der Patienten verspüre schon bald eine deutliche Verbesserung. Und selbst wenn bis zum Termin beim Psychiater oder dem gewünschten Psychotherapieplatz Zeit vergehe, könne die Erstbehandlung schon beim Hausarzt starten.

Neunkirchen bei Weiden in der Oberpfalz

Gerade Männer über 55 Jahre sind bei Suizid überproportional vertreten. "Hier besteht hoher Aufklärungsbedarf", mahnt der Weidener Urologe Professor Theodor Klotz, Vorstand der Stiftung für Männergesundheit. Auch er sieht dahinter unentdeckte Depressionen, geschuldet der Alterseinsamkeit. Klotz weist aber auch daraufhin, dass jeder fünfte Sterbefall in der Altersklasse der 25-jährigen Männer auf Suizid zurückgeht. Dabei spielt laut Psychiater Wittmann eine evolutionsbiologisch bedingte hohe Impuls- und Aggressionsbereitschaft eine Rolle.

Hintergrund:

Ärzte der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität am Bezirksklinikum Regensburg haben die Suizidrate der Stadt Weiden untersucht. Titel der Arbeit: „Kleine Zahlen, große Ergebnisse: Suizidhochburg Weiden?“ Auslöser waren ungewöhnlich viele Selbsttötungen 2005 bis 2007, auf deren Basis der Stadt Weiden die „höchste Suizidrate Deutschlands“ (40 auf 100 000 Einwohner) attestiert wurde. Die Fachärzte warnen vor voreiligen Schlüssen: Es müsste eine größere Einwohnerzahl und ein längerer Zeitraum herangezogen werden. Schon wenn der Betrachtungszeitraum auf 2000 bis 2008 erweitert werde, gleiche sich der Wert (16) wieder an die durchschnittliche Suizidrate in Bayern (15) und Deutschland (13) an.

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