31.07.2018 - 20:41 Uhr
WindischeschenbachDeutschland & Welt

Abstrampeln bis zur Wahl

Es ist der emotionalste Moment des Tages, wie Markus Rinderspacher freimütig bekennt: "Darauf freue ich mich, seit ich um 4.30 Uhr aufgestanden bin", lechzt der SPD-Fraktionsvorsitzende dem Teicher-Zoigl entgegen - kein Wunder, bei gefühlten 40 Grad auf der ersten roten Rad-Tour dieses Landtagswahlkampfes.

Das Schönste am Radfahren: der Zoigl danach. Markus Rinderspacher (Zweiter von links), Annette Karl und die roten Radler beim Teicher.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Dabei ist dieser Hitze-Montag bis Mittag zwar arm an Getränken, keinesfalls aber an menschlicher Wärme. Zum zweiten Mal in diesem Jahrzehnt darf der Pfälzer mit der örtlichen Landtagsabgeordneten Händchen halten: bei der Erdbeben-Simulation in der Ausstellung des Geo-Zentrums an der KTB, der kontinentalen Tiefbohrung.

Der pensionierte Wasserwirtschaftler Manfred Riebl, ein schnellsprechendes Geologie-Lexikon, schiebt Annette Karl und ihren Chef auf eine rotierende Platte. Bei Stärke 7 kommt sich das sozialdemokratische Duo schnell näher, ringt händchenhaltend um das Gleichgewicht. "Können Sie auch schon das Erdbeben vom 14. Oktober vorhersagen?", kann sich Rinderspacher die nahe liegende Scherz-Analogie nicht verkneifen. Glück im Unglück für die SPD: Sie kann nicht mehr viel tiefer fallen.

Das Gesicht des SPD-Wahldebakels vor der Bundestagswahl war der völlig entnervte Martin Schulz im Zug. Markus Rinderspacher kann gar nicht so grimmig schauen. Er gibt sich trotz verheerender Umfragewerte (13 Prozent, Platz 3 hinter den Grünen) kämpferisch: "Die Messe ist noch nicht gelesen", pfeift das Mitglied der evangelisch-lutherischen Landessynode trotzig in den Oberpfälzer Wald. "Mehr als die Hälfte der Wähler ist noch unentschieden, die CSU steht vor dem Verlust der absoluten Mehrheit." Gut möglich, jedoch nicht wegen der Stärke der SPD.

Nie ernsthaft gestürzt

Aber gerade darum will der 49-Jährige strampeln bis zum Wahltag. "3000 Kilometer habe ich seit 2010 bei solchen Touren zurückgelegt", erinnert er jetzt optisch fast an den zweiten großen pfälzischen Radler - Rudolf Scharping. Aber anders als der frühere Verteidigungsminister ist der brave Kaiserslauterer noch nie ernsthaft gestürzt - weder vom Rad, noch über eine amouröse Affäre. "Es ist eine entscheidende Wahl", besteht der freundliche Politiker auf Ernsthaftigkeit. "Es geht um die Frage, bleibt der Freistaat solidarisch oder erhält er eine autoritäre Struktur und Staatsreligion, kommt die konservative Revolution, wie Dobrindt sie will, oder bleiben wir der Liberalitas Bavarica treu, wie sie seit 1733 auf der Klosterkirche St. Salvator zu Polling festgeschrieben steht?" Die Politik der Staatsregierung sieht er mit Grausen in Richtung "Orban light" abdriften.

Schnittig kommt er daher, der Markus Rinderspacher.

Tiefe Löcher bohren

Die roten Radler lernen in der nördlichen Oberpfalz nicht nur, dass Zoigl den Durst löscht. Sie bekommen einen Eindruck vermittelt, dass es den KTB-Geologen nicht besser geht als der SPD: Man muss verdammt tiefe Löcher bohren, um zu wesentlichen Erkenntnissen zu gelangen - den Bohrer gut schmieren und wässern, damit er an der harten Wirklichkeit nicht zerbricht. Und dennoch immer damit rechnen, erheblich vom Kurs abzukommen. Vor allem aber wissen Geologen und Sozialdemokraten: Es braucht einen immens langen Atem von der Entstehung der bayerischen Welt bis zu ihrer Übernahme durch die roten Radler.

Rote Radler bei Microsyst Windischeschenbach:

Tiefe Funklöcher

Harald Kilian ist ein Selfmade-Unternehmer ganz nach dem Geschmack der SPD-Landtagsabgeordneten Annette Karl. Der studierte Elektroingenieur kehrte nicht nur in die Region zurück, obwohl ihm die Türen der Konzerne offenstanden. Der hemdsärmelige leitende Angestellte griff dann auch noch zu, als die Microsyst zum Verkauf anstand. Heute entwickelt und produziert der Mittelständler in Windischeschenbach Anzeigesysteme für Messen, Außenwerbung vor allem aber die Autoindustrie – Verkehrsleitsysteme seien das große Thema der nächsten 15 Jahre. Bei der Diskussion mit Kilian wird aber auch deutlich: Trotz Breitbandoffensive des CSU-Heimatministeriums ist noch nicht alles Gold, was in der Halbleiterwelt glänzt: Auf Glasfaser wartet er seit zwei Jahren, auch wenn er mit dem Kupfer ganz gut leben kann. Und Richtung Weiden und Falkenberg muss der Unternehmer noch tiefe Funklöcher durchfahren. „Das kenne ich“, sagt Viel-Telefoniererin Karl, „das sind dann immer ganz stille Fahrten.“

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