12.07.2019 - 12:18 Uhr
Deutschland & Welt

Zeitzeuge Alexander Fried: Wer tot ist, kann nichts bezeugen

Alexander Fried hat drei KZ und den Todesmarsch an die Ostsee überlebt. Im vierten Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor über den Todesmarsch und die Heimkehr.

Das Foto „Arbeitsschluß! Die Häftlingen kehren ins Lager zurück“ (Originalunterschrift) ist Teil einer Ausstellung in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. Bilder aus dem Fotoalbum des ersten Kommandanten des einstigen Konzentrationslagers präsentieren fotografische Sichten aus dem Blickwinkel der SS-Täter.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Gebrüll vor dem Abmarsch aus Sachsenhausen. Die Häftlinge müssen sich wie zum Appell in großen Gruppen, vielleicht 500 Elendsgestalten mit Decken und Essgeschirr aufstellen. "Durchzählen!" Schani und sein neuer Freund Freddy Glasel bleiben zusammen. Keiner weiß, wohin es gehen soll. Sie sind schwach, krank, schleppen sich auf Holzschuhen, mit denen man nicht laufen kann, vorwärts.

Schlurfen, mehr nicht. Auf der Landstraße sind Fuhrwerke Richtung Westen unterwegs, Alte, Frauen, Kinder mit Gepäck und Kinderwagen. Der Krieg breitet sich aus, die Deutschen selbst sind auf der Flucht. Die Aufseher halten die Häftlinge von den Passanten fern. "Los, schneller, nicht stehen bleiben!" Ein SS-Mann in offenem Militärfahrzeug fährt die Elendskolonne auf und ab. Wer zusammenbricht, wird erschossen und liegen gelassen. Wenn es selten genug regnet, schleckt Schani nach den Tropfen. Ohne Vorwarnung metallisches Dröhnen in der Luft, Geknatter von Maschinengewehren.

Wie viele Tage?

Die Häftlinge aber müssen weiter, dürfen keinen Schutz suchen. Salven peitschen durch die Luft, Erde wird aufgewirbelt, Wagen stürzen um, Körper und Koffer fliegen durch die Luft, Menschen und Tiere verenden. Die Wachen aber bleiben. Nur spät in der Nacht kommt der Todesmarsch zum erliegen, die Todgeweihten sitzen oder liegen am Wegesrand, in einer Scheune. Wie viele Tage? In Wittstock nimmt Schani ein Stadttor wahr, ein Schild mit Schwerin. Etwas verändert sich, ein SS-Mann geht neben ihnen, er sucht das Gespräch: "Das hier ist nicht gut, ich weiß es selbst." Gegen die Kälte in der Nacht und den Hunger im Bauch hilft das aber auch nicht.

"Rechtes Bein heben, noch ein Schritt!" Manche versuchen von den toten Pferden zu essen, ohne sich erwischen zu lassen. "Zu Tieren sind wir selbst geworden", sagt Schani zu Freddy. Es ist nicht koscher. Der Magen krampft sich vor Ekel und Hunger. Löwenzahn blüht, Blätter kann man essen. Schüsse mal vorne, mal hinten. Hat jemand versucht, ein Blatt zu essen? Wenige Meter entfernt Kartoffeln im Acker. Schani sieht erschossene Häftlinge mit einer Kartoffel in der verkrampften Hand. Die Wachen suchen nach einem Grund für den nächsten Schuss. Wer tot ist, kann nichts mehr bezeugen.

Plötzlich ringt Freddy nach Luft, ein Asthmaanfall. Er schwankt, "ich kann nicht mehr weiter". Schani stützt ihn, sie stocken, halten den Zug auf. Der Wagen mit dem blonden SS-Fahrer: "Los, weiter, Judenpack!" Freddy strauchelt, ein Knall. Schani versteht nicht. Freddy stürzt, Blut quillt aus der Schläfe, Freddy Glasel ist tot. "Weiter, los, weiter, stell dich nicht an!" Schani schleppt sich weiter, ohne Kraft, leer. Nicht einmal sein Lied kann noch trösten. Den Freund, dem er schwor, sie würden zusammenbleiben, muss er im Stich lassen. Am Wegesrand. Aus dem Handgelenk eines gleichgültigen Henkers beiläufig in den Kopf geschossen.

Körper aus Haut und Knochen ohne Muskeln. Die Kraft reicht nicht, um sich zu beugen, zu setzen, geschweige denn zum Aufstehen. Wer liegt, ist tot. Vorwärts oder sterben. "Ich werde verlöschen." Schani lässt sich fallen. Das Nichts. Schwärze. Nach einer Weile öffnet er die Augen: Häftlinge stehen unruhig herum. Keine Wachen. Andere Soldaten. Russen. Schani setzt sich mit letzter Kraft auf. Von seinem Hügel sieht er eine kleine Stadt. Crivitz.

Unter 30 Kilo

Ein weißes Fahrzeug mit einem Roten Kreuz. Freundliche Frauen verteilen Pakete. Die knochrigen Hände zittern. Schani klappt den Pappdeckel hoch und staunt. Brot, Kekse, Käse, Schokolade. Das Glück, das zu betrachten. Aber essen? Die Organe taub, Magen, Bauchspeicheldrüse, Darm und Galle außer Betrieb. Jeder Keim kann jetzt tödlich sein. Ein alter russischer Soldat legt ihm die Hände auf die Schultern: "Wir haben dich befreit. Wir, das große russische Volk!" Die Soldaten schicken eine Ärztin. Er erkennt in ihr eine Jüdin. Schani ist berührt: Europäische, asiatische Menschen, Frauen und Männer kämpfen in einer Armee. "Du musst sehr vorsichtig mit dem Essen sein", warnt die Ärztin. Schani geht mit auf die Krankenstation, wird gewogen, weit unter 30 Kilo. Andere Befreite können nicht mehr stehen, müssen gegen eine Wand gelehnt werden, lebende Leichname. Schani braucht Flüssigkeit.

Amerikaner kommen dazu. Der Krieg ist vorbei. "Ich bin frei", sagt Schani leise vor sich hin. Wo sind die Mörder geblieben? Verschwunden, in Nichts aufgelöst. Sie haben sich umgezogen, die Uniformen, die Hakenkreuze, die Hitlerbilder abgelegt. Schani, der englisch und russisch spricht, dolmetscht zwischen beiden Welten. Er marschiert in das mit Flüchtlingen überfüllte Crivitz. "Ich nicht Nazi!", hört er immer wieder. Er geht in ein verlassenes Haus, auf dem Dachboden hängen Schinken und er findet Koffer mit Gewand. Er kleidet sich ein, zum Schluss einen Lodenmantel. Fried kuschelt sich in eine warme Decke und schläft lang und tief bis zum nächsten Morgen.

Immer noch Flüchtlingsströme auf der Straße. Befreite stoppen das Fuhrwerk einer alten Frau aus Schlesien, wollen es ihr abnehmen. Schani ist entsetzt: Hört die Rechtlosigkeit nie auf? "Lasst sie!" - "Bist du verrückt, das ist eine Nazi!" Nach einem Wortwechsel lassen sie ab, Schani kann nicht glauben, dass man auf ihn gehört hat. Er kehrt zu seinem Schlafplatz im verlassenen Haus zurück. Eines Tages sind die Koffer verschwunden, Russen suchen überall nach Uhren.

Mit dem Pferdegespann

Er zieht weiter. Zwei Pferde vor einem gepflegten Holzgespann. Kein Mensch zu sehen. Er besteigt den Bock, merkt, dass ihm die Pferde gehorchen. Er holt ein paar Sachen. Von Soldaten bekommt er ein Stück Papier als Legitimation. Er fährt gegen den Strom Richtung Berlin. Zwei junge Frauen am Wegrand, ungarische Jüdinnen, ein Stück älter als er. Unterwegs gestrandete Wagen, Tote, abgebrannte Gebäude. Wenn er nach Essen fragt, immer der gleiche Satz: "Ich nicht Nazi!" Ein Stück Brot, einen Schluck Milch, andere geben nichts. Fünf Kilometer vor Berlin auf einem Hügel ein Blick auf das zerstörte Germania. Beißender Geruch nach Rauch und Verwesung. In diese tote Stadt wollen sie nicht.

Sie fahren weiter, finden ein leerstehendes Haus mit eingemachtem Gemüse in den Schränken. Die Frauen machen Feuer, bereiten das Essen vor. Lärm, ein russischer Soldat kommt auf das Haus zu, betrunken. Er glotzt die Frauen an, zerrt sie ins Schlafzimmer, wirft sich auf sie. "Das hier sind jüdische Mädchen", sagt Fried auf Russisch, "ich hasse Gewalt, ich hasse Ungerechtigkeit, schäm' dich!" Er wirft sich auf den viel stärkeren Kerl. Gemeinsam mit den Frauen brüllt, tritt und ringt er, schlägt mit einem Buch nach dem Vergewaltiger. Fluchend zieht der Russe ab. Künftig wollen sie ihre Schlafplätze vorher besser auskundschaften. Einer hält Wache, die Türen sind verschlossen. Das Ziel: Stettin.

Sie fahren nach Nordosten, Schani will eigentlich Richtung Süden nach Žilina. Auch Stettin liegt in Trümmern. Er sucht einen Zug Richtung Heimat. Die Wege trennen sich. Schani schmerzt, dass er die guten Pferde ihrem Schicksal überlassen muss. Unter den vielen Wartenden am Bahnhof eine schwangere Frau am Boden. Ein Russe springt aus einem Wagen, "dawei, dawei", er steuert mit dem Maschinengewehr im Anschlag auf sie zu, "Frau komm!" Er zieht sie brutal an sich, wirft sie grob hin, vergewaltigt sie vor den Augen aller. Sie schreit und weint. Danach lässt er sie achtlos liegen. Schani will nur weg, weiter gegen Osten, gegen den Strom.

Letzte Etappe

Tatsächlich fährt ein Zug südwärts, ein völlig überfüllter Waggon mit Menschen auf den Trittbrettern. Am Boden sitzend schläft er ein, er sieht die Gesichter seiner ermordeten Freunde, Isi Miadownik, Kiki Alt, Schani Sproncz, Paul Zlattner, als sie in den Todeszug einsteigen. Hunderte argloser Ermordeter trägt er in Gedanken. Sie passieren Posen, Kattowitz, bis zur tschechoslowakischen Grenze. Er schlägt sich zu Fuß durch. Bei Bohumín erreicht er die Oder, Endstation der Bahnstrecke Žilina-Bohumín. Außer Betrieb!

Die Sonne steht hoch. Er geht weiter Richtung Ostrava. An den Armen einiger Menschen Armbinden mit einem großen schwarzen N für Nemec. Deutsche. Nach allem, was geschah, sind sie unerwünscht. Sie sind blass, einige werden beschimpft, gestoßen. Schani ist entsetzt: Hört der Wahnsinn mit den Abzeichen denn niemals auf? Er bricht auf, findet immer wieder einen Schlafplatz, etwas zu essen. Ceský Tesín, Cadca, wo er sich mit seinen Freunden auf die Reise nach Palästina vorbereite, die sie niemals antreten konnten. Hier hatte er die letzten Momente in Freiheit erlebt, ehe sie die Faschisten abtransportierten.

Letzte Etappe an der Waag nach Žilina. Was würde ihn dort erwarten?

Soldaten der US-Division zwingen deutsche Zivilisten aus Volary in Südböhmen sich die exhumierten Leichen von Juden anzusehen. Die Juden waren während eines Todesmarsches in den letzten Kriegstagen, in der Nähe des Ortes durch die SS ermordet und verscharrt worden.

Serie: Zeitzeuge Alexander Fried

Tirschenreuth
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.