08.09.2021 - 17:50 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Antibiotikaverbot beim Tierarzt: Stirbt Waldi an einer Mittelohrentzündung?

Ein Gespenst geht um unter Kleintierhaltern und in Tierarztpraxen. Sein Name: Antibiotikaverbot. Muss Waldi also bald an einer eitrigen Mittelohrentzündung sterben? Tierärzte im Landkreis sind sich mit ihrem Bundesverband einig: Ja.

Müssen Kleintiere wie Hunde und Katzen, aber auch Pferde künftig vorzeitig eingeschläfert werden wegen Erkrankungen, die behandelbar wären, für die jedoch Antibiotika notwendig sind, die für Tiere verboten werden sollen?
von Gabi EichlProfil

Die Altenstädter Tierärztin Dr. Tatjana Rolle geht so weit, ins Nicht-EU-Ausland auszuwandern, wenn das EU-Parlament sich Mitte September hinter den Vorschlag des Umweltausschusses stellt, den Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin deutlich einzuschränken. Denn, so sagt sie gegenüber Oberpfalz-Medien: „Ich könnte so nicht weiterarbeiten. Meine Tätigkeit als Tierärztin, die ich ausübe, um kranken Tieren helfen zu können, wäre ein Hohn.“

Um was geht es? 2022 soll nach den derzeitigen Plänen in der EU eine neue Tierarzneimittelverordnung in Kraft treten, die die Verwendung einer Reihe von Antibiotika in der Tiermedizin einschränken würde.

Antibiotika in Massentierhaltung

Es geht in erster Linie darum, dem Missbrauch von Antibiotika in der Massentierhaltung Einhalt zu gebieten. Und es geht um die sogenannten Reserve-Antibiotika, also die, die auch dann noch helfen sollen, wenn alle anderen versagen, etwa gegen multiresitente Keime.

Speziell diese Reserve-Antibiotika, denen auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) höchste Priorität einräumt, sollen dem Menschen vorbehalten bleiben. Darauf zielt eine Resolution des EU-Umweltausschusses, angestoßen von dem deutschen Europaabgeordneten Martin Häusling (Bündnis 90/Die Grünen), die die Tierarzneimittelverordnung in Bezug auf die Verwendung von Antibiotika präziser gefasst sehen will.

Petition mit mehr als 330.000 Unterschriften

Die Krux: Gemäß Tierarzneimittelverordnung ist es derzeit nicht möglich, den Antibiotikaeinsatz nur in der Massentierhaltung einzuschränken. Ein Verbot bestimmter Präparate würde gleichermaßen für Kleintierpraxen gelten, aber auch für die Behandlung von Pferden. Dagegen läuft der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) Sturm und mit ihm Kleintierhalter, Tierarztpraxen, aber auch der renommierte Tierschutzbund. Der Tierärzte-Verband hat eine Unterschriftensammlung angestrengt, außerdem hat ein Privatmann auf der Plattform change.org eine Petition ins Leben gerufen, die aktuell mehr als 330.000 Menschen unterschrieben haben.

Vorzeitiges Todesurteil für viele Tiere

Die Altenstädter Tierärztin Dr. Rolle ist in ihren Aussagen sehr deutlich: „Im kleintiermedizinischen Alltag müssten Tiere schlichtweg euthanasiert werden, weil keine passende Medikation zur Verfügung stünde und wir sie ja nach Tierschutzgesetz nicht leiden lassen dürfen.“ Sollten bestimmte Antibiotika verboten werden, sei das gleichbedeutend mit einem vorzeitigen Todesurteil in vielen Fällen. „Ein Hund mit eitriger Mittelohrentzündung – nicht mehr behandelbar. Die Krankheit erfordert eines der dann verbotenen Medikamente.“ Eine Alternative gebe es nicht. Und da eine Mittelohrentzündung außerordentlich schmerzhaft sei, würde sie, um das Tier nicht unnötig leiden zu lassen, zum Einschläfern raten.

Ähnlich äußert sich die Vohenstraußer Tierärztin Yvonne Federl, die darauf verweist, dass Tierärzte in den vergangenen Jahren „schon 60 Prozent weniger Antibiotika“ verwendet hätten und diese „auch in der Kleintiermedizin unser Bestes geben, um Resistenzen entgegenzuwirken“. So werde schon jetzt vor der Gabe eines Antibiotikums umfangreich getestet und untersucht, inwieweit es voraussichtlich wirksam sei. Ein nicht unerheblicher Aufwand, der jedoch helfe, den Einsatz von Antibiotika deutlich zu verringern. Aber: „Generelle Verbote vieler in der Tiermedizin für die Gesunderhaltung dringend erforderlicher Antibiotika-Arten gefährden das Leben vieler Tiere“, sagt Federl.

"Gut gemeint, aber nicht gut gemacht"

Heiko Färber, der Geschäftsführer des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte, sieht eigenen Worten zufolge gute Chancen dafür, das EU-Parlament durch die Unterschriftensammlungen sensibilisiert zu haben für das Problem, dass mit Annahme des Entwurfs des Umweltausschusses Massentierhalter und jeder einzelne Hunde- oder Pferdebesitzer über einen Kamm geschoren würden. Den Vorstoß Häuslings bezeichnet Färber als „gut gemeint, aber nicht gut gemacht“.

Der Streit zwischen dem Verband und Häusling ist im Internet zu verfolgen, sei es auf den jeweiligen Webseiten oder in den sozialen Medien. Beide Seiten werfen sich vor, „unrichtige Aussagen“ zu verbreiten und drohen gar mit rechtlichen Schritten. Häusling bezichtigt den Verband in einem offenen Brief, private Tierhalter „völlig unnötig“ zu verunsichern, es gehe allein um die Praxis in der Massentierhaltung.

Es gibt aber auch Kritiker des Tierärzte-Verbandes in den eigenen Reihen, die mehr oder weniger deutlich sagen: Wenn es um lebenswichtige Reserve-Antibiotika geht und um die Entscheidung, ob Mensch oder Tier, dann müsse die Entscheidung zugunsten des Menschen fallen – mit allen Konsequenzen für Hund und Katze und Pferd.

Darum fehlen Tierärzte auf dem Land in der Oberpfalz

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Tierarztmangel auch im Landkreis Neustadt/WN

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Unterwegs mit Tierarzt Tobias Guggenmos

In vielen Tierarztpraxen lagen in den vergangenen Wochen Unterschriftenlisten des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (bpt) aus. Im Internet hat ein Privatmann bereits über 330.000 Unterschriften für eine Petition gesammelt.
Hintergrund :

Die neue Tierarzneimittelverordnung und die verschärfende Resolution

  • Von 2022 an soll EU-weit eine neue Tierarzneimittelverordnung gelten
  • Oberstes Ziel: Den Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin beschränken, um die Wirksamkeit von Antibiotika für den Menschen zu sichern
  • Nach Prüfung durch verschiedene EU-Behörden kommt es zu einem Kompromiss, der dem Europa-Abgeordneten Martin Häusling (Bündnis 90/Die Grünen) nicht weit genug geht
  • Der EU-Umweltausschuss fordert auf Betreiben Häuslings, die Einschränkungen präziser zu formulieren
  • Um zwischen dem Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung und der Tierarzt-Praxis zu unterscheiden, müsste die Tierarzneimittelverordnung neu formuliert werden
  • Mitte September entscheidet das EU-Parlament, ob es dem Umweltausschuss folgt
  • Eine Neuformulierung der Tierarzneimittelverordnung müsste an die EU-Mitgliedsstaaten zurückgegeben werden, aber die Verordnung soll schon 2022 in Kraft treten

 

 

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