28.03.2021 - 13:10 Uhr
GebenbachDeutschland & Welt

Der Doktor und das liebe Vieh: Auf dem Land fehlen Ärzte für die großen Tiere

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Von Gebenbach im Kreis Amberg-Sulzbach nach Schmidgaden im Kreis Schwandorf und weiter nach Wurz im Kreis Neustadt: Tierarzt Tobias Guggenmos ist viel unterwegs. Und das nicht unbedingt freiwillig. Ein Tag mit ihm auf Visite.

Kein Job für Zartbesaitete: Tierarzt Tobias Guggenmos untersucht eine Patientin im Kuhstall.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Tobias Guggenmos ist Mediziner, aber einen weißen Kittel trägt er nicht. Mit robuster Arbeitshose, Gummistiefeln und warmer Fleecejacke steigt er in Gebenbach bei Hirschau in seinen geräumigen Van. Vor ihm liegen gut 130 Kilometer Strecke, die ihn durch drei Landkreise führen werden. Erst vor einer halben Stunde ist er von einem Notfalleinsatz nahe Pleystein zurückgekommen – 100 Kilometer hat er allein damit schon hinter sich, und der Tag ist noch lang.

Großtier-Praktiker fehlen

Guggenmos ist Tiermediziner und spezialisiert auf Groß- und Nutztiere. Seine Patienten leben auf Bauern- oder Reiterhöfen: Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen, Schweine und in jüngster Zeit auch Lamas und Alpakas. Während seiner täglichen Morgensprechstunde, die um 6 Uhr beginnt, erreichte Guggenmos der Anruf eines Pferdebesitzers aus Pleystein. Ein Tier hatte sich eine klaffende Wunde an der Flanke zugezogen. Noch vor 8 Uhr morgens war Guggenmos unterwegs in Richtung Grenze. "Östlich der A 93 bis zur Tschechischen Republik gibt es auf 60 Kilometern nur noch zwei Großtierpraktiker und keinen einzigen Pferdespezialisten. Deshalb übernehme ich das."

Guggenmos ist der Oberpfälzer Bezirksvorsitzende der bayerischen Landestierärztekammer. Die Entwicklung seines Berufsstandes treibt ihn zunehmend um: "Auch unter den Tierärzten hat die Landflucht eingesetzt", klagt er. Die verbliebenen Praktiker müssen sich um immer mehr Tiere kümmern, die Notfallversorgung sei kaum noch zu stemmen. "Dabei spielen gerade die Notfälle im tierärztlichen Alltag eine große Rolle." Durch die zunehmende Ausdünnung der Großtierpraxen würden die Wege zu den Patienten immer länger und die Kosten immer höher. "Da ist eine reelle Abrechnung kaum noch möglich", sagt Guggenmos: "Andererseits finde ich es aber auch nicht wirklich befriedigend, wenn ich für ein Taschengeld arbeite."

Unterwegs mit Tierarzt Tobias Guggenmos

Region nicht attraktiv

Nach einer kurzen Verschnaufpause zu Hause ist Guggenmos um 10.30 Uhr schon wieder auf Achse. Der Tierarzt steuert sein Auto über kurvenreiche Landstraßen. Nachts hat es geschneit, die Landschaft bietet einen idyllischen Anblick. Doch der Veterinär sagt: "Unsere Region ist für Tierärzte unattraktiv." Nicht einmal mit besserer Bezahlung ließen sich Nachwuchsmediziner in die nördliche Oberpfalz locken. "So viel Geld kann man gar nicht bieten." Guggenmos erreicht sein Ziel in der Gemeinde Schmidgaden und biegt auf einen Milchviehhof ein. Die Bäuerin wartet schon und nimmt ihn gleich in Empfang. Am Ende des Laufstalls quetschen sich beide durch das Metallgatter und arbeiten sich zwischen neugierigen Rindern bis zur braungefleckten Patientin vor. Auch sie ist ein Notfall – ein Scheidenblattvorfall macht der Kuh zu schaffen, erschöpft hat sie sich hingelegt. So kann der Arzt sie aber nicht behandeln. "Wir müssen sie jetzt erst einmal zum Stehen bringen", erklärt Guggenmos.

Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen so bleiben, können wir die Probleme nicht lösen.

Tobias Guggenmos, Tierarzt aus Gebenbach

Körperlich fordernd

Als die Kuh endlich steht und fixiert ist, macht Guggenmos sich ans Werk. Er zieht einen Plastikkittel und armlange Einmalhandschuhe über. Erst untersucht er das mehrere hundert Kilo schwere Tier, dann operiert er es, "natürlich unter Narkose". Die Arbeit ist körperlich fordernd und der Stall alles andere als ein steriler, gut ausgeleuchteter Operationssaal. Endlich ist es geschafft: "Ich habe den Scheidenvorfall zurück verlagert und die Scheide so verschlossen, dass die Kuh noch Urin lassen kann", erklärt der Veterinär. Es sehe gut aus, doch er komme in einigen Tagen nochmals zur Kontrolle vorbei.

Guggenmos wechselt das Schuhwerk, bevor er wieder ins Auto steigt. Statt Gummistiefeln trägt er jetzt Sicherheitsschuhe. "Tiermedizin hat in der Realität nicht sehr viel mit Romantik zu tun", fasst er den Einsatz im Kuhstall zusammen. Eigentlich liege der Hof gar nicht in seinem Zuständigkeitsbereich, erzählt Guggenmos weiter. Doch der langjährige Veterinär der Landwirtsfamilie sei in den Ruhestand gegangen und Ersatz schwer zu finden. "Mein Vorgänger hat sich persönlich bei mir eingesetzt, dass ich hier übernehme." Die Bauern seien sehr nette, um einen gesunden Viehbestand bemühte Leute, deshalb habe er trotz der Entfernung zugesagt.

Stute braucht Hilfe

Von Schmidgaden geht es übers Land bis nach Wernberg-Köblitz und dort auf die Autobahn Richtung Hof. Der Großtierarzt steuert sein nächstes Ziel an, das Dorf Wurz nördlich von Neustadt an der Waldnaab. Auf dem "Lipperthof", einem Gestüt für Islandpferde mit Pensionsbetrieb, hat eine junge Frau ihre Stute "Embla" eingestellt. Auch sie ist ein Notfall: Am Abend zuvor diagnostizierte Guggenmos bei dem Tier eine Dickdarmentzündung. Jetzt geht es dem sechs Jahre alten Pferd schon besser. Der Veterinär hört mit dem Stethoskop die Darmgeräusche ab und befragt die Besitzerin eingehend. Hat die Stute erhöhte Temperatur? Frisst sie? Hat sie noch immer Durchfall? Der fahlgelbe Isländer bekommt drei Injektionen, dann ist Guggenmos auch hier fertig: "Embla" ist wohl über den Berg, die Besitzerin atmet erleichtert auf.

Isländerstute "Embla" ist ein Notfall vom Vorabend. Tobias Guggenmos kommt zur Kontrolle vorbei.

"Tatsächlich interessieren sich viele junge Frauen für ein Studium der Veterinärmedizin, weil sie ein Pferd haben oder reiten gehen", erzählt Tobias Guggenmos auf der Rückfahrt ins heimatliche Gebenbach. Inzwischen habe sich der Frauenanteil unter den Veterinären auf gut 85 Prozent eingependelt, und das schon seit Jahren. Doch die "Verweiblichung" des Berufsbildes bringe Probleme mit sich. Frauen wollten oder könnten nicht das ganze Jahr rund um die Uhr im Einsatz beziehungsweise abrufbereit sein, wie es bei praktischen Landtierärzten lange Zeit üblich gewesen sei. "Es gibt viele fähige Frauen in der Tiermedizin, die absolut taff sind, keine Frage", sagt Guggenmos, "aber wenn die Frauen schwanger sind, können sie im Grunde nicht mehr arbeiten, weil das im Großtierbereich zu gefährlich und körperlich sehr anstrengend ist."

Schwer zu organisieren

Als Mütter wechselten viele Veterinärmedizinerinnen dann in Teilzeit, was die Arbeitgeber in den Praxen vor neue Probleme stelle. "Das ist sehr schlecht zu organisieren", erklärt Guggenmos: "Die gesetzliche Höchstarbeitszeit beträgt acht Stunden, danach müssen elf Stunden Ruhezeit eingehalten werden. Um Notdienst zu machen, muss ich also zwei Vollzeitkräfte oder vier Teilzeitkräfte einstellen." Letzten Endes bleibe die auch finanziell wenig lukrative Notfallversorgung daher an den Praxisinhabern hängen, "denn die Chefs sind als Einzige nicht durch gesetzliche Regelungen geschützt". Da verwundere es nicht, dass Nachwuchsveterinäre inzwischen Beamten- oder Angestelltenverhältnisse klar bevorzugten. Guggenmos zieht ein bitteres Fazit: "Es läuft auf immer größere Einheiten hinaus. Kliniken mit bis zu 40 Tierärzten sind auf dem Vormarsch."

Es sehe nicht gut aus für die tierärztliche Versorgung auf dem Land, resümiert Guggenmos, während er im Auto über Lautsprecher seine Mailbox abhört. Kein weiterer Notfall kündigt sich an, stellt er erleichtert fest. "Wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen so bleiben, können wir die Probleme nicht lösen. Wenn ich nur noch Leute habe, die das alles nicht leisten wollen, muss sich grundlegend etwas ändern. Wenn keine Praxen da sind, kann ich auch niemanden zum Notdienst verpflichten." Mehr als je zuvor müssten die klassischen Landtierärzte hundertprozentig hinter ihrem Beruf stehen, sagt Guggenmos: "Es ist eine unheimlich befriedigende Arbeit. Es sind die Begleiterscheinungen, die einen mürbe machen."

Tierarztparxis in Vohenstrauß schlägt Alarm

Vohenstrauß
Hintergrund:

Anmerkung der Redaktion

Sowohl Tierarzt Tobias Guggenmos als auch die Mitarbeiterinnen von Oberpfalz-Medien nahmen unmittelbar vor dem gemeinsamen Termin Corona-Schnelltests vor, die negativ waren. Alle Beteiligten trugen FFP-2-Masken und wahrten die Abstandsregeln.

Hintergrund:

"Zukunftskonzept Landtierärzte" in Bayern

Binnen weniger Jahre hat sich die Zahl der in Bayern niedergelassenen Tierärzte für die Versorgung von Nutztieren um ein Drittel verringert: Von 1200 im Jahr 2014 sind aktuell noch rund 820 übrig. Mit einem im November 2020 vorgestellten "Zukunftskonzept Landtierärzte" will Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) der dramatischen Entwicklung gegensteuern. Das Konzept sieht die folgenden fünf Punkte vor:

  • Detaillierte Analyse über Bedarf und mögliche Versorgungslücken bis zum Herbst 2021
  • Start eines bundesweit einzigartigen interdisziplinären Weiterbildungsstudiengangs "Tiergesundheitsmanagement" für Tierärzte im Wintersemester 2021
  • Prüfung von Niederlassungsprämien für den ländlichen Raum und Förderung innovativer Praxismodelle
  • Mehr Einkommen durch verbesserte Honorierung tierärztlicher Leistungen
  • Aufbau eines Spezialisten-Netzwerks

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